Bea F. traute ihren Augen nicht: Vor vier Tagen hatte sie die Tagescreme, eine Antifalten- und Straffheitspflege für reifere Haut, gekauft. Jetzt war das «Revitalift»-Töpfchen für gut 15 Franken schon zu zwei Dritteln leer. Der Grund für das Schwinden der Salbe war rasch gefunden: Ihr Mann hatte heimlich ebenfalls ins Töpfchen gelangt. Und das nicht zu knapp. Bevor der 55-Jährige die Antifaltencreme aufs Gesicht auftrug, hatte er das schnell einziehende Produkt grosszügig zwischen den Händen verrieben.

Es ist noch nicht allzu lange her, da galten Cremen und Salben als völlig unmännlich, waren etwas für Softies und Schwule. Heute greifen immer mehr Männer zu Pflegeprodukten die älteren Herren vielfach heimlich, die jüngeren mit wachsender Selbstverständlichkeit. Einige scheuen selbst den Schritt in den Kosmetiksalon nicht mehr. Vor allem Geschäftsherren, sagt Astrid Brunner vom Beautysalon «Move, relax & care for gentlemen» in Dietikon ZH, gönnen sich schon mal eine Gesichtsmaske. Astrid Brunner färbt aber auch ergraute Brusthaare oder blonde Wimpern, zupft an der Nasenwurzel zusammengewachsene Augenbrauen, verpasst geplagten Managerhänden eine Maniküre, macht Fusspflege und entfernt Haare dort, wo sie eigentlich nicht spriessen sollten: in den Ohren, den Nasenlöchern, am Nacken, in den Achselhöhlen und im Intimbereich. «Immer mehr Männer», sagt Brunner, «betreiben einen ähnlich grossen Aufwand für die Körperpflege wie die Frauen.»

Das freut die Frauen. «Wir haben es nicht mehr länger nötig, einen fetten Stinker daheim auf dem Sofa zu akzeptieren», schreibt eine Susanna, 35, auf der Internetseite des Lifestylemagazins «Cosmopolitan» zum Thema «Müssen Männer schön sein?». Über 100 Frauen und eine Hand voll Männer haben sich dort zu dieser Frage geäussert. Der Tenor der Frauen ist klar: Den Männern soll es nicht anders ergehen als den Frauen. Wenn schon Schönheitsterror, dann für beide Geschlechter. Dennoch: Pflege kommt für die meisten Frauen vor Schönheit. «Ein gewisses Mass an Pflege wie duschen, Zähne putzen, ein frisch rasiertes Gesicht, saubere Fingernägel und gewaschene Haare verlange ich schon», schreibt die 24-jährige Lissie.

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Doch Wilfried Weissenfels, 59, macht die Frauen darauf aufmerksam, dass viele Männer gar nicht wüssten, wie sie sich pflegen und verschönern könnten. Er selber hat damit allerdings keine Probleme. Seit beinahe 40 Jahren geht der verheiratete Familienvater regelmässig zur Kosmetikerin. Und: «Demnächst will ich mir meine Tränensäcke beseitigen und die Lidfalten straffen lassen», verkündet er den «Cosmopolitan»-Frauen stolz.

Dass viele Männer ratlos vor dem Spiegel stehen, hat auch Astrid Wronsky festgestellt. Deshalb hat sie dem «starken Geschlecht» einen «Pflege-Guide» zusammengestellt. Auf 182 Seiten erklärt sie den Männern, dass ein Conditioner eine Haarpflegespülung ist, weshalb eine Gesichtsmaske auch der Männerhaut gut tut, was gegen Fussschweiss und Körpergeruch getan werden kann, was Haarwuchsmittel wirklich können oder wann eine Nassrasur der Trockenrasur vorzuziehen ist.

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Dabei stellt man fest: Zwischen den beiden Geschlechtern gibt es punkto Pflege keine gravierenden Unterschiede. Auch der Mann sollte täglich sein Gesicht reinigen, tonisieren und eincremen, Zähne putzen, mehrmals wöchentlich die Haare waschen, Fingernägel säubern, die Nagelhaut bürsten, Bodylotion auftragen, die Hornhaut an den Fusssohlen bearbeiten, monatlich ein bis zwei Gesichtspeelings und Gesichtsmasken machen, bei strapaziertem Haar eine Haarkur einmassieren und sich wenn nötig enthaaren.

