Manche Bücher wirken lange nach. Hermann Hesses «Kurgast», den ich vor 30 Jahren las, ist so ein Fall. Ich kenne zwar keine Details der Handlung mehr. Geblieben ist mir aber Folgendes: Kurgast Hesse, der von seinen Beschwerden beherrscht wird, schafft es schliesslich, sich von aussen zu betrachten. Und plötzlich findet er alles nur noch zum Lachen: den Kurbetrieb mit seinen Ritualen, die Mitpatienten, sein Ischiasleiden und auch sich selbst. Auch wenn er damit noch nicht geheilt ist, lautete für mich die Botschaft: Was eine Krankheit mit dir macht, hängt stark von dir selbst ab.

Der «Kurgast» ist mir wieder eingefallen, als ich unsere Titelstory (siehe Artikel zum Thema «Was uns heilt») gelesen habe. Dort geht es um Placebos, also Medikamente ohne Wirkstoff, die in der Regel abschätzig betrachtet werden. Dabei sind sie besser als ihr Ruf, wie Forschungsarbeiten belegen: Die Abgabe von Placebos kann physiologische Veränderungen im Gehirn auslösen. Sie aktivieren offenbar die Selbstheilungsmechanismen des Patienten. Dennoch sind Placebos bei Schulmedizinern umstritten: Die FMH lehnt einen systematischen Einsatz als «Täuschung am Patienten» ab.

Als Placebo-Therapien betrachten viele Schulmediziner auch den Grossteil der Alternativmedizin, da sich deren Wirksamkeit selten nach wissenschaftlichen Standards belegen lässt. Deshalb strich Gesundheitsminister Pascal Couchepin vor einigen Jahren fünf Alternativmethoden aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung. Am 17. Mai wird darüber abgestimmt, ob die Alternativmedizin in der Verfassung verankert werden soll; die Initianten erwarten, dass Couchepins Streichung dann rückgängig gemacht wird. Egal, wie die Abstimmung ausgeht: Klar ist, dass die Schul- von der Alternativmedizin lernen sollte, wie man die Selbstheilungskräfte der Patienten besser nutzt.

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In diesem Heft endet unsere sechsteilige Serie über den Angstpatienten Andreas Springer (siehe Artikel zum Thema «Endlich einen Fuss in der Tür»). Seine Krankheit hatte dazu geführt, dass er 2006 seinen Job verlor. In den letzten 15 Monaten absolvierte er ein Training der Stiftung Espas, um nicht zum IV-Fall zu werden. Der Beobachter hat ihn auf einem Weg voller Rückschläge begleitet, bei dem der Erfolg nie garantiert war. Dank Springers motivierter Einstellung sieht es nun aber gut aus: Nach einem Betriebspraktikum geht es für ihn darum, eine reguläre Stelle zu finden. Bei steigender Arbeitslosigkeit keine leichte Aufgabe, aber Springer könnte auch das schaffen. Seine Geschichte zeigt eindrücklich, wie wichtig die eigene Einstellung ist, damit eine Krankheit den Lebensmut und Zukunftsperspektiven nicht dauerhaft zerstören kann. Ganz ähnlich wie in Hesses «Kurgast».

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