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StandpunktLegal, illegal – total egal

Politiker fordern: Als Test soll die Stadt Zürich Cannabis verkaufen. Eine gutgemeinte Idee, die leider gesellschaftliche Realitäten ausblendet.

Von und

«Entschuldigen Sie, wo gibts was zu kiffen?» – «Beim Personenmeldeamt.» Erwin tut, wie ihm die Dame am Empfang im Stadthaus kundgetan hat, und stellt sich am Schalter 5 in die Schlange. Bald steht er vor einem Sozialpädagogen, der seine Personalien aufnimmt und ihm Fragen zu seinem Drogenkonsum stellt. Ehe er sichs versieht, steckt Erwin in einem Lebensberatungsgespräch, das er weder gebraucht und schon gar nicht gewünscht hatte. «Sie wissen», sagt der Mann zum Schluss, «die Dosis macht das Gift.» Erwin tut, was er seit einer Viertelstunde getan hat. Er nickt nett. Dann ist es so weit: Als Dankeschön für seine Geduld und seine Teilnahme am wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt «Zürich kifft richtig» bekommt Erwin für zehn Franken ein Säckchen Gras mit Biozertifikat und einem amtlich bestätigten THC-Gehalt von 15 Prozent. Draussen setzt sich Erwin zu Kumpels an die Limmat und meint: «Uff, jetzt brauch ich erst mal einen Joint.»

Die Stadt, dein netter Cannabis-dealer? Noch ist diese Szene Fiktion. Doch schon in zwei, drei Jahren könnte sie Realität sein, zumindest in der Stadt Zürich. Dort überwies eine Mehrheit aus SP, Grünen und Grünliberalen ein Postulat, das den kontrollierten Testverkauf von Cannabis an über 18-Jährige verlangt, kombiniert mit Infoveranstaltungen an Schulen.

Die Konsumenten haben ihre Quellen

Mit Verlaub: was für eine blöde Idee. Nicht grundsätzlich zwar. Aber so, wie die Postulanten sich den Pilotversuch vorstellen, erscheint das Vorhaben recht naiv. Welcher volljährige Cannabiskonsument wird sich schon an den amtlichen «Drogenschalter» stellen, wo er registriert und allenfalls noch von einem netten Sozialarbeiter bequatscht wird, wenn er seinen Stoff problemlos auch woanders beziehen kann?

Denn eines sollten wir gelernt haben: Egal, ob an der Repressionsschraube gedreht wird oder nicht, Cannabisprodukte gibts immer. Das Marihuana heisst eben nicht nur «Gras», weil es grün ist, sondern auch weil es wächst wie Unkraut. Der letzten repräsentativen Befragung zufolge beziehen es neun von zehn jungen Kiffern von Freunden – davon die Mehrheit sogar umsonst. Legal, illegal – total egal.

Und diejenigen, die (noch) keinen Draht zu einem Kollegen mit einer kleinen Indoor- oder Balkonplantage haben und zu den 13 Prozent gehören, die ihren Cannabis auf der Gasse besorgen müssen? Diese Kiffer dürften selber noch etwas grün sein, also auch noch keine 18 Jahre alt. Und just die würden am Schalter 5 vergeblich um ihr kontrolliertes Gras anstehen.

Wenn die Postulanten schon den Jugendschutz betonen, dann sollen sie konsequent sein und die kontrollierte Abgabe an 14-Jährige fordern. Immerhin kifft je nach Studie bereits jeder vierte 15-Jährige. Zudem gilt als erwiesen, dass der übermässige Cannabiskonsum gerade in der Pubertät gefährlich sein und Psychosen und andere Langzeitschäden verursachen kann. Gerade die, die Aufklärung und Kontrolle am nötigsten hätten, gingen den Fachleuten jedoch auch künftig durch die Lappen.

Wenn schon, dann gleich richtig

Anders sähe es aus, wenn die Stadt das Postulat aus dem Gemeinderat zum Anlass nähme, ein niederschwelliges und flächendeckendes Verkaufsmodell zu testen, in Apotheken oder mit lizenzierten Shops etwa. Dort wäre nicht nur der Verkauf klar geregelt, auch die Preise wären abgestimmt und die Qualität überprüft. Das Geld strömte nicht mehr auf die Konten Krimineller, sondern in die Staatskasse. Nur dann würde sich der Schwarzhandel in Rauch auflösen. Und nicht mehr das überzüchtete, mit Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln vergiftete Kraut, das zu Recht verboten gehört, weil es Kiffern das Hirn wegbläst – und zwar auch der Mehrheit der 500'000 Cannabiskonsumenten im Land, die alt und vernünftig genug sind, einen besonnenen Umgang mit psychoaktiven Substanzen zu pflegen.

Doch auch wenn die Stadtzürcher 2008 ja zur Hanfinitiative gesagt haben, fände diese Quasilegalisierung kaum eine Mehrheit. Nicht im Alleingang – weil Zürich so das Amsterdam der Schweiz würde. Und so bleibt wohl alles beim Alten: Tausende kiffen, Politik und Justiz verschliessen die Augen. Oder kneifen zumindest ein Auge zu. Das ist ein praktikabler Weg, aber keine Lösung. Denn im Grunde hat die strafrechtliche Verfolgung selbstschädigenden Verhaltens in einer liberalen Rechtsordnung nichts verloren. Schon gar nicht, wenn die Polizei weder Geld noch Zeit und offenbar auch nicht die Lust hat, das Verbot durchzusetzen.

Veröffentlicht am 22. Juni 2010