Beobachter: Herr Gerber, in welchem Land würden Sie Asyl beantragen?

Jean-Daniel Gerber: Dazu muss ich eine differenzierte Antwort geben.

Beobachter: Nämlich?

Gerber: Ständen die beruflichen Chancen im Vordergrund, würde ich in die USA reisen. Ginge es um die Leistungen, die ein Asylbewerber bekommt, würde ich Holland, die nordischen Staaten, Deutschland oder die Schweiz wählen. Mit Blick auf die Lebensfreude bieten Frankreich und Italien am meisten.

Beobachter: Was macht denn die Schweiz für Asylsuchende so attraktiv?

Gerber: Wir stufen den Schutz bedrohter Menschen sehr hoch ein so hoch wie kaum ein anderes Land.

Beobachter: Kriminelle nützen das aus. Laut einer neuen Studie missbrauchen fünf bis zehn Prozent der Asylsuchenden ihren Status für Verbrechen. Die Flüchtlingshilfe ist erschrocken. Und Sie?

Gerber: Erschreckt hat mich vor allem, dass sich die Zahl innerhalb von fünf Jahren verdoppelt hat. Eine solche Zuwachsrate ist äusserst bedenklich.

Beobachter: Welche Erklärung haben Sie dafür?

Gerber: Mehrere Faktoren spielen zusammen. Erstens nehmen die Unterschiede im Lebensstandard zwischen Ost- und Westeuropa massiv zu. Zweitens werden die Reiseverbindungen immer besser. Und drittens ist unsere Welt sehr gut vernetzt. Kriminelle können sich jederzeit in Zeitungen oder im Internet informieren, wo es für sie interessant sein könnte.

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Beobachter: Statt als Illegale oder Touristen kommen Drogenhändler und Räuber immer häufiger als Asylsuchende in die Schweiz. Warum?

Gerber: Weil ein offizielles Asylverfahren mehr Schutz bietet als ein illegaler Status. Sobald ein Gesuch eingereicht ist, müssen wir von Gesetzes wegen prüfen, ob die Person in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht ist und das dauert in der Regel mehrere Monate.

Beobachter: Eine weitere Gruppe von Asylsuchenden steigt in der Schweiz in die Kleinkriminalität ein. Warum nimmt auch deren Anzahl zu?

Gerber: Aus den genau gleichen Gründen. Für jüngere Menschen aus den Oststaaten ist die Versuchung enorm gross, sich etwas vom hohen Lebensstandard in unserem Land zu holen.

Beobachter: «Die Asylsuchenden vergiften unsere Jugend mit Drogen und rauben uns aus», heisst es vor allem in rechtsbürgerlichen Kreisen. Was halten Sie von dieser These?

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Gerber: Sie ist völlig einseitig. Wer nur die kriminelle Seite betrachtet, bekommt natürlich ein negatives Bild. Die Realität sieht ganz anders aus: Der weitaus grösste Teil der Ausländer hält sich an die Gesetze. Unsere Wirtschaft, der Tourismus und das künstlerische Schaffen profitieren sehr stark von der ausländischen Bevölkerung. Unter dem Strich ist die wirtschaftliche, finanzielle und kulturelle Bilanz ganz klar positiv.

Beobachter: Die Bevölkerung steht hinter dem heutigen Asylrecht. Befürchten Sie nicht, dass die Stimmung kippt?

Gerber: Doch, deshalb ist es so wichtig, dass Missbrauch und Kriminalität im Asylwesen mit allen Mitteln bekämpft werden. Aber noch einmal: Man muss die ganze Wahrheit sehen und nicht nur die Schattenseiten. Ein Blick in die Geschichte ist aufschlussreich: US-Präsident Chester Arthur teilte 1882 dem Kongress erfreut mit, dass die Schweiz im letzten Jahr weniger Kriminelle und Arme geschickt habe. Der Bundesrat musste damals den Kantonen verbieten, ihren Kriminellen einfach eine Fahrkarte Richtung Amerika in die Hand zu drücken.

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Beobachter: Dennoch ist die Bevölkerung beunruhigt. Haben Sie eine Gegenstrategie?

Gerber: Gefordert sind in erster Linie Justiz und Polizei. Ich gehe im Rahmen meiner Möglichkeiten ganz entschieden gegen Asylmissbrauch vor. Bei den Kriminellen sind wir rigoros. Asylgesuche von Straftätern werden prioritär behandelt: Wer nicht als Flüchtling anerkannt wird, muss sofort gehen. Die Schweiz ist das einzige Land in Westeuropa, das jeden Monat mehrere Dutzend straffällige Kosovo-Albaner zurückschickt. Auch fast alle ausgewiesenen Algerier sind Straftäter. Zudem investieren wir in Beschäftigungsprogramme. Denn wer nichts zu tun hat und auf der Strasse herumlungert, steigt eher in die Kriminalität ein.

Beobachter: Offenbar genügen diese Massnahmen nicht.

Gerber: Unser Amt hat letzte Woche weitere Massnahmen diskutiert. Mit den Strafverfolgungs- und den Polizeibehörden wollen wir die Zusammenarbeit intensivieren, damit der beträchtliche Handlungsspielraum der Gesetze zur Verfolgung und Ahndung von Straftaten endlich voll ausgenützt wird. Zudem wollen wir mit den Fürsorgebehörden und Hilfswerken besprechen, welche Unterbringungsmodelle, Kontrollmechanismen und Betreuungsformen geeignet sind, den Einstieg von Asylsuchenden in die Kleinkriminalität zu verhindern. Um solche geht es viel häufiger als um schwere Delikte gegen Leib und Leben.

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Beobachter: Der Bund will den Tagesbeitrag für Asylsuchende von Fr. 18.50 auf Fr. 14.50 kürzen. Fördert das nicht die Kleinkriminalität?

Gerber: Was mit dem Geld des Bundes passiert, ist Sache der Kantone. Einige stocken den Betrag zugunsten der Asylsuchenden auf, andere zahlen weniger aus. Für mich ist aber klar: Wer in seiner Heimat an Leib und Leben bedroht ist, muss in der Schweiz der Versuchung widerstehen können, kriminell zu werden. Sonst hat er bei uns nichts zu suchen.

Beobachter: Die Flüchtlingshilfe glaubt, dass die Kriminalität mit einem rascheren Asylverfahren reduziert würde. Teilen Sie diese Ansicht?

Gerber: Das Asylverfahren wird bereits so schnell wie möglich durchgeführt. Nach rund drei Monaten haben wir über achtzig Prozent der Asylgesuche entschieden: Selbst bei einem Rekurs liegt nach acht oder neun Monaten in der Regel ein rechtsgültiges Urteil vor. Die Schwierigkeit liegt bei den vielen «papierlosen» Asylbewerbern: Für eine Rückschaffung müssen wir die Identität der Person kennen und Reisepapiere organisieren. In Zukunft wollen wir die Beschaffung dieser Unterlagen in unserem Amt zentralisieren und damit die Kantone entlasten.

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Beobachter: Gleichzeitig taucht ein neues Problem auf: Der Kampf der Kurden und Kosovo-Albaner zeigt, dass nationale Konflikte immer häufiger nach Westeuropa getragen werden.

Gerber: Das macht mir tatsächlich Sorgen. Unsere Behörden müssen sehr darauf achten, dass keine extremistischen Gruppen entstehen. Doch auch hier gibt es zwei Seiten. Viele Gruppen von Türken, Kurden oder Kosovo-Albanern wirken dämpfend: Sie warnen ihre Landsleute vor Gewaltaktionen.