Beobachter: Herr Mudry, die Olympischen Winterspiele der vergangenen Jahre haben alle mit roten Zahlen geendet. Weshalb soll dies ausgerechnet im finanzgebeutelten Kanton Wallis anders sein?

Jean-Daniel Mudry: Ich hoffe nicht, dass es bei Sion 2006 anders sein wird als an den andern Orten. Was Sie sagen, stimmt nämlich nicht. In Nagano machte man 50 Millionen Gewinn...

Beobachter: ...aber der Stadt blieb ein Defizit von 2,5 Milliarden Franken.

Mudry: Das kann ich nicht ausschliessen. Aber ich spreche hier nur von den Organisationskomitees, schliesslich übernehmen wir nicht die Regierung, wenn wir die Spiele organisieren. Zu den Zahlen: In Lillehammer waren es auch ungefähr 50 Millionen Gewinn...

Beobachter: ...und das Defizit von 920 Millionen hat der norwegische Staat übernommen...

Mudry: ...ein Defizit, das von Bauten stammt, die dem Staat nützen. Wenn man nur die Rechnungen der Organisationskomitees betrachtet, dann haben Nagano und Lillehammer je 50 Millionen Gewinn erwirtschaftet. In Albertville resultierte ein Verlust von rund 75 Millionen, das stimmt.

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Beobachter: Sie werden also eine ausgeglichene Rechnung präsentieren?

Mudry: Durchaus.

Beobachter: Auch ohne Defizit für die öffentliche Hand?

Mudry:Ich bin überzeugt, dass die Spiele durchgeführt werden können, ohne Gemeinde- oder Staatskassen zu belasten.

Und wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Mudry: Wir dürfen nicht euphorisch werden. Wir bauen keine überdimensionierten Sportpaläste, sondern planen Anlagen «à taille humaine», in einer den Bedürfnissen angepassten Grösse. Wir bauen nur, was später auch gebraucht wird. Die geplante Kunsteisbahn in Visp beispielsweise wird rund 5000 Sitzplätze aufweisen. Für einen Nationalliga-B-Klub ist das vernünftig. Die Gemeinde Visp bezahlt an diese Kunsteisbahn nur rund fünf Millionen Franken, die restlichen 13 Millionen übernimmt das Organisationskomitee. Das nenne ich Sportförderung und nachhaltige Entwicklung.

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Beobachter: Tourismus und Bauwirtschaft erhoffen sich von den Olympischen Spielen einen massiven Aufschwung. Sind diese Hoffnungen berechtigt?

Mudry: Nein, da werden alle enttäuscht sein. Das gesamte Bauvolumen im Wallis bewegt sich seit längerer Zeit bei rund 1,9 Milliarden Franken jährlich. Die olympischen Bauten werden durchschnittlich rund 50 Millionen pro Jahr zusätzlich bringen. Von einem Bauboom kann also keine Rede sein. Die 2500 zusätzlichen Arbeitsplätze pro Jahr, die eine Studie der Universität Neuenburg voraussagt, werden vor allem im Dienstleistungssektor geschaffen werden.

Beobachter: Sie haben mit den Gewerkschaften einen Sozialvertrag geschlossen. Was darin steht zum Beispiel die Einhaltung von Mindestlöhnen , ist doch eigentlich selbstverständlich.

Mudry:Man macht ja der Walliser Wirtschaft ab und zu den Vorwurf, dass nicht alle Geschäfte sauber seien. Im Sozialvertrag sichern wir nun zu, dass wir uns bis zum letzten Komma an die Bestimmungen halten. So haben wir etwa einer Druckerei einen Auftrag von über 100000 Franken wieder entzogen, als auskam, dass der Betrieb den Gesamtarbeitsvertrag nicht einhält.

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Beobachter: Im Wallis erhofft man sich von den Spielen einen Imagegewinn. Haben aber Olympische Spiele im Zeitalter von Doping und Korruption überhaupt noch ein positives Image?

Mudry:Die olympische Bewegung hat natürlich durch die Korruptionsaffäre im IOC stark gelitten. Ich bin froh, dass dort jetzt ausgemistet wird. Das Image der Olympischen Spiele hat aber keinen Schaden genommen. Stellen Sie sich vor: 330 bis 350 Stunden TV-Berichte, die von fünf bis sieben Milliarden Menschen gesehen werden: Das ist eine einmalige Chance, ein positives Bild einer Region zu vermitteln.

Beobachter: Sie haben Ihrer Kandidatur das Image «Nachhaltigkeit» verpasst. Ein zweiwöchiger Grossanlass ist nun nicht gerade das Paradebeispiel für eine nachhaltige Entwicklung.

Mudry: Natürlich ist es schwierig, mit einer 16tägigen Veranstaltung die nachhaltige Entwicklung zu fördern. Es ist klar, dass sich der ganze Aufwand nur für 16 Tage nicht lohnt. Wir geben für die Spiele 1,2 Milliarden aus, das ist ein riesiges Impulsprogramm. Wenn wir das Geld sinnvoll einsetzen, dann bin ich überzeugt, dass wir die Region nachhaltig fördern können.

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Beobachter: Kritiker werfen Ihnen vor, die «nachhaltige Entwicklung» sei bloss ein Feigenblatt.

Mudry: Uns ist es sehr ernst mit diesem Motto. Im Jahr 2006 werde ich 62 sein. Da will ich mich doch nicht noch zehn Jahre lang für Bausünden und Defizite schämen müssen. Ich möchte stolz sein, wenn die olympische Flamme erlischt, nicht dann, wenn man sie entzündet. Stolz auf das, was bleibt, nämlich richtig dimensionierte Sportanlagen und das Image einer gastfreundlichen Region oder eine schöne Landschaft.