Durchschnittlich 19 Standorte mit giftigen Abfällen gibt es in jeder Schweizer Gemeinde. Bis Ende 2003 hätten die Kantone ein Verzeichnis dieser Orte liefern müssen. Hätten. Einige Kantone verlangen zehn Jahre mehr Zeit dafür – und werden jetzt für ihre Langsamkeit belohnt. Der Bund zahlt für jeden vor 2006 erfassten Müllstandort eine Prämie. Der Beobachter wollte von Philippe Roch, Direktor des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), wissen, was er von dieser Bewältigung von alten Umweltsünden hält.

Beobachter: Frustriert es Sie, wenn die Kantone so schlampig sind?
Philippe Roch: Es ist im Umweltbereich leider üblich, dass Fristen nicht respektiert werden. Das ist aber keine Katastrophe. Und man muss einräumen: Für die Kantone ist das Erstellen dieser Verzeichnisse eine Riesenarbeit.

Beobachter: Aber Genf und die Waadt haben ihre Hausaufgaben rechtzeitig erledigt. Jetzt belohnt der Bund die faulen Kantone, indem er ihnen Geld gibt, um die Arbeit zu beschleunigen.
Roch: Das ist richtig. Aber es geht nicht um grosse Summen, es sind 500 Bundesfranken für jeden belasteten Standort, bei dem bis Ende 2005 der Inhaber über den beabsichtigten Eintrag informiert wird und Gelegenheit zur Stellungnahme erhält. Das Parlament muss der Finanzhilfe noch zustimmen. Ich glaube, die beiden welschen Kantone werden deshalb nicht wütend sein, sie bekommen ja ihr Geld als Erste.

Beobachter: In grossen Kantonen wie St. Gallen und Zürich wird also jemand, der Land kauft, frühestens 2013 nachschauen können, ob er nicht eine verborgene Gifthalde miterwirbt?
Roch: Das stimmt so nicht. Diese Kantone tragen auch laufend Standorte ein, bloss dauert dort alles viel länger. Aber bereits heute existiert in vielen Kantonen ein Verdachtskataster. Jeder kann sich bei der Kantonsverwaltung informieren oder Bodenproben entnehmen lassen.

Beobachter: Das Buwal schreibt, 58000 Standorte seien in der Schweiz betroffen. Also durchschnittlich 19 in jeder Gemeinde. Eine enorme Zahl.
Roch: Ich war erschüttert, als ich diese Zahlen zum ersten Mal gehört habe. Das zeigt, wie unverantwortlich sich unsere Eltern und Grosseltern gegenüber der Umwelt verhalten haben. Dazu gehören Abfalldeponien und Müllhalden. Mehr als 60 Prozent der belasteten Orte sind Industriegebiete oder Gewerbebetriebe. Aber nicht alle dieser Zehntausende von Orten sind so gravierend verseucht, dass sie gleich das Grundwasser verschmutzen.

Beobachter: Wie viele der Standorte müssten so schnell wie möglich entgiftet werden, weil sie eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen?
Roch: Bei 3000 bis 4000 Standorten droht die Gefahr, dass früher oder später Chemikalien das Grundwasser verschmutzen.

Beobachter: Sind die Verursacher dieser Altlasten nicht immer schwieriger zur Rechenschaft zu ziehen, je länger man die Erfassung der Standorte hinauszögert?
Roch: Da haben Sie völlig Recht. Viele kleine und mittelgrosse Unternehmen existieren bereits nicht mehr. Doch grosse Industrien wie etwa die Basler Chemie verschwinden nicht so einfach.

Beobachter: Wenn in zehn Jahren einige Kantone wieder melden, sie hätten die Arbeiten noch nicht fertig: Greifen Sie dann zur Peitsche?
Roch: Das Buwal ist eine Aufsichtsbehörde ohne Sanktionsmittel und kann nicht die Armee losschicken. Die säumigen Kantone haben wir gerügt. Das reicht. Mehr ist auch nicht nötig, die Kooperation mit den Kantonen ist gut.

Beobachter: Wie viel wird es kosten, all die verseuchten Standorte zu sanieren?
Roch: Grob geschätzt fünf Milliarden Franken. Zahlen werden das teils die Verursacher, die Kantone und der Bund. Auch die Liegenschaftenbesitzer können zur Kasse gebeten werden.

Beobachter: Glauben Sie, dass das Verzeichnis in zehn Jahren endlich erstellt ist?
Roch: Ich glaube sogar, es kommt früher. Denn viele Private machen Druck auf die Kantone. Beispielsweise wollen die Banken Klarheit haben in der Hypothekenvergabe und wissen, was eine Liegenschaft wert ist.

Quelle: Bildagentur Keystone