Schlittern wir in eine zweite Weltwirtschaftskrise – in ihrem Ausmass nur vergleichbar mit der Depression der dreissiger Jahre? Weltweit werden taumelnde Unternehmen mit Unsummen gestützt, und allein für die Rettung der UBS stellen wir 68'000 Millionen Franken bereit. Tausende Kunden von Schweizer Banken haben mit «absolut sicheren» Anlagen Vermögen verloren; eine ganze Branche ist in Verruf geraten. Die Lage scheint so aussergewöhnlich, dass selbst ein Christoph Blocher, der den Staat bisher eher als Reich des Bösen verunglimpfte, nun einen Bundesvertreter bei der UBS will. Wer hätte all dies vor einem Jahr gedacht?

Die Krise ist zwar ständiges Gesprächsthema, und doch merken die meisten hierzulande noch wenig von ihr. Die Arbeitslosenquote ist mit 3,3 Prozent keineswegs dramatisch, und die Konsumlust scheint ungebrochen. Wo aber spürt man die Rezession real? Für unsere Titelstory ab Seite 22 haben Daniel Benz und Dominique Strebel Menschen besucht, bei denen sich die Krise früher als anderswo bemerkbar machen sollte. Oft sind die Autoren auf viel Pragmatismus gestossen. Etwa beim Autohändler, der keinen Grund zum Jammern sieht, oder beim Wirtschaftshistoriker, der sagt: «Was soll ich mich jetzt schon anpassen?» Das bedeutet nicht, dass es nicht auch bereits Opfer der Krise gäbe: Wir zeigen am Beispiel einer Aargauer Werkzeugbaufirma, wie eine Massenentlassung abläuft und wen es dabei aus welchen Gründen trifft.

Wie schlimm wird die Rezession? Das hängt wohl auch mit Erwartungen zusammen: Je pessimistischer die Stimmung, umso plausibler erscheint es Unternehmen und Konsumenten, erst einmal die Ausgaben zu drosseln. Welche Rolle Konjunkturprognosen spielen, kann man nur vermuten. Klar ist aber, dass man sie sehr skeptisch betrachten sollte, wie Gian Signorell erläutert (siehe Artikel zum Thema). Denn die Prognostiker liegen regelmässig weit daneben. Als Richtschnur taugen ihre Orakel kaum.

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Ohnehin gehört es zu den Erkenntnissen dieser Krise, dass viele Erwartungen falsch waren und wir die Dinge nicht im Griff haben. Wieso das unvermeidlich ist, erklärt Helmut Stalder auf Seite 30. Aber auch, warum wir dennoch nicht den Kopf in den Sand stecken können.

Selbst in der Primarschule ist die Krise angekommen, wie Birthe Homann im Gespräch mit Zürcher Schülern feststellen konnte (siehe Artikel zum Thema). Oft unterscheiden sich deren Erwartungen und Ängste nicht sehr von denen der Erwachsenen. Manchmal aber doch: So hat der elfjährige Linus erst einmal Respekt vor der Gymiprüfung. Eine konkrete, lösbare Aufgabe. Vielleicht ist das ja ein Rezept: jene Aufgaben zu lösen, die sich konkret stellen – und sich vom allgegenwärtigen Krisengerede nicht gleich ins Bockshorn jagen zu lassen.