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Glarus NordDie erste faire Gemeinde

Die Fusionsgemeinde Glarus Nord ist die erste «Fair Trade Town» der Schweiz. Doch die Knochenarbeit beginnt erst.

Fairen Handel fördern: Glarus Nord machts vor.
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Die Schweiz ist Weltmeisterin: Nirgendwo sonst kaufen die Konsumenten anteilmässig mehr Kaffee, Rosen, Textilien oder Obst mit Fair-Trade-Label. Bei näherer Betrachtung sieht es nicht mehr so rosig aus: Bloss 63 Franken pro Kopf und Jahr geben Schweizer für fair produzierte Waren aus. Und vom zertifizierten Fair-Trade-Handel profitieren nur 1,6 Millionen Landarbeiterinnen und Kleinbauern auf der Südhalbkugel.

Es könnten weit mehr sein, wenn auch Städte und Dörfer bei Gross­bestellungen bewusster einkauften. Vorreiter ist hier Glarus Nord: Die Gemeinde darf sich seit diesem Frühjahr als erste Schweizer Ortschaft «Fair Trade Town» nennen – eine weltweite Auszeichnung für Orte, die auf fairen Handel setzen.

Weltweit kaufen schon 1800 Orte fair ein

Fair Trade Town zeichnet seit dem Jahr 2000 weltweit Gemeinden aus, die für fairen Handel einstehen. Die erste war Garstang in England, bis heute folgten 1800 Orte. Swiss Fair Trade, der Schweizer Dachverband, startete die hiesige Kampagne 2014, konnte den Titel allerdings erst an Glarus Nord und Zweisimmen BE vergeben. Nächste Titelanwärter sind die Stadt Bern, Wil SG, Capriasca TI und Delémont JU.

Glarus Nord ist 2011 aus einer rigorosen Gemeindefusion entstanden und auch sonst recht dynamisch unterwegs. In nur drei Monaten hakte eine Arbeitsgruppe um Gemeinde­präsident Martin Laupper den Krite­rienkatalog ab, der in der Verwaltung ansetzt: Mindestens drei Produkte müssen aus fairem Handel kommen – Laupper führte unverzüglich entsprechenden Kaffee, Tee und Zucker ein.

Eine ethische Notwendigkeit

Der 63-jährige FDP-Politiker sieht darin einen Werbeeffekt für die Gemeinde, aber auch eine ethische Notwendigkeit: «Wir sind heute informiert über die weltpolitische Entwicklung. Die Frage stellt sich doch uns allen: Wie wollen wir Gegensteuer geben?»

Proportional zu den 17'500 Einwohnern mussten in Glarus Nord zudem sechs Restaurants oder Hotels, ein Gemeindebetrieb und je drei Läden, Firmen und Vereine mitmachen. Andreas Neumann, Leiter der Arbeitsgruppe, machte sich auf die Suche. «Ich war überrascht, einige Betriebe führen schon lange Fair-Trade-Artikel. Die Knochenarbeit bestand darin, sie zu finden und zu schauen, dass alle geforderten Krite­rien erfüllt sind», sagt der 31-Jährige. Neue Träger für die Idee zu gewinnen sei weniger schwer gewesen. So gibt es jetzt bei der Eternit mit 440 Angestellten Pausensnacks aus fairem Handel. Und der «Club Kochender Männer» verwendet Fair-Trade-Fruchtsäfte und -Zucker.

«Kleine Schritte»

Ist das nicht alles nur ein Tropfen auf den heissen Stein? «Es sind kleine, aber wichtige Schritte», sagt Fritz Brugger, «die eigentliche Arbeit beginnt nun erst.» Der ETH-Forscher für Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Glarner Arbeitsgruppe und fordert, fairen Handel in den Beschaffungsgrundsätzen der Gemeinde festzuschreiben – «und damit in Wort und Tat für sichere, gerechte Arbeitsbedingungen in der ganzen Produktions­kette zu sorgen».

Fürs Erste hat der Gemeinderat in den Einkaufsrichtlinien der Verwaltung die nachhaltige Beschaffung für Lebensmittel und Textilien, etwa Arbeitskleidung, verankert. «Fair Trade ergänzt ideal unsere Devise, lokal einzukaufen», so Projektleiter Neumann. «Wir dürfen das Fuder aber nicht überladen, sondern müssen die nötigen Prozesse sorgfältig angehen.» Die Knochenarbeit geht weiter.

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Veröffentlicht am 11. Oktober 2016

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1 Kommentar

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Schäfer Brigitte
wenn ich alleine an die vielen Fairtradeprodukte der Migros denke, kann ich mir absolut nicht vorstellen, dass die Zahl stimmt.

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