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HeissluftballonMit jedem Meter wächst der Horizont

Im Korb eines Heissluftballons erlebt man die Welt aus einer völlig neuen Perspektive. Unsere Reise führt vom ­Toggenburg ins Rheintal, vorbei am Säntismassiv.

Fahrt ins Blaue: Bei einer Reise im Heissluftballonbestimmen die Windverhältnisse, wo man wieder festen Boden unter den Füssen hat.
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Säntisblick: Die Passagiere und die Autorin (Mitte) geniessen die Aussicht.
Quelle: Gerry Nitsch
Fauchender Brenner: Die Luft im Ballon muss immer wieder neu erwärmt werden, denn die dünne Nylonhülle isoliert nur schlecht.
Quelle: Gerry Nitsch

Wir halten Kurs auf den Säntis und sind auf 2150 Metern über Meer angelangt. Zeberli und seine rechte Hand Urs Frauchiger behalten die Geräte ständig im Auge, beobachten Wind und Wetter. In kurzen Abständen muss die Luft im Ballon beheizt werden; die dünne Nylonhülle ist ein schlechter Wärmespeicher. 40 Sekunden dauert es, bis der Ballon anspricht. Der Gasbrenner lärmt, wärmt aber auch. Im Korb ist die Temperatur höher als am Boden, nur beim Steigen und Sinken zieht es. Sonst ist die Luft still – wir schweben ja mit dem Wind.

«Und jetzt machen wir noch eine kleine Zwischenlandung», meldet der Pilot unvermittelt. Er meint es ernst. Schon sinken wir zügig, mit 2,5 Metern pro Sekunde. Ich schlucke leer; der Druck auf die Ohren steigt. Wir nähern uns einem Föhrenwäldchen. Trotz der Dimensionen des Ballons – er ist 25 Meter hoch und 23 Meter breit – kann ihn unser Pilot erstaunlich präzise manövrieren. Wir hätten einen Tannenzapfen von der Baumspitze pflücken können. Keine Frage: Das war meisterlich.

Der Ballonfahrer ist Wetterexperte

Im Gebirge ist Ballonfahren eine besondere Herausforderung. Auf 2000 Metern kann der Wind in eine andere Richtung wehen als 1000 Meter tiefer. Heute sind wir gemächlich unterwegs, mit 15 Stundenkilometern nichts im Vergleich zur Höchstgeschwindigkeit, die Stefan Zeberli mit diesem Ballon erreicht hat: 152 Kilometer pro Stunde. «Wenn man einmal im Jetstream ist, gehts schnell», sagt er und lacht sein jungenhaftes Lachen.

Stefan Zeberli wollte schon mit sechs Jahren hoch hinaus. Nachdem er an einer Flugshow einen Ballon hatte starten sehen, kannte er nur noch einen Wunsch: «Ballöönle», Ballonfahrer werden. Seinen ersten Ballon bastelte er aus Papier. Die Leidenschaft fürs Fliegen geht einher mit seiner Faszination fürs Wetter. Zeberli studiert täglich zwei Stunden lang Wettermodelle am Computer. «Mittlerweile rufen mich auch Kollegen an, wenn sie wissen wollen, ob sie fahren können», sagt er. Auf persönliche Beratung durch einen Meteorologen verzichtet er inzwischen: «Die wissen nicht, welche Bedingungen wir Ballonfahrer brauchen, was alles stimmen muss.» Vom US-Wetterdienst NOAA mit seinen Langzeitprognosen ist Zeberli hingegen begeistert – der sei sensationell gut.

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Quelle: Gerry Nitsch

Mit anderen Ballonfahrern tauscht er sich oft und gerne aus. Man kenne sich, die Ballonfahrerwelt sei klein – und sie schrumpfe weiter, weil Auflagen und Kosten ständig stiegen. «Die europäischen Normen haben unseren Sport nicht sicherer gemacht, nur teurer», so Zeberli. Viele seiner älteren Kollegen hätten aufgegeben, den Bettel hingeworfen.

Dünne Luft auf fast 5000 Metern

Das Höhenmeter zeigt 3000 Meter über Meer an, auf 3800 Meter dürften wir steigen; im Zeitfenster liegt noch eine knappe Stunde drin. Zeberli breitet eine Luftraumkarte aus, erklärt, wie die einzelnen Sektoren definiert sind, wie hoch man steigen darf. Auf 4800 Meter ist der Europameister mit seinem Ballon auf einer Alpenfahrt schon gestiegen. Dafür braucht er die Erlaubnis der Flugsicherung Skyguide in Zürich – und Sauerstoffmasken. Mit Sportfliegern, die wie Heissluftballone auf Sicht unterwegs sind, gab es zum Glück noch nie Probleme. «Natürlich haben wir Ballon-fahrer Vortritt.» Denn ausweichen kann er einem Flugzeug nicht. Heute ist nur Helikopterlärm aus der Ferne zu hören. Am Säntis werden Lasten transportiert.

