«Es gibt immer jemanden, der etwas gut brauchen kann», sagt Heidy Sunier: «Deshalb wird bei mir nichts weggeworfen.» Im grossen Raum ist alles liebevoll geordnet: Krawatten, Rechauds, Brokatdecken, Schallplatten, Schaukelpferde, Espressotässchen und einiges andere mehr.

Wer in Heidy Suniers Brockenstube etwas abgibt, bekommt als Gegenleistung ein Geschenk. Viele erhalten auch eines, ohne etwas mitzubringen. Was nicht auf diese Weise wegkommt, das wird an wohltätige Institutionen abgegeben.

«Hoi, Heidy!» «Heidy, wie gehts?» Nur mit vielen Zwischenhalten gelangt Heidy Sunier durch Bad Ragaz. Zwar befindet sich der Grossteil der Einwohner in einer soliden Finanzlage. Etliche aber müssen sehr genau kalkulieren. Im August 1997 mietete Sunier die Räumlichkeiten, worin zuvor in kurzer Folge ein Musikgeschäft, eine Boutique und zuletzt ein Spezereiengeschäft einquartiert waren.

Die Brockenstube hat sich bis heute gehalten. Der Monatsumsatz entspricht etwa einer Monatsmiete. Um über die Runden zu kommen, erledigt Sunier Näh- und Flickarbeiten, macht touristische Führungen, verkauft Gesundheitsprodukte und lässt sich auch schon mal als Model engagieren. «Ich bin ein Paradiesvogel», lacht sie. Und dann, ernst: «Oder sagt man dem Idealistin? Immer wieder hab ich mir gesagt: Ich schaffs!»

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Ihre Lebensgeschichte ist nicht frei von Tiefschlägen. «Ich hätte gern Kindergärtnerin gelernt; mein Stiefvater sagte aber, eine Ausbildung sei nichts für mich.» Als junge Frau arbeitete sie als Serviceangestellte, Haushalthilfe und Verkäuferin; sie lebte in der Westschweiz, im Tessin und in den USA. Der langjährige Scheidungsprozess war eine grosse Belastung.

Immer eine helfende Hand

Seit 1997 lebt sie in einer Wohngemeinschaft in Bad Ragaz. «Sie spürt, wo es eine helfende Hand braucht», sagt der Gemeinderatsschreiber. In der Weihnachtszeit quartierte sie Strassenmusiker aus der Slowakei gratis bei sich ein.

Ihre Sammlung von Occasionselektronik war ein Riesenerfolg. Doch die Unermüdliche stiess an ihre Grenzen. Völlig entkräftet nahm sie Anfang Jahr eine Einladung von Freunden in die USA an. «Heidy from Switzerland» liess es sich nicht nehmen, in Florida in Folkloretracht aufzutreten. «Ich erzählte aber nicht nur von Johanna Spyris Wunderland. Ich erwähnte auch ein anderes Heimweh. Das Heimweh nach einer sozialeren Schweiz.»

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Diesen Herbst wird Heidy Sunier ihre Brockenstube aus gesundheitlichen Gründen weitergeben. Ihre Zukunft ist ungewiss. Die finanzielle Notlage der Wohltäterin konnte durch SOS Beobachter etwas gemildert werden.

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