18-07-Kessler.jpgMargrit Kessler arbeitete über 20 Jahre als Krankenschwester auf der chirurgischen Intensivstation des St. Galler Kantonsspitals. Schon Anfang der neunziger Jahre erlebte sie, wie Patienten mit offensichtlich fragwürdigen Methoden operiert wurden. Doch ihr Vorgesetzter wimmelte sie damals ab. Nachdem ihr 1998 - Kessler war inzwischen Vizepräsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation (SPO) - wiederum ein Fall gemeldet wurde, kritisierte sie die Vorgänge im Kantonsspital St. Gallen erneut. Sie warf dem Chirurgie-Chefarzt Jochen Lange vor, er habe Patienten ohne deren Einwilligung zu Forschungszwecken mit einer riskanten Methode am Darm operiert. Zudem habe er bei einer Patientin eine Behandlung angewendet, die zuvor erst an Ratten versucht worden war. Grossen Wirbel verursachte schliesslich der Vorwurf, der Chefchirurg habe Operationen nicht persönlich durchgeführt, trotzdem aber Honorar kassiert.

Seit über zehn Jahren prangert Margrit Kessler diese Missstände an. Auf einmal musste sie erfahren, wie nicht mehr der medizinisch verantwortliche Arzt im Zentrum der Diskussion stand - Kessler sass plötzlich selber auf der Anklagebank. In einem aufsehenerregenden Urteil («Maulkorb-Urteil») stellte sich das St. Galler Kantonsgericht hinter Professor Langes Ehrverletzungsklage und verbot Kessler, den Chefchirurgen wegen der 13 an einem einzigen Tag - angeblich selber - durchgeführten Operationen in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Das Bundesgericht hob aber dieses «Maulkorb-Urteil» letztes Jahr auf.

In einem anderen Verfahren verurteilte das Kreisgericht Kessler wegen falscher Anschuldigungen, falscher Zeugenaussage und übler Nachrede zu zehn Monaten Gefängnis bedingt und zur Zahlung von 200'000 Franken. Kessler: «Man wollte mich mundtot machen und in den Konkurs treiben.» Vor wenigen Monaten wurde sie aber vom St. Galler Kantonsgericht freigesprochen. Lange akzeptierte das Urteil, doch die Staatsanwaltschaft zog den Fall ans Bundesgericht weiter. Der Entscheid steht noch aus. Otto Hostettler


18-07-Dibartolo.jpgDie Küche der Dibartolos in Effretikon ZH geht auf eine Quartierstrasse. Wenn laute Stimmen von draussen hereindringen, sind es meistens raufende Kinder. Deshalb blieb Paolo Dibartolo am Abend des 9. September 2006 zuerst auch am Tisch sitzen, als er den Lärm hörte. Dann schrie plötzlich eine Frau. «Die Panik in ihrer Stimme rüttelte mich auf», sagt er. Sofort lief er ans Fenster. Das Bild vergesse er nie mehr: Die Frau kniet auf der Strasse, über ihre Augen fliesst Blut. Neben ihr ein Mann, in seiner Rechten hält er ein grosses Messer. Dibartolo stürzte hinaus auf die Strasse. Seine Frau rief ihm noch hinterher: «Mach schnell, der will sie umbringen.»

Paolo Dibartolo, der in Zürich einen Coiffeursalon betreibt, ist 76 Jahre alt, schmal, knapp 1,65 Meter gross, hat feingliedrige Hände. Man kann sich kaum vorstellen, wie dieser kleine Mann sich vor dem anderen, der fast zwei Köpfe grösser ist, aufbaut. Wie er dessen Hand packt, die ein zweites Mal niedersausen will auf die Frau. Wie er dem anderen befiehlt: «Hören Sie auf und werfen Sie das Messer weg.» Der andere gehorchte.

«Als ich zu ihm sprach, achtete ich auf jedes Wort. Man muss die Menschen höflich behandeln. Sonst fühlen sie sich bedroht», sagt Dibartolo. Auf die Frage, wie er in einer solchen Extremsituation ruhig bleiben konnte, antwortet er mit einem Lachen, das fast nicht mehr aufhört. Dann sagt er nur: «Wissen Sie, ich habe als Kind den Krieg in Italien miterlebt.»

Zwei Tage nach dem Vorfall erhielt Paolo Dibartolo von der Kantonspolizei einen Dankesbrief. «Ihr mutiges Verhalten hat dazu beigetragen, dass die Frau nicht ernsthafter verletzt wurde und der Täter noch am Tatort verhaftet werden konnte», heisst es dort. Die Carnegie-Stiftung für Lebensretter verlieh ihm die bronzene Ehrenmedaille.

Auf all das könnte der Friseur Dibartolo verzichten. Aber dass er die Frau, die damals blutüberströmt auf der Strasse kniete und um Hilfe schrie, nie treffen konnte, macht ihn traurig. Es interessiert ihn, wie es ihr heute geht. «Bisher hat sie jede Verabredung im letzten Moment abgesagt.» Yvonne Staat

18-07-Kramer.jpgDass Bundesrat Pascal Couchepin im Mai 2005 beschloss, fünf alternative Therapieformen aus der Krankenkassen-Grundversicherung zu streichen, ärgerte Hunderttausende - auch Caroline Kramer, kaufmännische Teilzeitangestellte beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und nebenbei selbständige Homöopathin.

