«Hallooo.» Der gedehnte Vokal soll Freude signalisieren. Ich habe keine Ahnung, wie sie heisst. Mit drei Küsschen und einer ausgiebigen Umarmung gewinne ich Zeit. Anna? Anja? Tanja? Verdammt, wäre ich doch zu Fuss gegangen. Sie sieht mich erwartungsvoll an. Ich grinse leer. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht mal, woher ich sie kenne. Nadja? Zu spät. Ihr Blick bricht.

Nun glaubt sie, sie sei mir gleichgültig. Das ist zwar wahr. Aber da ich guten Willens bin, versuche ich ihr das Gefühl zu geben, dass sie trotzdem ein wunderbarer Mensch sei. Ich schaue ihr also tief in die Augen und denke an etwas Schönes, während sie spricht – das tun Frauen, wenn ihnen unwohl ist: reden.

Sie hat eine hohe Stirn und herrlich weisse Zähne. Alles in allem sieht sie ganz passabel aus; wie eine Manuela oder eine Kathrin, irgendwie. Ich habe immer noch die Chance, sie mit Namen zu verabschieden und ihr damit den Tag zu retten. Claudia, vielleicht?

Das arme Geschöpf hört nicht auf zu plappern. Es muss sie richtig getroffen haben. Svetlana heisst sie nicht, aber das würde zu ihren hohen Wangenknochen passen. Ich komm nicht drauf. Was solls? Ich kann mir nicht die Namen von sämtlichen Leuten merken, die meinen Weg kreuzen.

Frau Namenlos quatscht und quatscht. Zeig doch etwas Würde, Mädchen.

Ich mime weiter Aufmerksamkeit, bete aber innerlich für einen Grund, doch noch verschwinden zu können. Wieso sollte sich überhaupt irgendjemand ihren Namen merken? Es gibt nun mal Leute, die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sobald sie das nächste Mal Atem holt, sag ich, ich müsse noch schnell zum Bancomaten. Das hätte ich gleich tun sollen. Mann, die Tante merkt gar nicht, dass ich nicht zuhöre. Typisch Sandra. Aber natürlich, genau – die Schnepfe heisst…

«Sandra!»

Das war nicht ich, das war Isabelle. Sie rennt auf uns zu und fällt Sandra um den Hals. Isabelle. Wir sassen an der Uni alle drei im selben Seminar, ich hab mit ihr zusammen sogar einen Vortrag gehalten. Im Gegensatz zu Sandra war Isabelle nämlich nicht nur schön, sondern auch klug; eine Klassefrau. Bei so einer vergisst man den Namen nicht. Der Kontakt brach leider ab, weil sie ins Ausland ging. Der 12er-Bus kommt. «Das ist meiner», sagt Sandra. Gott sei Dank! «Machts gut, ihr beiden.»

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Isabelle schaut mich verdutzt an. Sie hat mich noch gar nicht gesehen. «Hallo, Isabelle», lächle ich. Sie fällt mir um den Hals, eine innige Umarmung: «Hallooo.»

«Musst du auch auf den 21er?», frage ich.

«Ja äh, nein, ich muss noch schnell zum Bancomaten.»