Wer gut aussehen will, muss nicht gleich in den Kosmetiksalon rennen Wronsky weiss auch ein paar Hausrezepte. Eine Maske für straffere Haut beispielsweise benötigt bloss ein Eigelb, zwei Teelöffel Honig, etwas Rahm und einen Esslöffel Quark. Die zu einem Brei verrührte Masse streicht man dann auf Gesicht und Hals und lässt sie 20 Minuten wirken. Wer einmal eine Gesichtsmaske gemacht hat, weiss: Sie wirkt wie eine Totalsanierung.

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Die «Karosserie» braucht Pflege

Grossen Aufwand für eine präsentable Erscheinung betreibt Schönheitsexperte Jörg Kressig. Er geht regelmässig in Saunas, Solarien, zu Massagen, besucht Aerobicstunden und Fitnessräume, badet gern in ätherischen Ölen, schabt sich die Hornhaut an den Füssen weg, liess sich die Zähne beim Zahnarzt aufhellen und achtet auf eine gesunde Ernährung «bloss Schokolade kann ich nicht widerstehen». Kressig sieht diese Bemühungen pragmatisch. «Ein Auto funktioniert nur reibungslos, wenn sowohl die Karosserie als auch der Motor gepflegt werden.» So sei es auch beim Menschen. Wirklich ausgeglichen sei nur, wer auf Körper und Seele achte.

Auch die Kosmetikbranche sieht im Mann ein neues Opfer und hat reagiert. «In Japan», sagt Astrid Wronsky, «bieten die Kosmetikfirmen den Männern nahezu die gleich grosse Palette an wie den Frauen.» In der Schweiz dürfte es ebenfalls nicht mehr lange dauern, bis es für jede Männerfalte eine separate Salbe gibt. Die Werbung jedenfalls nutzt die neu entdeckte Eitelkeit der Männer. Der Rasierapparat wird nicht mehr über ausgeklügelte Technik, sondern das glatt rasierte energische Kinn und den ebenso glatten, glänzenden Oberkörper angepriesen. Ob Shampoo, Haargel, Parfum oder Zahnpasta: Verkauft werden die Produkte in der Werbung nicht mehr allein über verführerische Frauen, sondern zunehmend über kosmetisch aufgepeppte Männer mit durchtrainiertem Körper.

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Körpergeruch kommt schlecht an

Obwohl sich Mann und Frau in der Körperpflege nicht gross unterscheiden, kann der Mann bei der Oberflächenbehandlung laut Wronsky nicht in jedem Fall die gleichen Produkte verwenden wie die Frau. Die Haut zum Beispiel ist bei Männern robuster, grossporiger und fettreicher; sie braucht bloss Feuchtigkeit, aber kein Fett. Deshalb: Finger weg von den Tuben und Töpfchen der Partnerin. Auch Puder und Make-up sehen auf der grobporigen Männerhaut nicht besonders schön aus. Die positive Wirkung von innen wird aber bei beiden Geschlechtern auf die gleiche Weise erreicht: gesunde Ernährung, genügend Schlaf man spricht nicht umsonst von Schönheitsschlaf und viel trinken. Wronsky empfiehlt mindestens zweieinhalb Liter Wasser täglich. Flüssigkeitsdefizite sind nicht zuletzt verantwortlich für Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Müdigkeit und schlechte Haut.

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Doch Vorsicht vor allzu grossem Aufwand: Die Frauen wollen nicht, dass die Männer mehr Zeit vor dem Spiegel verbringen als sie selbst. Auch Schönheitsoperationen finden sie übertrieben. «Ein Mann ohne Schönheitsfehler ist kein Mann, sondern eine Frau», bringt es die 20-jährige Janie auf den Punkt. Was aber die Frauen gemäss «Cosmopolitan» am meisten stört, ist Körpergeruch. Auch ungepflegte Zähne und einen Bierbauch können Frauen nicht leiden. Und: «Das Schlimmste an Männerkörpern sind die Füsse», findet Bine, 29. «Ihr angeblich so unwiderstehlichen Superkerle, duschen allein reicht da nicht aus. Geht mal zur Fusspflege.»