Vibrio cholerae, Mycobacterium tuberculosis, Variola-Virus, Toxoplasma gondii, Taenia saginata klangvolle Namen, hinter denen sich die hartnäckigsten Feinde des Menschen verbergen: Bakterien, Viren, Einzeller, Würmer und Pilze. Obwohl winzig klein, verursachen diese Mikroorganismen grosses Leid und führen vielfach zum Tod.

In den vergangenen Jahrhunderten waren die Menschen den Infektionskrankheiten hilflos ausgeliefert. Immer wieder fegten Epidemien wie Pest, Cholera oder Typhus über Länder und Kontinente und forderten mehr Menschenleben als die Kriege zu jener Zeit. Die spanische Grippe, die 1918 in Europa, Asien, Australien und Amerika wütete, hinterliess nach Schätzungen ungefähr 30 Millionen Tote. Noch 1900 gehörten Infektionskrankheiten zu den häufigsten Todesursachen: Die Menschen starben an Lungenentzündungen, Tuberkulose und infektiösen Durchfallerkrankungen. Fast die Hälfte der Toten waren Kinder unter 15 Jahren.

In den letzten Jahrzehnten haben Infektionskrankheiten weitgehend ihren Schrecken verloren, vor allem in den Industrienationen. Bei uns sterben die Menschen viel häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebsleiden als an Typhus, Tuberkulose oder Lungenentzündungen.

Mehr Kranke in ärmeren Ländern

Ganz anders die Situation in der Dritten Welt: Killer Nummer eins ist dort das HIV-Virus, neben «alten» Bekannten wie Malaria- und Tuberkuloseerregern. Besonders dramatisch ist die Lage im südlichen Afrika, wo zwei Drittel aller HIV-Infizierten der ganzen Welt leben. In Botswana beispielsweise ist jeder dritte Erwachsene mit dem Erreger von Aids infiziert.

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Zwischen Armut und der Häufigkeit von Infektionskrankheiten besteht ein kla- rer Zusammenhang. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deshalb vor kurzem ihre Kampagne «Massive Effort» gegen die Armut gestartet. Das Projekt will innert zehn Jahren die Häufigkeit von Malaria- und Tuberkuloseerkrankungen um die Hälfte reduzieren. Im selben Zeitraum sollen auch die HIV-Infektionen um einen Viertel gesenkt werden.

Wie aber haben die reichen Länder den Kampf gegen die Seuchen gewonnen? Zum Beispiel mit verbesserter Hygiene: Funktionierende sanitäre Anlagen und sauberes Trinkwasser verhinderten in den schnell wachsenden Städten des 19. Jahrhunderts sehr wirksam die Ausbreitung von Seuchen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Ära der Antibiotika. Am Anfang der Erfolgsgeschichte stand das Penizillin eine aus Schimmelpilzen gewonnene Substanz, die der Engländer Alexander Fleming 1928 entdeckte. Und schliesslich führten die systematischen Impfprogramme der letzten Jahrzehnte zu einem massiven Rückgang vieler Infektionskrankheiten. Kinderlähmung, Keuchhusten und Tuberkulose sind deshalb bei uns selten geworden; Pocken gelten sogar seit 1980 als ausgerottet.

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Doch so einfach geben sich Bakterien, Viren und Co. nicht geschlagen; sie rüsten ebenfalls auf. Mit dem Resultat, dass die Wunderwaffe Antibiotikum zunehmend an Schlagkraft verliert. Grund dafür ist die Fähigkeit der Mikroorganismen, gegen die eingesetzten Medikamente unempfindlich oder resistent zu werden. Die Resistenzbildung ermöglicht es den Bakterien, sich an neue Lebenssituationen anzupassen biologisch gesehen ein durchaus sinnvoller Vorgang.

Resistenz im Erbgut festgehalten

Bei einer Infektionskrankheit kann diese Fähigkeit jedoch fatale Folgen haben: Die Bakterien im Körper eines Kranken lernen, wie sie einem Angriff mit Antibiotika widerstehen können. Die Infos, wie man erfolgreich überlebt, werden im Erbgut der Mikroorganismen festgehalten. Bakterien können diese so genannten Resistenzgene entweder untereinander austauschen oder an die nächste Generation weitergeben.

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Dadurch entsteht ein Bakterienstamm, der gegen ein bestimmtes Medikament resistent ist. Wiederholt sich dieser Vorgang bei verschiedenen Medikamenten, resultieren daraus multiresistente Keime, denen nur noch mit grossen Schwierigkeiten beizukommen ist ein häufiges Problem auf Intensivstationen.

Bakterien und andere Krankheitserreger haben vor allem dann eine Chance zur Resistenzbildung, wenn Patienten das vom Arzt verschriebene Antibiotikum unregelmässig oder nicht lange genug einnehmen. Den Krankheitserregern bietet sich damit die Möglichkeit, sich langsam an das Medikament zu gewöhnen und ihre Abwehrmechanismen in Gang zu setzen.

Aber nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte sind für die zunehmende Resistenzentwicklung verantwortlich. Eine kürzlich veröffentlichte Befragung von Medizinern im Kanton Basel-Stadt ergab, dass nicht wenige Hausärzte bei einer akuten Bronchitis ein Antibiotikum verschreiben. Und dabei übersehen, dass über 90 Prozent der akuten Bronchitiserkrankungen durch Viren verursacht werden. Viren mit Antibiotika zu bekämpfen ist aber ungefähr ähnlich sinnvoll, wie mit Pfeil und Bogen auf Panzer zu schiessen.

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«Nützts nicht, so schadets nicht», hört man oft. Doch das ist ein Irrglaube. Denn unnötige Antibiotika können auch natürlich vorhandene, harmlose Bakterien zu potenziell gefährlichen Gegnern machen.