Andreas Meyer, 57, ist freischaffender Soziologe und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für die Beurteilung von Lärm-Immissionsgrenzwerten. Bis 1998 leitete er neun Jahre lang die Abteilung Fluglärm-bekämpfung im Flughafen Zürich.


Beobachter: Warum stören sich Leute an Natels und Warenhausmusik, andere wiederum schlafen auch beim grössten Krach seelenruhig?

Andreas Meyer: Die Definition ist im Prinzip einfach: Lärm ist unerwünschter Schall. Ein Geräusch ist je nach der persönlichen Einstellung erwünscht, oder es wird abgelehnt. Kindergeschrei, Kirchengeläut oder Geräusche von Verkehrsmitteln können daher zu Lärm werden.

Beobachter: Und die Verdränger: Schlafen sie doch nicht so ruhig, weil Lärm die dickste Schale knackt?

Meyer: Davon muss man ausgehen. Was sich im Schlaf physiologisch abspielt, entzieht sich dem Bewusstsein. Der schlafende Körper reagiert aber sehr wohl auf Lärm. Das kann sich unterschiedlich auswirken. Bekannt sind Störungen im Schlafrhythmus, körperliche Stressreaktionen und dadurch ein höheres Risiko für Herz- und Kreislaufkrankheiten.

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Beobachter: Was bedeutet das für den Lärmschutz?

Meyer: Für die Bestimmung von Nacht-Grenzwerten ist diese Erkenntnis zentral, weil sie mit der Gesundheit verknüpft ist. Das heisst: Die tolerierbare Lärmbelastung muss nachts wesentlich tiefer angesetzt sein als tagsüber. Allerdings sind die Grenzen der Nachtbelastung umstritten. Einerseits sind sie methodisch sehr schwierig zu ermitteln. Anderseits können sie den Anlagebetreibern besonders wehtun, weil diese zum Beispiel den Betrieb einschränken oder den Schallschutz finanzieren müssen – oder beides. Die aktuelle Diskussion um den Fluglärm illustriert das wunderbar.

Beobachter: Wie aber wehren sich Betroffene erfolgreich gegen Lärm?

Meyer: Eine oft gestellte Frage. Eine befriedigende Anwort habe ich aber noch nie gefunden.

Beobachter: Warum nicht?

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Meyer: Weil die Frage komplexer ist, als sie tönt. Wenn es um den Rasenmäher des Nachbarn geht, wehrt man sich im persönlichen Gespräch. Und wenn das nichts bringt, nimmt man die kommunale Polizeiverordnung zur Hand. Aber das ist mit der Frage wohl nicht gemeint.

Beobachter: Auch. Wie aber bekämpft man das Lärmproblem ganz grundsätzlich?

Meyer: Der Kampf beginnt am besten an der Quelle. Und da sind unter dem Stichwort «Änderung des Verhaltens» alle gefordert.

Beobachter: Weil alle Opfer auch Täter sind?

Meyer: Genau. Jeder und jede kann etwas beitragen. Zum Beispiel Verzicht auf laute Aktivitäten, besonders nachts und in den Tages-Randstunden. Auch langsames und niedertouriges Fahren im Strassenverkehr ist ein sehr probates Mittel. Kollektiv kann die Gesellschaft mit Nachtfahr- oder Flugverboten handeln. Auch sollte sorgfältig mit dem knappen Gut «Raum» umgegangen werden. Heute zieht man ins Grüne; dann aber kurvt jedes Familienmitglied mit dem eigenen Motorfahrzeug zur Arbeit und in die Disco.

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Beobachter: An wen aber wende ich mich konkret, wenn ich etwas gegen das Lärmproblem unternehmen will?

Meyer: Das lässt sich nur fallweise beantworten. Grundsätzlich ist die Gemeinde ein guter Adressat für berechtigte Lärmbeschwerden. Allerdings fühlen sich Einzelpersonen oft von den Behörden aller Stufen allein gelassen. Die kantonalen Lärmfachstellen nennen das fehlende Engagement von Politikern als grösstes Handicap beim Vollzug der Lärmschutzverordnung. Persönlich habe ich erlebt, wie von Politikern laut die Reduktion der Fluglärmbelastung gefordert wurde. Wie es dann aber zum Beispiel bei Abstimmungen im Parlament um die Wurst ging, entschieden sich oft dieselben Leute für andere Interessen – zum Beispiel jene der Wirtschaft.

Beobachter: Den Lärmopfern fehlt offenbar die Lobby.

Meyer: Das ist so. Man schätzt, dass knapp ein Drittel der Bevölkerung Lärmbelastungen ausgesetzt ist, die im Bereich des Immissionsgrenzwerts liegen oder darüber – ab diesem Wert gilt Lärm als lästig und schädlich. Da stellt sich ein grundsätzliches Problem. So konsumieren wir Mobilität und Freizeitangebote à discrétion – und wollen uns gleichzeitig davon in Ruhe erholen. Angesichts solcher Widersprüche wird offensichtlich, dass es kaum eine mächtige Lobby gegen den Lärm geben kann und sich das Thema als politische Spielwiese anbietet.

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Beobachter: Das heisst, es gibt keine Solidarität unter den Betroffenen.

Meyer: Ja, das ist beim Lärm offensichtlich. Dem vom Fluglärm geplagten Zürcher oder Genfer ist die Belastung im Reusstal und in der Leventina egal. Und umgekehrt. Das gilt auch unter Nachbarn. Schon in der zweiten Baureihe einer Siedlung ist der Krach wesentlich geringer als direkt an einer Strasse oder an einer Bahnlinie. Hinzu kommt ein weiteres Problem: In den Städten und zentrumsnahen Agglomerationen trägt der Lärm zur sozialen Entmischung und damit zur Entsolidarisierung bei.

Beobachter: Das heisst?

Meyer: Wer es sich leisten kann, zieht an einen ruhigeren Ort. Damit ist sein Problem gelöst. Mit dem Resultat, dass zum Beispiel vor versammeltem Fernsehpublikum ganz selbstverständlich verlangt wird, die Millionäre an der Zürcher Goldküste müssten vor Fluglärm geschützt werden.

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Beobachter: Wenn persönlicher Widerstand nichts bringt: Wie lernt man, besser mit dem Lärm zu leben?

Meyer: Indem man sich selbst an der Nase nimmt und sein persönliches Verhalten überprüft. Und indem man bei Wahlen die Politiker nach ihrem Leistungsausweis beim Thema Lärmschutz beurteilt. Grundsätzlich aber gilt: Wer sich durch ein Lärmproblem verrückt machen lässt, ist schlecht beraten. Die Gefahr ist nämlich gross, das Problem auf psychischem Weg weiter hochzuschaukeln.

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