Der Mensch schläft weniger: Vor rund hundert Jahren verbrachten die Menschen in den Industriestaaten durchschnittlich neun Stunden im Bett, in den siebziger Jahren waren es nur noch acht Stunden. Seither ist die Schlafzeit erneut um eine halbe Stunde gesunken.

Die Menschen versuchen immer mehr, Zeit und Dauer des Schlafs zu kontrollieren und ihren Bedürfnissen anzupassen. Sie wollen schlafen oder wach sein, wenn es ihnen gerade passt – und schlucken Schlaf- und Aufputschmittel. Doch die Psyche reagiert sehr schnell auf Schlafentzug: Motivation und Lebensfreude schwinden, und die Leute sind gereizt und verstimmt.

Bei Schlafmangel nehmen auch die geistigen Fähigkeiten sowie die Konzentration ab. «Die Gehirnfunktionen werden auf einfache Aspekte reduziert. Das kreative Denken ist stark eingeschränkt», sagt Professor Alexander Borbely vom Pharmakologischen Institut der Universität Zürich. Und der kanadische Psychologe Stanley Coren weist darauf hin, dass sich die Reaktionszeit nach einer schlaflosen Nacht verdoppeln kann. Andere Schlafforscher vergleichen die Wirkung auf die Reflexe mit 0,8 Promille Alkohol.

Wegen Schlafmangels nicken Leute tagsüber häufig kurz ein. Dies hat Folgen: In der Schweiz gehen rund 15 Prozent der polizeilich erfassten Unfälle auf den Sekundenschlaf zurück.

Auch Flugzeugunfälle, Tankerunglücke oder Kunstfehler von Ärzten sind teilweise die Folge von Müdigkeit. Laut einer Untersuchung in den USA betrugen die Kosten für Unfälle, wegen Schlafmangels schon vor zehn Jahren 56 Milliarden Dollar.

Anzeige

Das Gehirn schläft nie ganz
«Wir leiden unter einem Schlafdefizit», sagt Stanley Coren. «Wird uns der Schlaf wieder zurückgegeben, bauen wir unser Defizit ab. Innerhalb weniger Tage arbeiten wir besser und fühlen uns wieder wohler.» Fachleute schätzen, dass der Weltwirtschaft durch Konzentrationsschwäche und Leistungsabfall als Folge von zuwenig Schlaf jährlich 40 Milliarden Dollar verloren gehen.

Dass der Mensch Schlaf braucht, ist unbestritten. Nur: Welche Funktion das Schlafen tatsächlich hat, können die Wissenschaftler trotz intensiven Forschungen nicht genau sagen. Obwohl der Körper während des Schlafs meist ruhig daliegt, glauben die Forscher, dass der Schlaf weniger für den Körper, sondern vor allem für das Gehirn notwendig ist.

Doch auch das Gehirn ist während des Schlafs nicht gänzlich untätig. Da bestimmte Körperfunktionen wie Atmen und Herzschlag weiterlaufen, kann es nicht ganz ruhen. Zudem filtert es gewisse Aussenreize – wie Geräusche und Gerüche –, die während des Schlafs auf den Menschen eindringen, und sorgt dafür, dass man im Notfall aufwacht. Zum Beispiel wenn es nach Feuer riecht, das Baby schreit oder der Wecker klingelt.

Anzeige

Die Wissenschaftler haben die Hirnströme aufgezeichnet und herausgefunden, dass sie sich im Lauf der Nacht verändern. Unterschiede gibt es auch in den verschiedenen Hirnregionen. Sie scheinen nicht alle gleich viel Schlaf zu brauchen. So stellten Forscher fest, dass die am Tag besonders beanspruchte vordere Hirnregion in der ersten Nachthälfte stärker vom Schlaf betroffen ist als die hintere. Die Zone, die Gefühle verarbeitet, ist hingegen die ganze Nacht aktiv.

Das Schlafbedürfnis wandelt sich
Art und Dauer des Schlafs verändern sich im Lauf des Lebens. Ein Neugeborenes schläft durchschnittlich 16 bis 18 Stunden, verteilt auf fünf Abschnitte. Kleinkinder schlafen 12 bis 14 Stunden nachts, vor- und nachmittags. Ein Erwachsener mittleren Alters schläft nachts durchschnittlich sieben bis acht Stunden, während ältere Leute nachts nur noch etwa fünf bis sechs Stunden schlafen – dafür vermehrt wieder tagsüber.

