Bevor sich der Teenager umbrachte, hatte nie jemand in der Familie über Suizid gesprochen. Man sprach ohnehin nicht viel. Alle gingen ihre eigenen Wege, wie das halt so ist, wenn die Kinder langsam flügge werden. So fiel es nicht gross auf, als auch der jüngste Sohn nicht mehr am Familienleben teilnahm, sich in die virtuelle Welt seines Computers zurückzog. Auffällig waren höchstens seine vielen Probleme in der Stifti, dass er noch nie eine Freundin hatte und kaum mit Kollegen abmachte.

Manchmal sagte er, das Leben sei Scheisse. Die anderen gingen nicht darauf ein, sagten auch nicht, dass sie sich Sorgen machten und Angst hatten, dass er sich etwas antun könnte. «Viele Erwachsene und auch Jugendliche sagen in diesen Situationen nichts. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Oder aus Angst, in ein Wespennest zu stechen» erklärt Karin Barta, die als Therapeutin die Familie des Jugendlichen nach dessen Suizid betreute.

Dabei hätte es vielleicht wenig gebraucht, um das Leben des Teenagers zu retten: «Oft genügen ein paar ernst gemeinte Worte wie ‹Mich interessiert, wie es dir geht. Es ist mir nicht egal, wenn du dein Leben Scheisse findest.›» Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er zudem auf Suizidgedanken angesprochen worden wäre. So hätte er gespürt, dass jemand da ist, ihn ernst nimmt und ihm zuhört.

Anzeige

Zuhören war die grosse Stärke eines 15-jährigen Mädchens, das die Jugendberatung «Blinker» im zürcherischen Limmattal aufsuchte. Die Kinder- und Jugendpsychologin Ursula Enderli erzählt, dass das Mädchen sich sehr gesorgt habe um eine Freundin. Nur das 15-jährige Mädchen war in das Geheimnis der Freundin – eine Geschichte von Missbrauch, Gewalt und Unterdrückung – eingeweiht. Es teilte Enderli mit, die Freundin könne mit dieser Geschichte nicht mehr weiterleben. «Die meisten suizidalen Jugendlichen wollen sich nicht töten. Aber sie haben nicht mehr die Kraft, so weiterzuleben wie bis anhin», erklärt Enderli.

Die positiven Aspekte des Lebens

In den Therapiestunden fragte Enderli bei dem Mädchen nach, wie, wo und wann sich die Freundin denn umbringen würde – und was sie bislang davon abgehalten habe. «Mit solchen Fragen lenke ich den Fokus auf die positiven Aspekte des Lebens, auf die Ressourcen. Das können die Eltern sein, das Meersäuli oder das Bedürfnis, ein traumatisches Erlebnis zu deponieren, sich von Erlebtem freizuschütteln und unbefangen zur Clique dazuzugehören», erklärt Enderli. Die Ressourcen weisen darauf hin, was sich ändern muss, damit das Leben wieder Sinn bekommt.

Anzeige

Wenn Jugendliche nicht ernst genommen werden, ihre Gefühle gar als «vorübergehende Phase» abgetan werden, können sie ihre Gefühle nirgends deponieren – und tief im Innern wächst die Überzeugung, dass es so nicht weitergeht. Doch weil auch Enderli gut zuhören kann, das Mädchen ernst nahm, es zum Reden aufforderte und nicht mit billigen Ratschlägen abspies, fand es Vertrauen und weihte die Therapeutin in das Geheimnis ein: Die «Freundin» war sie selber.


  • Jugendberatungsstellen, schulpsychologische Dienste, regionale und kantonale kinder- und jugendpsychiatrische Dienste. Der Hausarzt oder ein Seelsorger ist (nebst Angehörigen und Freunden) eine weitere gute Ansprechperson in einer Krise.

  • Telefon 147 bietet Kindern und Jugendlichen Beratung bei verschiedensten Fragen; im Internet unter www.147.ch

  • Die Dargebotene Hand nimmt über Telefon und Internet die Rolle eines einfühlsamen und unvoreingenommenen Gesprächspartners ein: Telefon 143; www.143.ch

  • Tschau.ch ist eine Internetplattform für Jugendliche und bietet eine grosse Palette an Informationen zu vielen wichtigen Themen: www.tschau.ch

  • Feelok.ch vermittelt sachliche Informationen, zeigt konkrete Hilfs- und Handlungsmöglichkeiten bei Suizidalität auf und trägt zur Enttabuisierung der Thematik bei: www.feelok.ch, «Themen», «Suizidalität»

  • Telefonische Beratung bietet der Elternnotruf: Region BS 061 423 96 50, Region ZG 041 710 22 05, Region ZH 044 261 88 66, 24h@elternnotruf.ch, www.elternnotruf.ch

  • Internetseelsorge bietet persönliche Hilfe von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen (zum Beispiel Theologie, Psychologie) an: www.seelsorge.net

  • Zahlen, Fakten, Literatur, Prävention und Studien: www.ipsilon.ch

Anzeige