Rund 100'000 Menschen, so wird geschätzt, leben illegal in der Schweiz. Wie können all diese in einem Land mit pingeliger Bürokratie und Hang zu sozialer Kontrolle untertauchen? Peter Johannes Meier und Balz Ruchti haben für unsere Titelstory ab Seite 18 mit Sans-Papiers, mit Hilfsorganisationen und mit Vertretern des Staates gesprochen – und sind dabei auf eine Schattengesellschaft voller Widersprüche gestossen.

Illegale Einwanderer fürchten den Regelverstoss. Eine Haushaltshilfe beschrieb das so: Sie verursache keine Probleme, trenne Abfall, bündele Altpapier, mache daheim keinen Lärm, zahle pünktlich Miete, Telefon, Krankenkasse. Wer von Einwanderern vor allem Anpassung verlangt, müsste an Sans-Papiers also seine helle Freude haben. Tatsächlich gibt es Schweizer, die sie schätzen: ihre Arbeitgeber.

Von den billigen Haushaltshilfen, Pflegerinnen oder Erntehelfern profitieren oft ausgerechnet Angehörige eines gutbürgerlichen oder bäuerlichen Milieus, deren politische Repräsen­tanten eher die harte Linie gegen Illegale fordern.

Es gibt weitere Widersprüche. Der Chef des Bundesamts für Migration, Eduard Gnesa, sagt: «Illegale Arbeitskräfte braucht es nicht.» Anderseits lehnt er es ab, 5000 Arbeitsbewilligungen für Hausangestellte zu erteilen, wie es der Kanton Genf verlangt. Denn dann bestehe laut Gnesa die Gefahr, dass die Arbeitgeber aus Kostengründen wieder auf Illegale auswichen.

Anzeige

Sans-Papiers dürfen zwar nicht hier sein, aber sie können eine Krankenversicherung abschliessen oder AHV-Beiträge zahlen. Ihre Kinder besuchen staatliche Schulen, dürfen danach jedoch keine Lehre beginnen. Die Polizei passt Sans-Papiers vor Zivilstandsämtern ab, um sie festzunehmen; im Umkreis einer medizinischen Beratungsstelle aber stellt sie sich blind – Illegale sollen nicht heiraten können, aber auch nicht Krankheiten verbreiten.

Die frühere SVP-Generalsekretärin Myrtha Welti kommentierte kürzlich den Umgang mit Sans-Papiers so: «Einerseits profitieren wir, anderseits verschliessen wir die Augen. Das ist heuchlerisch.»

Und welchen Sinn hat es, Zigtausenden offensichtlich erwünschten Arbeitskräften von Gesetzes wegen jede Integration zu verweigern? Damit sie verschwinden? «Noch nie hat es ein Staat geschafft, illegale Migration zu verhindern», sagt selbst der Chef des Bundesamts für Migration.

Anzeige

Patentrezepte hat niemand. Aber die Politik sollte pragmatische Lösungen suchen. Zum Beispiel Härtefälle als solche wirklich anerkennen. Oder, wenn sich schon ein Mangel an Pflege­kräften abzeichnet, Sans-Papiers legali­sieren, die bereits in der Pflege arbeiten. Und warum nicht über ein Pendant zur US-amerikanischen Green Card nach­denken und so auch Nichteuropäern eine Chance für eine Arbeitsbewilligung geben?