Anzeige

Auch bei den Schlafphasen zeigt sich ein unterschiedliches Bild im Verlauf des Lebens. Nach der Geburt ist der REM-Schlaf noch gleich stark vertreten wie der übrige Schlaf. Er nimmt dann aber rasch ab. Das typische Tiefschlafmuster wird erst im Lauf der ersten Lebensmonate erreicht. Die Schlafzyklen sind zuerst etwa 50 Minuten lang und steigern sich bis ins Erwachsenenalter auf 90 Minuten.

Im Alter verändert sich das Schlafmuster. Der Tiefschlaf nimmt ab, die REM-Phasen bleiben dagegen erhalten. Ältere Menschen wachen während der Nacht auch vermehrt auf. Die landläufige Meinung, ältere Leute bräuchten weniger Schlaf, ist jedoch falsch. «Ihr Schlaf ist in der Regel nur anders verteilt», sagt Alexander Borbely. «Sie machen tagsüber häufig ein Nickerchen.»

Nicht jeder braucht gleich viel Schlaf, um sich erholt zu fühlen. Zwischen fünf und elf Stunden Schlaf ist bei Erwachsenen normal. Schlafen und Wachen wird von einer innern Uhr gesteuert. Ein Zyklus dauert etwa 25 Stunden. Dieser Rhythmus wird durch den Einfluss des Lichts auf den 24-Stunden-Rhythmus von Tag und Nacht eingestellt.

Anzeige

Vor kurzem entdeckte eine Basler Forschergruppe um Professorin Anne Wirz-Justice, dass auch Kohlehydrate als Zeitgeber wirken. Ein Teller Spaghetti zur rechten Zeit kann die Uhr um eine Stunde verschieben. Auch Leber, Niere, Hormone und Immunsystem unterstehen diesem Rhythmus – gleich wie die Körpertemperatur. Diese verläuft normalerweise parallel zum Schlaf-Wach-Rhythmus.

Am tiefsten ist die Temperatur nachts etwa um drei Uhr. Zu dieser Zeit packt die meisten Menschen eine unwiderstehliche Müdigkeit. Die Temperatur steigt am Vormittag an, im Einklang mit einem Leistungshoch. Am frühen Nachmittag – zur Zeit des Mittagsschlafs – sinkt sie wieder ab. Danach steigt sie erneut – und geht schliesslich zur Bettzeit wieder zurück.

Innere Uhren ticken verschieden
Die innere Uhr ist nicht beliebig verstellbar. Das Umstellen braucht Zeit, wie ein Flug in andere Zeitzonen zeigt. Pro Tag passt sich die innere Uhr etwa eine Stunde an die Ortszeit an. Sie bestimmt auch, ob wir Früh- oder Spätaufsteher sind.

Anzeige

Auch dazu gibt es irrige Meinungen: Wer abends früh schläfrig und morgens früh munter wird, ist nicht etwa ein fleissigerer Mensch als derjenige, der abends wach und morgens schläfrig ist. Er «tickt» nur anders. Das heisst, sein Rhythmus ist der Arbeitswelt besser angepasst.

Müssen Spätaufsteher zu früh aus den Federn, ist ihr Körpersystem noch nicht aufs Wachsein eingestellt. Morgentypen erreichen die höchste Tagestemperatur zwei Stunden vor den Abendtypen. Es ist auch nicht so, dass der Schlaf vor Mitternacht gesünder ist als jener danach. Der Schlaf in der ersten Schlafhälfte ist erholsamer und wichtiger, weil er tiefer ist.

«Es ist ungünstig, wenn der Lebensrhythmus stark von der inneren Uhr abweicht», sagen Schlafforscher. Gewöhnung bis zu einem gewissen Grad sei möglich, brauche aber Zeit und Disziplin. Wer nur einmal ausschläft, kann seinen Schlafrhythmus völlig durcheinander bringen.

Anzeige