Der Nationalismus feiert in Europa ein Comeback. In vielen Ländern sind nationalkonservative ­Parteien im Vormarsch, in Griechenland und ­Ungarn sogar offen faschistische. Dabei wollten die Väter der ­europäischen Einheit nach dem Schrecken der zwei Weltkriege die Nationalstaaten zähmen. Und das mit gutem Grund: Die Nationalstaaten hatten die Zivil­-bevölkerung in Europa immer häufiger zu Opfern von grausamen Kriegen gemacht. Und ein ­radikaler Nationalismus hatte am ­Anfang eines der grössten Verbrechen der Menschheits­geschichte gestanden.

Nationalismus gibt vor, zu definieren, wer wir sind. Diese Funktion erfüllt auch das Essen. Kulturelle Identität erlangen wir über das, was wir essen, und vor allem auch über das, was wir nicht essen. Fondue ist unser Nationalgericht, und wir sind auch deshalb Schweizer, weil wir nicht wie manche Chinesen Hundefleisch verzehren. Die Globalisierung ist jedoch im Begriff, diese Identifikation über das Essen aufzuweichen. Lokale und regionale Küchen sind auf dem Rückzug, wir essen immer mehr Convenience-Food. Diese Industrieware wird in diversen Varianten angeboten, es handelt sich jedoch stets um das Gleiche: mit Salz, Zucker und Fett aufgemotzte billige Kalorien, die vorwiegend von Mais und ­Soja stammen.

Nationalismus ist wie politisches Convenience-Food. Auch er wird aus den stets gleichen Versatzstücken zusammengemischt und mit kräftigen Reizthemen ­gewürzt. Die Reden und Slogans von nationalistischen Politikern gleichen sich. Das Aussehen der Ultranationalis­ten – Glatze, schwarze Lederjacke und Stiefel – ist normiert. Beide Phänomene haben verheerende Wirkungen. ­Nationalismus macht die Menschen dumm und gefährlich. Convenien­ce-Food macht sie dick und krank.

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Die Verachtung für den Nationalstaat gehört zu den wenigen Dingen, die Linke und Neoliberale miteinander verbinden. Sozialismus ist international, und Karl Marx hat bekanntlich davon geträumt, dass sich der Staat im Kommunismus irgendwie auflösen würde. Globalisierungseuphoriker ihrerseits schwärmen davon, dass ein Absterben des Staates auch ein Wegfallen von Steuern, Zöllen und anderen Abgaben bedeuten und einen massiven Wohlstandsschub zur Folge haben würde.

Warum haben sich Kommunismus und Neoliberalismus am Nationalismus die Zähne ausgebissen? Eine ­Antwort darauf gibt Dani Rodrik, Ökonomieprofessor in Harvard. Sie lautet wie folgt: Märkte funktionieren nur dann, wenn sie sinnvoll reguliert werden, und der einzig wirkungsvolle Regulator ist unter den aktuellen Bedingungen der Nationalstaat. Er ist damit eine Art Retter in letzter Instanz, wie das gerade die jüngste Krise einmal mehr gezeigt hat. «Es war die heimische Politik, die einschreiten musste, um einen ökonomischen Zusammenbruch zu verhindern», stellt Rodrik fest. «Es waren nationale Regierungen, die Banken gerettet, Liquidität ins Geldsystem gepumpt und Konjunkturprogramme gestartet und die Schecks für Arbeitslose unterzeichnet haben.»

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Nationalismus vernebelt die Sicht auf das, was den ­negativen Seiten der Globalisierung zugrunde liegt. Es ist die Monopolisierung der Wirtschaft. Es sind die multi­nationalen Konzerne, die ihre Macht immer unverhohlener ausspielen. Mit der Drohung der Verlagerung von ­Arbeitsplätzen erzwingen sie tiefere Löhne und Steuern und sorgen gleichzeitig für einen Einheitsbrei im Angebot. Shoppingcenter und Einkaufsstrassen werden rund um den Globus von den gleichen Marken dominiert.

Kann man den Nationalstaat schützen, ohne den ­bösartigen Zwillingsbruder Nationalismus in Kauf zu nehmen? Ja, wenn wir uns auf die Ursprungsidee der ­europäischen Einheit besinnen und einen gemeinsamen Schutzschirm aufspannen, der die Menschen in wirtschaftlichen Krisen und in sozialer Not beschützt. Unter einem solchen Schirm könnte sich eine authentische kulturelle Identität der Menschen entfalten.

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