Beobachter: Ab dem 1. Mai gilt das Rauchverbot in Gaststätten praktisch schweizweit. Kommen nach den Rauchern die Dicken an die Kasse?
Martin Hafen: Tatsächlich ist es typisch für Prävention, dass man zuerst ein Problem thematisiert – zum Beispiel das Übergewicht –, dann vor negativen Folgen warnt, um letztlich auch Schuldzuweisungen an diejenigen zu machen, die das Problem nicht in den Griff bekommen.

Beobachter: Kürzlich behauptete das Bundesamt für Gesundheit sogar, Übergewichtige würden unser Gesundheitssystem immer mehr belasten.
Hafen: Das mag sachlich richtig sein, doch solche unterschwelligen Schuldzuweisungen sind ethisch heikel. Es gibt ja auch Faktoren für das Übergewicht, die vom Betroffenen kaum beeinflusst werden können.

Beobachter: Ist das Kostenargument nicht falsch? Übergewichtige und Raucher haben ja eine kürzere Lebenserwartung. Eine Studie aus Holland zeigt, dass sie das Gesundheitswesen deutlich weniger belasten. Am teuersten sind normal­gewichtige Nichtraucher, die im Alter an zahlreichen Krankheiten leiden.
Hafen: Das zeigt, wie einseitig eine auf Kosten fixierte Argumentation ist. Man könnte daraus ja ableiten, ein möglichst kurzes Leben wäre besonders gesellschaftsverträglich. Das kann aber kaum der Sinn des Lebens sein. Jede Gesundheitspolitik muss darum zum Ziel haben, die Dauer chronischer Krankheiten möglichst zu reduzieren, unabhängig von der Länge eines Lebens.

Beobachter: Wem wird nach den Übergewichtigen die Kostenfalle gestellt?
Hafen: Denkbar ist, dass schwangere Frauen unter Druck kommen. Die pränatale Diagnostik ermöglicht es, Behinderungen wie das Down-Syndrom früh zu erkennen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Forderung aufkommt, solche Kinder abzutreiben oder die medizinischen Folgekosten selber zu bezahlen. In Amerika wird diese Diskussion bereits geführt. Ich finde Debatten, die auf eine Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen hinauslaufen, sehr bedenklich. Sie schliessen die Betroffenen aus, bewirken aber kaum Verhaltensänderungen.

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Beobachter: Gesundheit wird in Umfragen regelmässig als wichtigstes Gut genannt. Das Leben wird zur permanenten Prävention.
Hafen
: Diese hohe Bewertung der Gesundheit wäre kein Problem, würde nicht gleichzeitig alles Ungesunde diskreditiert. Eine Krankheit wird so zu einer Art Quittung für verwerfliches Verhalten. Dabei kann sie unterschiedlichste Ursachen haben. Eine Krankheit kann auch ein Warnsignal sein, um etwas in seinem Leben zu verändern. Sie ist nicht an sich etwas Schlechtes.

Beobachter: Der deutsche Arzt und Theologe Manfred Lütz meint, der Gesundheitswahn würde die Religion ersetzen. Weil die Menschen nicht mehr an ein ewiges Leben glaubten, würden sie nicht mehr sterben wollen.
Hafen: Ich habe eine andere Erklärung: Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft, die die Leute enorm verunsichert. Wir müssen ständig zwischen 1000 Möglichkeiten entscheiden. Vor 100 Jahren war für einen jungen Menschen relativ klar, was er für einen Beruf ergreifen kann und wie er sein Leben führen wird. Er war Teil einer Gemeinschaft. Heute ist der eigene Körper und dessen Gesundheit ein zentraler Orientierungspunkt geworden. Spitzensportler und Models bieten sich hier als Vorbilder an.

Beobachter: Prävention bedeutet Lustverzicht. Dafür lebt man dann ein paar Jahre länger, möglicher­weise schwer krank. Lohnt sich das?
Hafen: Gesundheitsförderliches Verhalten kann durchaus Spass machen. Für mich ists der Sport. Regelmässig Freunde zu treffen und sozial aufgehoben zu sein ist auch gesund.

Beobachter: Präventionskampagnen arbeiten oft mit Abschreckung: Krankheiten auf jedem Zigarettenpäckchen, dicke Kinder, die sich über Schulhöfe schleppen. Was bewirken solche Bilder?
Hafen: Klar ist: Eine übertriebene Abschreckung wirkt kontraproduktiv. Erst recht wenn sie massenmedial verbreitet wird. Das ist statistisch erhärtet.

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Beobachter: Jeder weiss, dass Alkohol, Tabak und zu fetti­ges Essen nicht gesund sind. Warum wird einem das dennoch um die Ohren geschlagen?
Hafen: Präventionskampagnen erwecken oft den Eindruck, die Leute wüssten zu wenig über eine bestimmte Gefahr. Dem ist meist nicht so, darum sind reine Informationskampa­gnen auch nicht besonders wirksam. Entscheidender sind das Vorbildverhalten der Eltern und anderer Bezugspersonen sowie generell eine gute soziale Einbettung. Das zeigen die wissenschaftlichen Studien seit vielen Jahren.

Beobachter: Wieso macht man dann so teure Kampagnen?
Hafen: Es geht darum, das Problembewusstsein in der Bevölkerung hochzuhalten, was erst weitere Massnahmen auf anderen Ebenen ermöglicht, etwa ein gesetzliches Verbot. Vor zehn Jahren hätte ein Rauchverbot ­keine Chance gehabt. Durch jahrelange Kampagnen wurde es erst mehrheitsfähig.

Beobachter: Die Kampagnen sind also dazu da, schärfere Massnahmen vorzubereiten.
Hafen: Nicht unbedingt schärfere Massnahmen, aber solche auf andern Ebenen, wie gesetzliche Bestimmungen oder eine Preispolitik, die das konkrete Verhalten beeinflussen. Die hohen Preise für Zigaretten sind bei Jugendlichen zum Beispiel relativ wirksam.

Beobachter: Das Bundesamt für Gesundheit behauptet, dass sich Präventionsmassnahmen in den Bereichen Alkohol, Tabak und Verkehrsunfälle ökonomisch gelohnt haben. Die gesamtgesellschaftlichen Ersparnisse sollen die Kosten überwiegen.
Hafen: Das stringent zu beweisen ist sehr schwierig. Man weiss ja nie genau, was der Grund für eine Verhaltensänderung ist: die Kampagne, eine Modeströmung oder sich langsam verändernde Werte. Die Studie scheint jedoch sehr sorgfältig gemacht zu sein; gerade für die Politik ist es wichtig, immer mehr solche Nachweise der Kosteneffizienz von Präventionsmassnahmen zu haben.

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Beobachter: Wo sollen künftig Schwerpunkte in der Prävention gesetzt werden?
Hafen: In der Familienpolitik, weil es für den späteren Lebenswandel entscheidend ist, dass Kinder in einer sozial anregenden und unterstützenden Umgebung aufwachsen. Eine familienfreundliche Politik ist eine weit effektivere Prävention als jede Kampagne gegen Rauchen oder Übergewicht. Der zweite Bereich sind die Unternehmen. Der hohe Anteil von IV-Renten wegen psychi­scher Erkrankungen hat etwas mit Über­lastung und mangelnden Sozialkontakten am Arbeitsplatz zu tun.