Leopold Hauser ist erst 34 Jahre alt und hat bereits Mühe mit dem Treppensteigen. Er leidet unter hohem Blutdruck, Übergewicht und erhöhten Leberwerten. Sein Hausarzt spricht deutliche Worte: «Wenn Sie Ihr Verhalten nicht ändern, verkürzen Sie Ihr Leben und werden schon in absehbarer Zeit nicht mehr viel Spass daran haben.»

Hauser kommt ins Grübeln. Eigentlich weiss er ja, was zu tun ist. Doch so willig der Geist ist, so schwach ist das Fleisch. Der teure Ruder-Ergometer bleibt nach 15-minütigem Gebrauch in der Ecke stehen. Ebenso die luftgepolsterten Joggingschuhe und das vollgefederte, ultraleichte Mountainbike. Hausers strikte Diätpläne werden regelmässig von fetttriefenden Hamburgern und üppig panierten Wiener Schnitzeln durchkreuzt. Und ein kühles Bier samt einer Zigarette ist nun mal das Beste, um sich nach der Arbeit zu entspannen.

«Ich bin halt ein Genussmensch», beruhigt Hauser sich selbst. «Lieber zufrieden 60 werden, als sich täglich bis zum hundertsten Geburtstag zu quälen.»

Hauser erliegt einem klassischen Irrtum, dem die meisten guten Vorsätze zum Opfer fallen. Erpicht auf schnelle Erfolge, hat er bis jetzt alles falsch gemacht, was er falsch machen konnte: Statt sich langsam an einen gesundheitsorientierten Lebensstil zu gewöhnen, der ihm Freude macht, verordnete er sich Disziplin und Selbstkasteiung – eine glatte Überforderung.

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«Um eine nachhaltige Verhaltensänderung zu erreichen, muss man sich vor allem realistische Ziele setzen», erklärt Thomas Gehring, Privatdozent für klinische Psychologie und Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich.

Die zweite Grundvoraussetzung ist Geduld, denn eine Verhaltensänderung vollzieht sich in mehreren Stufen:

  • Desinteresse:
    «Gesundheit ist kein Thema für mich.»

  • Absicht:
    «Ich weiss, dass ich eigentlich etwas tun sollte.»

  • Vorbereitung:
    «Ab nächster Woche mache ich etwas.»

  • Aktion:
    «Ich mache ab und zu etwas.»

  • Nachhaltigkeit:
    «Ich mache regelmässig und gezielt etwas für meine Gesundheit.»

Dass sich diese Stufen nicht über Nacht erklimmen lassen, ist leicht einzusehen. Zudem halten längst nicht alle einen gesundheitsorientierten Lebensstil für erstrebenswert: Jeder Zweite, der die Volksschule besucht hat, betrachtet die Gesundheit als Gebrauchsgut; bei Menschen mit höherer Bildung (Fachhochschule, Universität) ist es lediglich jeder Vierte.

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Anderseits wird die Absicht, gesundheitsverträglich zu leben, durch die stetig wachsenden Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft massiv erschwert. Zudem wird oft ausgeblendet, dass die individuelle Gesundheit auch das Resultat der Lebens- und Arbeitsverhältnisse ist. Und da liegt manches im Argen – erwähnt seien nur Verkehrslärm, Schadstoffbelastung oder Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz.

Bewegung tut auch der Seele gut

Kommt hinzu: Sich gesundheitsbewusst zu verhalten ist weit mühsamer, als die Gesundheit zu schädigen. Um die lebensverkürzende Zeit einer einzigen Zigarette auszugleichen, muss man 170 Treppenstufen steigen. Zudem machen sich die schädlichen Einflüsse von Nikotin, Alkohol, Bewegungsmangel und schlechter Ernährung in aller Regel nur schleichend bemerkbar, so dass die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung oft erst spät – in einigen Fällen zu spät – erkannt wird.

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Aus der Verhaltensforschung weiss man heute, dass viele Menschen am empfänglichsten für Verhaltensregeln sind, wenn sie selbst – oder Personen in ihrem Umkreis – etwas Einschneidendes erlebt haben: einen Herzinfarkt oder Hirnschlag, eine Kündigung, Trennung oder Scheidung.

Dabei braucht es meist weniger, als viele denken, um sich Gutes zu tun: Gerade solch bewegungsfaule und fehlernährte Menschen wie Leopold Hauser können schon mit einer halben Stunde zügigem Gehen pro Tag ihre Lebenserwartung deutlich verlängern und die Lebensqualität spürbar verbessern.

Zudem hellen Bewegung und Sport – vor allem wenn sie in der Natur ausgeübt werden – die Stimmung auf und wirken antidepressiv; in der Folge steigen Selbstwertgefühl und Stresstoleranz. Schliesslich hat Bewegung sehr oft einen Dominoeffekt: Wer regelmässig aktiv ist, verhält sich auch in anderen Bereichen gesundheitsbewusster – er raucht weniger, isst weniger, er ernährt sich generell bewusster.

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Trotzdem sind Rückfälle in die alten Muster mindestens so häufig wie Fortschritte: Ausstiegswillige Raucher benötigen meist fünf Versuche, bis sie ganz vom Glimmstängel lassen. Immerhin: Mit jedem Versuch steigen die Erfolgschancen. Laut Thomas Gehring lässt sich diese Beobachtung auf jede Verhaltensänderung übersetzen: «Rückfälle gehören einfach dazu. Nicht mehr gefährdet ist man erst, wenn der neue Lebensstil fester Bestandteil des Tagesablaufs ist – und das während einiger Monate.»