«Schaut mal, hier unten!» Kurt, mit Höhenmessgerät und Fernglas ausgerüstet, hat auf einer Grasnarbe am Hang des Wildhauser Schafbergs Wildtiere entdeckt: Es sind zwei Steinböcke. Ein seltener Anblick, meint der Pilot. Gämsen bekomme er auf seinen Alpenüberquerungen oft zu sehen. Kurz darauf bekommen auch wir ein Rudel zu Gesicht, das sich einen Weg durchs Schneefeld bahnt.

Die Reise per Ballon vom Toggenburg ins Rheintal dauerte rund 90 Minuten.

Ein Bodenteam liefert die Daten

«Stefan? Da Köbi», tönt es aus dem Funkgerät. Zeberlis Vater fährt mit dem Transportbus mit. «Fahrt ihr südlich am Säntis vorbei?», will er wissen. Stefan bittet ihn, vorauszufahren und zu schauen, wie der Wind bläst. Bei Wettbewerben ist das Bodenteam dem Ballon immer etwas voraus, erfasst Wetter- und Winddaten und übermittelt sie per Funk hinauf in den Korb. Ein Jurymitglied im Wettkampfballon sorgt dafür, dass es mit rechten Dingen zugeht – alles wird laufend kontrolliert.

Ballonfahren ist ein Teamsport. An Wettkämpfen, bei denen zum Beispiel bestimmte Ziele im Gelände möglichst präzise überflogen werden müssen, wird Zeberli von einem Begleiter im Ballon unterstützt. Dazu kommen zwei Teams am Boden, die in je einem Fahrzeug unterwegs sind. Stefan Zeberli, der als Abteilungsleiter einer Gärtnerei arbeitet, hat das Glück, dass seine Ballone zum grossen Teil gesponsert sind. «Sonst würde dieser Sport finanziell nicht drinliegen.» Seit letztem Sommer fährt Zeberli auch einen eigenen Gasballon. «Da ist es dann ganz ruhig, weil kein Brenner stört, das ist das Schöne daran.» Mit diesem kugelförmigen Ballon ist Zeberli auch nachts unterwegs, bei Vollmond, oder früh am Morgen bei Sonnenaufgang.

Ökonomischer sind allerdings Heissluftballone: Sie verbrauchen nur 40 Liter Propangas je Fahrstunde. Ein Gasballon hingegen muss mit 1000 Kubikmetern Wasserstoff oder Helium gefüllt werden.

Gewitter und Thermik sind Gefahren

«Passieren kann immer etwas, aber Unfälle sind sehr selten», sagt Stefan Zeberli. Problematisch seien Wetterumschwünge, ein plötzlich aufziehendes Gewitter oder einsetzende Thermik, die zu turbulenten Bodenwinden führt. Thermische Böen können die Hülle zusammendrücken und die Heissluft herauspressen, wodurch der Ballon seinen Auftrieb verliert. Deshalb finden Ballonfahrten meist bei wolkenlosem Himmel in den Morgen- oder Abendstunden statt. Viel Wind beim Landen kann ein Problem sein. Selbst ein Meister, der innerhalb von zwölf Jahren 1300 Ballonfahrten absolviert hat, ist nicht vor Unglück gefeit: 2008 wurde Zeberlis Heissluftballon während des Aufheizens von einer Windböe erfasst; er berührte eine Stromleitung und geriet in Brand.

Nicht einmal fliegen ist schöner: Im Dunst hinter Kurt Wiederkehr sieht man die Churfirsten, weit unten das Toggenburg.
Quelle: Gerry Nitsch
Punktlandung in der Abendsonne: Pilot Stefan Zeberli reguliert mit dem Gasbrenner kurz vor der Landung im Rheintal noch einmal die Flughöhe.
Quelle: Gerry Nitsch

Mittlerweile schweben wir über dem vom Dunst verschleierten Rheintal, nähern uns Gams. Wir gondeln vorbei am Kirchturm, betrachten Häuser, Gärten und Schwimmbäder von oben. Ein bärtiger Mann winkt. «Wir kommen dann zum Kaffee», ruft Kurt. Der Mann lacht und nickt. Doch das fauchende Ungetüm am Himmel ist nicht allen geheuer. Zwei Ponys schauen ängstlich zu uns herauf, eine Schar Hühner eilt zu ihrem Unterschlupf, und eine mausende Katze sprintet quer übers Feld. So ähnlich muss es der Landbevölkerung im August 1783 in Frankreich ergangen sein, als der erste Gasballon landete: Die Bauern empfingen das Ding, das sie für den Leibhaftigen hielten, mit Heugabeln bewaffnet. «Seither führen wir Ballonfahrer immer eine Flasche Champagner mit, als Beweis für unsere friedlichen Absichten», sagt Zeberli. «Gut Land» heisst denn auch der Gruss, mit dem man Ballonfahrer auf die Reise schickt. Wir haben Glück: Nach dem sanften Aufsetzen erwartet uns kein zorniger Landbesitzer, sondern eine Schar Eltern mit kleinen Kindern. Ihre Absichten sind friedlich. Sie schauen und staunen.

Teamwork: Die Helfer holen die 25 Meter hohe Ballonhülle auf den Boden.
Quelle: Gerry Nitsch
Veröffentlicht am 01. April 2011

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