Man könnte sich laufend über fehlenden Anstand ärgern. Wenn Passanten ihren Müll in liebevoll gepflegte Gärten werfen. Wenn Gesprächs­partner ständig auf ihr Handy schielen. Wenn jemand im Tram mit seinem Rucksack die anderen dauernd anrempelt. Wenn Autofahrer jedem die Bässe ihrer Stereo­anlagen um die Ohren hauen. Wenn Trendquartiere nachts von einem Partyvolk heimgesucht werden, dem das Ruhebedürfnis von Anwohnern egal ist. Dann kann man sich schon fragen, ob uns der Anstand abhandenkommt – einerseits. Andererseits ist die Klage über den fehlenden Anstand der Jungen vermutlich so alt wie die Menschheit.

Klar ist, dass es heute weniger klar ist als früher, was unanständig ist. Und dass es keine allgemein akzeptierten Autoritäten wie Eltern, Lehrer oder Pfarrer mehr gibt, die verbindlich festlegen, was als anständig gilt.

Matthias Pflume, stv. Chefredaktor

Quelle: Getty Images

Die Formen des Anstands ändern sich

Klar ist auch, dass sich die Formen des Anstands ändern. In meiner Kindheit im Deutschland der sechziger Jahre galt es als anständig, wenn Mädchen bei der Begrüssung von Respektspersonen die Hand gaben und einen Knicks machten. Jungs dagegen sollten beim Handschlag den Kopf senken. «Einen Diener machen» nannte man das. Nach 1968 waren diese Unterwerfungsgesten bald passé.

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Dafür ist es heute anständig, auf der Rolltreppe rechts zu stehen, damit die Eiligeren links laufen können. Unanständig wäre es auch, in die S-Bahn einzusteigen, bevor die Ankommenden ausgestiegen sind. In beiden Fällen geht es um Anstands­regeln, die nicht schon immer galten, sondern einem aktuellem Bedürfnis Rechnung tragen.

«Es geht um die Erkenntnis, dass man nicht allein ist auf der Welt.»

Matthias Pflume, stv. Chefredaktor

Peter Johannes Meier und Anna Miller gehen in unserer Titelgeschichte («Ständig unanständig») dem Phänomen des bedrohten Anstands nach. Dabei wird auch deutlich, dass Anstand umso wichtiger ist, je grösser die Bevölkerungsdichte und das allgemeine Stressniveau werden. Er ist das Schmiermittel einer urbanen Gesellschaft.

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Wer durch die Strassen Manhattans wandert, kann erleben, was das bedeutet: Auch wenn das Trottoir dicht gedrängt voller Menschen ist, von denen es die einen eilig haben und die anderen nicht, bleibt man doch erstaunlich höflich. Auch in der Schweiz geht es – bei allen Klagen über abnehmenden Anstand insgesamt eher höflich zu. Wenn mir zum Beispiel im Supermarkt jemand den Weg abschneidet, kann ich ziemlich sicher mit einer Entschuldigung rechnen.

Im Ausland erlebe ich das deutlich seltener. Der Begriff «Anstand» mag altmodisch klingen, das dahinterstehende Prinzip ist es keineswegs. Es geht um die Erkenntnis, dass man nicht allein auf der Welt ist, und um gegenseitigen Respekt. Schliesslich hat jeder das Bedürfnis und das Recht, als Person respektiert zu werden.

Der neue Beobachter

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte zum Anstand in der Schweiz in der aktuellen Ausgabe des Beobachters. 

Weitere Themen des Hefts: Wie die Pensionskassen unsere Altersguthaben besser vor Betrügern schützen wollen, wie Ämter bremsen, wenn Schweizer Einwohner Flüchtlinge bei sich unterbringen wollen, wie der Unfallversicherer SUVA Gesetzgeber spielt und wie eine 13-jährige ins Netz einer esoterischen Sozialpädagogin tappt.

Der Beobachter 13/2015 erscheint am Freitag, 26. Juni. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Reuters
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