Richtiggehend schockiert war die 39-Jährige aber, als sie im Juni 2006 im BAG-Computersystem stöberte und ein brisantes Dokument fand: Das BAG beauftragte ein PR-Büro, eine Kampagne gegen die hängige Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» zu planen und durchzuführen. Das Volksbegehren, über das voraussichtlich 2008 abgestimmt wird, will Couchepins umstrittenen Sparbeschluss rückgängig machen. «Zuerst dachte ich: Vielleicht verstehe ich das nicht richtig; das darf doch gar nicht sein.» Doch Kramer las richtig: Das BAG wollte bis zu 300'000 Franken Steuergelder für den Kampf gegen eine missliebige Volksinitiative einsetzen, notabene bevor das Parlament sich dazu geäussert hatte.

Die BAG-Angestellte fackelte nicht lange, druckte das Dokument aus und liess es über eine Vertrauensperson den Initianten zukommen. Obwohl sie wusste, dass sie wohl als Informantin enttarnt würde, stimmte sie zu, dass das Papier den Medien zugespielt wurde. Die Veröffentlichung löste Widerstand aus: Die zuständige Parlamentskommission rügte das BAG - und dieses krebste zurück. Der PR-Auftrag wurde gestrichen. 22'000 Franken waren allerdings bereits ausgegeben.

Kramer hatte also erreicht, dass der Bund (fast) kein Geld in eine fragwürdige Kampagne pumpte, doch sie musste dafür büssen: Die Computerzugriffsdaten verrieten, wer das Dokument aufgerufen hatte. BAG-Direktor Thomas Zeltner wertete dies als Vertrauensbruch und Amtsgeheimnisverletzung; das Arbeitsverhältnis mit Kramer wurde «im gegenseitigen Einvernehmen» aufgelöst. Erst im Juli 2007 fand sie eine neue Teilzeitstelle. «Trotzdem würde ich es wieder tun. Das BAG darf nicht einfach Steuergelder einsetzen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.» Martin Müller

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18-07-Wernli.jpg Als stellvertretende Geschäftsführerin von Dignitas erfuhr Soraya Wernli, dass die Sterbehilfeorganisation illegal Reserven von tödlichem Natriumpentobarbital (NaP) hortete, dass Ärzte für Dignitas NaP-Rezepte ausstellten, ohne dazu befugt zu sein, und dass einem Sterbewilligen im Sterbezimmer von Dignitas das Gift aktiv gespritzt worden sei.

Wernli informierte die Polizei über die illegalen Reserven. Sie wies die Behörden auf den Arzt hin, der ohne Bewilligung NaP-Rezepte ausstellte. Und sie riet Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli zur Selbstanzeige wegen möglicher aktiver Sterbehilfe. «Aber er wollte nichts davon wissen.»

Das Fass zum Überlaufen brachte der Fall eines Mannes, der trotz dem tödlichen NaP 72 Stunden lang nicht sterben konnte. Zusammen mit den Angehörigen beschloss Wernli eine Einweisung ins Spital. Doch der Dignitas-Chef habe die Kosten dafür nicht übernehmen wollen: «Er hat versucht, zuerst die Angehörigen, dann mich zu überzeugen, das NaP zu spritzen.» Sie habe sich geweigert und sei nach Hause gefahren. Vier Stunden später habe sie erfahren, dass der Mann gestorben sei. Wernli ist überzeugt, dass verbotene aktive Sterbehilfe ausgeübt wurde. So sagte sie es im August 2004 auch der Polizei und kündigte bald darauf den gut bezahlten Job.

Doch die Behörden reagierten vorerst kaum: Zwar wurde der Dignitas-Arzt, der ohne Erlaubnis NaP-Rezepte ausstellte, gesperrt, aber das Strafverfahren wegen verbotener Reserven wurde eingestellt. Rechtsanwalt Minelli habe nicht davon ausgehen müssen, dass dies verboten sei, meinte der zuständige Staatsanwalt. Und wegen des Verdachts auf aktive Sterbehilfe tat sich während mehr als zweier Jahre rein gar nichts. Da trat Wernli an die Öffentlichkeit: Im Februar dieses Jahres machte sie in der Sendung «Rundschau» die beiden Fälle möglicher aktiver Sterbehilfe publik. Darauf leitete die Zürcher Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein. Minelli bestreitet, dass bei Dignitas je aktive Sterbehilfe verübt wurde und dass er jemanden habe überzeugen wollen, dies zu tun. Dominique Strebel

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18-07-Tschus.jpg Marianne Tschus sass in ihrer Küche in Rhäzüns GR und trank Kaffee, als sie von draussen hörte: «Du musst es endlich deiner Mutter sagen.» Sie lief in den Garten, wo ihre beiden Töchter mit einer Freundin spielten. Die achtjährige Daria, ihre Älteste, hatte als Erste den Mut, es auszusprechen: «Selina wurde gefickt.» Marianne Tschus hätte am liebsten geschrien, während ihre fünfjährige Tochter Selina alles erzählte: Wie vor einigen Wochen zwei Buben sie gepackt hätten, wie einer sie festgehalten und der andere sein «Zipfelchen» in sie gesteckt habe. Am Schluss nannte das Mädchen die Namen der Täter. Jungs aus dem Dorf, 11 und 13 Jahre alt.

