Wir hätten seine Erkenntnisse gerne in unserem Bericht verarbeitet», sagt ein Mitglied der unabhängigen Historikerkommission Bergier (UEK), das nicht zitiert werden will, «aber Herr Kreis hat es vorgezogen, seine Forschungen im eigenen Buch zu publizieren.»

Kurz nach Erscheinen des Bergier-Flüchtlingsberichts veröffentlicht UEK-Mitglied Georg Kreis jetzt ein Buch über «Die Rückkehr des J-Stempels» (Chronos-Verlag, Zürich) eine Thematik, die auch im Bergier-Bericht erörtert wird. Die Einzelaktion des Professors sei mit der Kommission abgesprochen, betont Kommissionssekretär Linus von Castelmur. Er räumt aber ein, dass der Vorgang im Bundesrat «zu Fragen» geführt habe. Doch Kreis habe keineswegs staatliche Ressourcen für private Zwecke genutzt.

In seinem 210-seitigen Buch legt der minuziöse Zitaten- und Quellensammler Kreis eine akribische Vor- und Nachgeschichte des J-Stempels vor mit einem beeindruckenden Literaturverzeichnis, das ihn selbst zehnmal als Verfasser aufführt.

Doch der politisch engagierte Autor präsentiert eine stark wertende Auswahl und Einordnung der Fakten. So kommt er zum Schluss, dass die Schweiz und nicht Deutschland die Einführung des J-Stempels gefordert habe. Das ganz im Unterschied zum viel sachlicheren Ludwig-Bericht von 1957 und ohne neue Tatsachen.

Unfairer Rundumschlag

Stossend ist vor allem Kreis missionarische Bekämpfung abweichender Meinungen. So giesst er nicht nur Spott über rechtsbürgerliche Exponenten aus, wenn er von der «kleinen Exkursion des pensionierten Bundesjuristen und Amateurhistorikers Max Keller in das Dickicht der historischen Dokumente» spricht.

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Der Basler Historiker qualifiziert auch den Beobachter-Artikel zum J-Stempel (Beobachter 18/98) als «Reinwaschung der schweizerischen Vergangenheit», «Elaborat» und «manipulative Vermittlung» ab. Er wirft dem Beobachter und auch der NZZ vor, sie gehörten zu den «Revisionisten», «Negationisten» und «Leugnern der schweizerischen Mitverantwortung» am J-Stempel. Ein Vorwurf, der klar wahrheitswidrig ist, wie der damalige Beobachter-Artikel zeigt.

Im Schlusskapitel reichert Kreis die Behauptung gar mit dem unterschwelligen Vorwurf des Antisemitismus an böser Unsinn von einem Mann, der Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus ist.

Wie unglücklich Georg Kreis im Eifer zuweilen ans Werk geht, zeigen seine telefonischen und schriftlichen Interventionen beim Beobachter aus Sorge, sein Buch werde schlecht aufgenommen. So beklagte er sich etwa, wie wenig Chancen seine «rationale Argumentation» habe, und hofft, «dass sich die richtige Auffassung schon durchsetzen werde» als ob es nicht verschiedene Interpretationen derselben historischen Vorgänge gäbe.

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Wir bleiben dabei: Der Professor hat kein Monopol auf «die richtige Auffassung» auch wenn er dem Beobachter einen Mangel an «intellektueller Hellsicht» vorwirft.