Von der neutralen Schweiz aus konnte man dies zwar fasziniert verfolgen, aber es blieb für die meisten hierzulande eher die Geschichte der anderen: von Deutschen, Ungarn, Tschechen, Rumänen et cetera. Ganz stimmt das aber nicht – ein Schweizer war massgeblich daran beteiligt, dass im Sommer 1989 der Eiserne Vorhang riss.

Reto Kaufmann heisst der Mann, den mein Kollege Helmut Stalder nun im Rheintal ausfindig gemacht hat und dessen Geschichte er ab Seite 28 erstmals erzählt. Kaufmann hatte sich 1988 in Ungarn mit einem ostdeutschen Paar angefreundet und wollte ursprünglich nur diesen beiden bei ihrer illegalen Ausreise helfen. Ein Jahr später organisierte er jedoch eine Massenflucht von 264 DDR-Bürgern nahe des ungarischen Städtchens Sopron. Dieser dramatische Ausbruch am 22. August 1989 machte weltweit Schlagzeilen und galt bisher als spontane Aktion. Denn Kaufmann behielt seinen persönlichen Beitrag zur Weltgeschichte 20 Jahre lang für sich – obwohl dieser nicht zu unterschätzen ist.

Zwar gab es unabdingbare politische Voraussetzungen für die Ereignisse des Jahres 1989. So war Michail Gorbatschow zur Einsicht gekommen, dass die Ostblock-Regimes auch mit sowjetischen Panzern nicht zu retten sein würden. Andernfalls hätten die Demokratiebewegungen, die in den achtziger Jahren in Osteuropa allmählich Zulauf erhielten, das gleiche Schicksal erlitten wie ihre Vorläufer 1956 in Budapest oder 1968 in Prag. Ein weiterer Faktor war, dass Ungarn mit dem Abbau des inzwischen maroden Grenzzauns begonnen hatte – was bei Zigtausenden DDR-Bürgern die Hoffnung weckte, irgendwie über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen fliehen zu können.

Anzeige

Tatsächlich aber war ein solches Vorhaben auch weiterhin kein Spaziergang. Ohne die minutiöse Planung Kaufmanns wäre der Ausbruchsversuch der 264 wohl noch vor der Grenze gestoppt worden. Und als sie dort ankamen, mussten die Flüchtlinge damit rechnen, dass die ungarischen Wachen schiessen würden. Diese wussten allerdings selbst nicht, wie sie sich zu verhalten hatten – und entschieden sich, eine Konfrontation zu vermeiden.

Ohne eine Portion Glück in diesem Moment wäre die Geschichte des Jahres 1989 wohl anders verlaufen. Und ohne das beherzte Handeln Kaufmanns ebenfalls. Denn seine Aktion trug zu einer Kettenreaktion bei, bei der das DDR-Regime in wenigen Wochen die Kontrolle über sein Volk verlor – bis am Ende die Mauer fiel.