Dass die Machenschaften des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» publik wurden, ist massgeblich dem Beobachter zu verdanken besonders Hans Caprez. 1970 zur Redaktion gestossen, pflegte er ein eigenes Verständnis von Journalismus. «Meine Tür war immer offen für alle. Wenn jemand anklopfte, hörte ich zu, das gab die guten Geschichten.» Noch zwei weitere Besonderheiten prägten seine Arbeit: «Ich ging immer hinaus, um zu sehen, wie die Dinge wirklich sind. Und ich misstraute den offiziellen Verlautbarungen.»

So kam es am 15. April 1972 zu einem ersten Artikel über die Verfolgung Jenischer. Eine Informantin hatte die illegalen Kindswegnahmen angeprangert. Pro Juventute wies die Anschuldigungen von sich, stützte sich gar auf ein Urteil des Bundesgerichts. Damit begnügte sich Caprez nicht. «Warum hätte ich dem Bundesgericht mehr glauben sollen als einer Jenischen?», fragt er. Als das Hilfswerk stur blieb, publizierte er den Artikel «Fahrende Mütter klagen an».

«Das ziehen wir durch»

Deutlich äusserte sich Caprez schon damals. Das Vorgehen der Pro Juventute sei «weder juristisch noch menschlich haltbar». Damit stach er in ein Wespennest: Pro Juventute galt zu dieser Zeit als Vorzeigeorganisation. Kein mächtigen Bürgertum geschätzt wurde. Kein Wunder, dauerte es fast ein Jahr, bis die «National-Zeitung» einen Folgeartikel veröffentlichte.

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Caprez liess nicht locker. «Ich fuhr tagelang auf Flohmärkte und Standplätze, wollte mehr Fälle finden.» 1972 und 1973 publizierte der Beobachter weitere Recherchen. Dies kostete die Zeitschrift «2000 bis 3000 Abonnenten», wie Caprez sich erinnert. Einmal habe ihn der Verlagsleiter zu sich zitiert. Doch statt eines Donnerwetters bekam Caprez zu hören: «Das ziehen wir durch, egal was es kostet!»

1973 wurde das Hilfswerk stillschweigend aufgelöst. Dank ihrer mächtigen Stellung hatte es die Pro Juventute verstanden, den grossen Skandal vorerst zu verhindern. Erst als Mitte der achtziger Jahre die Akten öffentlich wurden, kam das Ausmass des Skandals ans Licht. Caprez berichtete bis in die neunziger Jahre kritisch über die zögerliche Aufarbeitung der Ereignisse. «Unrecht vor allem gegenüber den Schwachen verkrafte ich schlecht», erklärt er seine Ausdauer, «da beisse ich mich richtig fest.»

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