Es ist früher Morgen und schon Sturm im Kopf: Die Prüfungszeit steht an, es kommt Panik hoch, weil man die Übersicht verloren hat, und es fehlt die Kraft, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Der Student braucht einen Leistungsverstärker und greift zu Ritalin, um besser zu funktionieren.

Abends am Tisch: Die Eltern, knapp im roten Bereich nach einem nervigen Bürotag, haben den Kleinen zu Bett gebracht und müssen ein Problem lösen. Ihr Sohn stört den Klassenverband durch seine permanente Unrast und passt zu wenig auf. Ein Psycho­loge hat dem Filius Ritalin empfohlen. Die Eltern einigen sich darauf, es zu versuchen.

Das Medikament gegen die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS ist in den letzten Jahren zum Wundermittel geworden, um die Menschen auf problemlos zu takten. Endlich funktioniert man wieder, und auch wenn alles immer schneller wird, bleibt man locker dran – dank Ritalin.

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«Ritalin ist zum Wundermittel geworden, um Menschen auf problemlos zu takten.»

Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter

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Alles in Ordnung also? Kann Ritalin gar klüger machen, die Hirnleistung steigern? Oder ist es nur eine Anpassungsdroge an die Zwänge einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft, die auf temporäre Überforderung nicht anders zu reagieren weiss?

Macht Ritalin klug?

Gian Signorell, Susanne Loacker und Mario Stauber haben für unsere Titelgeschichte «Irrglaube Hirndoping» mit Lehrern, Ärztinnen, Psychologen und Anwendern gesprochen, Zahlen recherchiert und Studien verglichen. Das Resultat stellt einiges zum Thema klar. Drei Punkte: 

 

  1. Ritalin wirkt nicht als Hirndoping. Es steigert nur die kognitive Erregung, nicht die messbare Leistung. Studien zeigen, dass Probanden, die das Medikament als reine Denkhilfe schluckten, in Prüfungen keine besseren Resultate erzielten als Vergleichsgruppen, die nur ein Placebo oder gar keine Pille eingenommen hatten.
  2. Ritalin kann bei einer ADHS-Störung tatsächlich helfen, dass ein Kind innerhalb gesetzter Strukturen weniger aneckt, sich angepasster verhält und damit leichter zu führen ist für Lehrer und Eltern und so auch bessere Schulerfolge erreicht.
  3. Es ist nicht so, dass immer mehr Kinder eine ADHS-Störung entwickeln würden. Der Anteil der Betroffenen liegt seit den siebziger Jahren bei rund drei bis fünf Prozent der Jugendlichen.

Genügend Schlaf bewirkt das Gleiche

Die deutliche Zunahme der Ritalinrezepte ist deshalb vor allem eins: die bequemste Antwort auf den steigenden Druck, jederzeit und überall optimal zu funktionieren. Die unbequemere Lösung lautet: ADHS-Kindern mehr Zeit zu geben, ihren Aktivitätsdrang auszuleben, statt ihn zu bremsen. Und Studenten im Prüfungsstress sollten sich sagen lassen: Genügend Schlaf und ein entspannter Zustand reichen völlig aus, um die optimale Hirnleistung abzurufen.

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Der neue Beobachter

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte zu Nutzen und Missbrauch von Ritalin in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

Weitere Themen des Hefts: Ein Besuch auf dem Dreirosenplatz in Basel, dem urbansten Fleck der Schweiz. Ein Porträt des Millionenbetrügers der Pensionskasse Sinca. Und: ein Essay zur Ethikfrage in der Flüchtlingspolitik.

Der Beobachter 17/2015 erscheint am Freitag, 21. August. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

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