«Als ich hörte, dass Selina vergewaltigt wurde, tat sich in mir ein Abgrund auf», sagt die 39-jährige Mutter heute. Sie werde diesen Tag, den 14. Juli 2006, nie vergessen. Am selben Abend gingen sie und ihr Mann Peter Tschus zur Polizei und erstatteten Anzeige. Die Täter gaben ihre Tat sofort zu. Der Rhäzünser Schulrat, der für den Fall zuständig war, beauftragte die Jugendanwaltschaft mit den Untersuchungen. Und er nahm die zwei Jungs noch im Sommer von der Schule.

Im Dorf kursierten Gerüchte über die Tat. Jeder wollte mitreden - «aber nur hinter vorgehaltener Hand», sagt Marianne Tschus. Wenn sie den Dorfladen betrat, verstummten die Gespräche. «Genau die Art von Atmosphäre, die dazu führt, dass das Opfer sich zu schämen beginnt und zurückzieht.» Das wollte sie Selina unbedingt ersparen und ging in die Offensive. Sie informierte die Medien, sprach in Interviews über ihre Gefühle. Ohne je reisserisch zu werden oder auf der Tatsache herumzureiten, dass die Täter aus dem Kosovo stammen. Sexueller Missbrauch unter Kindern war bisher ein Tabuthema - Marianne Tschus hatte den Mut, das Schweigen zu brechen.

Die Reaktionen gaben ihr recht. Sie erinnert sich: «Aus der ganzen Schweiz kamen Anrufe von Leuten, die Ähnliches erlebt hatten.» Mit diesem Echo hatte Marianne Tschus nicht gerechnet. Eigentlich sei es ihr nur darum gegangen, Selina zu vermitteln: «Du musst dich nicht verstecken für das, was passiert ist. Es war nicht deine Schuld.» Yvonne Staat

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18-07-Suter.jpg Freitagabend, 27. April 2007, 21.30 Uhr: Marina und Ruedi Suter aus Erlen TG brechen zu ihrem regelmässigen Abendspaziergang auf. Kaum aus dem Haus, begegnet ihnen ein verängstigt wirkendes Hündchen. Als das Ehepaar auf das Tier zugehen will, weicht es aus. «Da wir noch im Wohnquartier waren, dachte ich, der Besitzer sei nicht weit», erinnert sich Marina Suter. Kurz darauf sehen sie auf der Höhe der Bahnschranke das Hündchen wieder. Zur gleichen Zeit kommt ihnen ein Paar mit ebenfalls einem Hund entgegen. Suters nehmen an, dass auch das kleine Tier zu ihnen gehört. Doch als die Bahnschranken schliessen, ruft das Passantenpaar den Hund nicht. «Aus einer Eingebung heraus schaute ich über die geschlossene Bahnschranke», sagt Marina Suter.

Was sie dort sieht, lässt ihren Atem stocken: Mitten auf den Schienen liegt jemand. «Ich habe nicht lange nachgedacht, sondern bin sofort losgerannt.» Marina Suter schlüpft zwischen den geschlossenen Bahnschranken hindurch und will die reglose Person, es ist eine Frau, vom Gleis holen. Sie schafft es nicht. Da hat auch Ruedi Suter die Schienen erreicht; zusammen bringen sie die Frau aus der Gefahrenzone. Auf den Schienen liegt ein zusammengeklappter Gehwagen; diesen schnappt sich Ruedi Suter noch, und schon braust der Schnellzug in knapp einem halben Meter Entfernung an den dreien vorbei. Marina Suter: «Es gab einen unglaublichen Sog. Ich schloss die Augen, um nicht mit ansehen zu müssen, wie der Hund mitgerissen wird.» Doch dieser hat sich bereits neben seine noch immer stark benommene Besitzerin gesetzt. Die Retter bemerken erst jetzt, dass die Frau blutüberströmt ist. Am Kopf klafft eine Platzwunde. Während sich das Passantenpaar um die verletzte Frau kümmert, verständigt Ruedi Suter die Ambulanz.

Marina und Ruedi Suter gehen nach Hause. Nur allmählich wird ihnen bewusst, was geschehen ist. Und dann beginnen die Gedanken zu kreisen: dass der Zug schon sehr nah war, dass es auch anders hätte enden können. Das Ehepaar verbringt eine schlaflose Nacht. Für beide ist aber klar: «So hätte jeder gehandelt.» Dominique Hinden

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