Beobachter: Herr Kellenberger, welche Auswirkungen hat der Krieg im Irak auf Ihren Arbeitstag?

Jakob Kellenberger: Der Krieg prägt zwar das Tagesgeschehen beim IKRK. Unsere humanitäre Tätigkeit in anderen Konfliktgebieten dieser Welt wird deshalb aber nicht vernachlässigt, darf sie auch nicht. Ich beginne meine Arbeit in der Regel um sieben Uhr in der Früh. Falls nichts Aussergewöhnliches passiert, werde ich um sieben, acht Uhr nach Hause gehen. Zu Hause bin ich in diesen Tagen mehr als normalerweise üblich am Telefon auch zu etwas ungewohnten Zeiten.

Beobachter: Wie viele Ihrer Mitarbeiter sind im Irak geblieben?

Kellenberger: 10 ausländische und 110 irakische IKRK-Mitarbeiter sind im Kriegsgebiet. Trotz den Kriegshandlungen versuchen die Delegierten täglich, ihre Arbeit zu machen. Sie besuchen Verwundete, versorgen die Spitäler mit Material, überprüfen und reparieren wo möglich und nötig die Wasserversorgung. Ins Landesinnere geflüchtete Personen werden mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern im Rahmen des Möglichen versorgt. In Basra stellten unsere Mitarbeiter für einen Teil der Bevölkerung die Wasserversorgung wieder her, die durch die Kämpfe unterbrochen wurde.

Beobachter: Ihre Hilfsgüter reichen derzeit für rund 150000 Menschen. Es ist aber absehbar, dass mehr Menschen von den Kriegsfolgen betroffen sein werden. Wie wollen Sie die Lücken schliessen?

Kellenberger: Das IKRK hat die Mittel, rasch zirka eine halbe Million Menschen zu versorgen. Seit letztem Herbst haben wir die Kapazitäten in den Ländern rund um den Irak erhöht. Neue logistische Basen werden im Iran, in Kuwait und Syrien aufgebaut. Die bestehenden Basen in Amman und Bagdad wurden erweitert. Die Anzahl der Delegierten in der Gegend wird ständig erhöht. Das IKRK allein wird aber nicht alle Bedürfnisse abdecken können.

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Beobachter: Der Krieg wird ein paar hundert Milliarden Franken kosten. Das Gesamtbudget des IKRK beträgt etwa eine Milliarde Franken. Ein groteskes Verhältnis.

Kellenberger: Ja, so dargestellt, ist es grotesk. Die Hauptgeldgeber des IKRK sind die USA und Grossbritannien ausgerechnet die beiden Krieg führenden Staaten.

Beobachter: Versuchen die beiden Nationen, Ihre Arbeit zu beeinflussen?

Kellenberger: Die beiden Länder respektieren die Unabhängigkeit des IKRK ohne Vorbehalt und lassen der Organisation beim Einsatz der finanziellen Mittel im Vergleich zu manchen anderen Staaten einen grossen, die humanitären Bedürfnisse berücksichtigenden Spielraum. Da habe ich mittlerweile einige Erfahrung gesammelt, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Konflikt in Afghanistan.

Beobachter: Wie fordernd können Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegenüber diesen beiden Nationen auftreten?

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Kellenberger: Wenn es darum geht, die Regeln des humanitären Völkerrechts geltend zu machen, verhalten sich die IKRK-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter gegenüber allen Konfliktparteien gleich und treten mit der gleichen Bestimmtheit auf. Dass beispielsweise Kriegsgefangene nicht öffentlich vorgeführt werden dürfen, gilt für den Irak ebenso wie für die USA und ihre Alliierten.

Beobachter: Die ganze Welt schaut auf den Irak. Fast vergessen sind die Probleme in Afghanistan oder Afrika.

Kellenberger: Trotz dem Irak-Krieg wird das IKRK die anderen Operationen nicht vernachlässigen. Heute etwa wurde ich vom französischen und vom portugiesischen Aussenminister besucht. Gesprächsthema neben dem Irak war die humanitäre Lage in den palästinensischen Gebieten, an der Elfenbeinküste sowie in Angola.

Beobachter: In der Schweiz demonstriert die Jugend seit Tagen gegen den Krieg. Freut Sie das?

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Kellenberger: Ich freue mich über alles, was zur Vermeidung von Kriegen beiträgt in allen Krisengebieten der Welt.

Beobachter: Wann haben Sie das Gefühl, Ihre Arbeit gut gemacht zu haben?

Kellenberger: Grundsätzlich, wenn ich das Gefühl habe, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in schwierigen Situationen gut aufgehoben, unterstützt, begleitet und geführt fühlen. Das ist menschlich sehr wichtig und auch wichtig für die Wirksamkeit einer doch sehr exponierten Organisation. Da hat der Präsident eine wichtige Verantwortung. Wenn sich eine Strategie, auch eine Positionierungsstrategie, als richtig erweist, bin ich zufrieden. Ist eine humanitäre Situation blockiert, habe ich oft mit den Regierungen auf oberster Ebene zu verhandeln. Glücklich war ich, als die eritreischen und die äthiopischen Kriegsgefangenen nach Hause zurückkehren konnten, nachdem ich im vergangenen August mit dem eritreischen Präsidenten in Asmara und dem äthiopischen Ministerpräsidenten in Addis Abeba gesprochen hatte. Zu einem solch guten Ausgang tragen viele IKRK-Mitarbeiter bei.

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