BeobachterNatur: Jørgen Randers, in Ihrem Buch «2052» beschreiben Sie den Zustand der Welt in 40 Jahren. Können Sie die Zukunft ­voraussagen?
Jørgen Randers: Eine genaue Prognose zur künftigen Entwicklung ist natürlich unmöglich. Aber wohlbegründete Vermutungen lassen sich anstellen. Ich habe alle verfügbaren Daten zusammengetragen, Trends der Vergangenheit und mögliche Entwicklungen ­analysiert. «2052» ist meine Vorausschau, basierend auf vielen Studien und 40-jäh­riger Erfahrung. Ich denke, sie ist richtig.

BeobachterNatur: Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?
Randers: Ich bin ein neugieriger Mensch und wollte wissen, wohin sich die Welt in den nächsten 40 Jahren bewegen wird. Auf einer politischen Ebene ist dies mein letzter Versuch, vier Jahrzehnte nach der Publikation von «Die Grenzen des Wachstums» nochmals etwas zu bewegen. 1972 lösten wir zwar ein gewaltiges Echo aus, doch viel passiert ist nicht; eine umweltverträgliche Gesellschaft ist in weiter Ferne. Ich wünsche mir, dass die Welt nun ein bisschen aggressiver reagiert als damals.

BeobachterNatur: Wie sieht die Welt in 40 Jahren aus?
Randers: Mit unserer Lebenshaltung generieren wir schwerwiegende Probleme für unsere Kinder und Enkelkinder. Im Jahr 2052 leben die meisten Menschen in übervölkerten Megastädten, die Klimaerwärmung setzt uns zu, artenreiche Landschaften sind deutlich seltener als heute. Es kommt zwar nicht zu einer Ressourcenkrise, wie viele glauben; wir haben auch in 40 Jahren ­genügend Brennstoffe, Ackerland und Wasser. Aber weil die Wirtschaftsleistung nicht so stark wächst, wird Armut eine traurige Konsequenz sein. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts besteht dann die Gefahr einer unkontrollierten Klima­erwärmung mit unabsehbaren Folgen. Ich wünsche mir sehnlichst, dass ich widerlegt werde. Aber ich denke, dass dies leider nicht passieren wird.

BeobachterNatur: Warum glauben Sie, dass die Klimaerwärmung erst nach 2052 wirklich ­gefährlich werden wird?
Randers: Meine Kollegen von den Umweltorgani­sationen haben mich für diese Aussage kritisiert: Sie schmälere die Wahrscheinlichkeit, dass die Politik ernsthafte Massnahmen ergreife. Doch ich erwarte bis 2052 eine durchschnittliche Erwärmung um zwei Grad, das ist gerade noch verkraftbar. Ich rechne mit drei Grad bis 2080, und das wird unkontrollierbare Folgen haben, zum Beispiel das Schmelzen des Permafrosts in der Tundra.

BeobachterNatur: Sie waren Koautor des berühmten Buchs «Die Grenzen des Wachstums», das der Club of Rome 1972 veröffent­lichte. Jetzt legen Sie eine ungemütliche, aber nicht katastrophale Zukunfts­prognose vor. Ist «2052» eine Korrektur des ersten Buchs, das viele als zu ­alarmistisch betrachteten?
Randers: Nein, das neue Buch ist eine Prognose. 1972 legten wir dagegen zwölf Zukunfts­szenarien vor, die, ausgehend von verschiedenen Annahmen, mögliche Entwicklungen beschrieben – negative wie positive. Wir sagten damals nicht, welche die wahrscheinlichste sein würde, dazu fehlten die Daten. Wir erklärten nur, dass wir alles tun sollten, um Krisenszenarien zu vermeiden. Das neue Buch ist eine Fortsetzung und nimmt das Szenario zwei von ­damals auf, in dessen Zentrum die Verschmutzung steht, Stichwort CO2.

BeobachterNatur: «Grenzen des Wachstums» erschien kurz vor dem Höhepunkt der Ölkrise und wurde als apokalyptisches ­Szenario einer übervölkerten Welt wahrgenommen, der die Ressourcen ausgehen. Diese düstere Sicht hat sich nicht bewahrheitet.
Randers: Richtig, aber die einseitig negative Wahrnehmung haben wir nicht beabsichtigt. Wir haben nie prognostiziert, dass bis 1990 das Öl ausgehen würde. Aber so wurde das Buch aufgenommen. Weltweit. Offenbar hat damals niemand das Buch gelesen, obwohl es nur 100 Seiten umfasst. Und in einem Szenario haben wir beschrieben, was wir nun sehen: Die Menschheit hat einen Weg beschritten, der langfristig die Kapazität der Erde ­übersteigt. 1972 hiess es, die Menschheit werde nicht so dumm sein, sich selbst die ­Lebensgrundlagen zu entziehen. Offenbar lagen wir falsch.

BeobachterNatur: Was ist der Hauptunterschied zwischen der Prognosestellung damals und der­jenigen heute?
Randers: Wir hatten 1972 sehr viel weniger Daten über Bevölkerung, Wirtschafts­leistung, Ressourcen und die Umwelt zur Verfügung.

BeobachterNatur: Das Buch von 1972 löste ein grosses Echo aus, bewirkte letztlich aber wenig. Wird «2052» erfolgreicher sein?
Randers: Ich hoffe, dass dieses Buch die reichen Länder dazu ermuntert, kleine Korrek­turen anzubringen, damit der gefährliche Klimawandel nicht eintritt. Die Kosten ­dafür sind nicht hoch, sie ­bewegen sich pro Land zwischen einem und zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts. Es braucht nur die richtigen politischen Entscheidungen. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Politik nicht handelt, weil die Menschen ex­trem kurzfristig denken und die Politiker diese Sicht aufnehmen.

BeobachterNatur: Das klingt nicht sehr optimistisch.
Randers: Ich habe nur wenig Hoffnung, etwas in ­Bewegung bringen zu können. Obwohl ich von der Richtigkeit meiner Prognose fest ­überzeugt bin. Das ist sehr traurig, denn es ist keine ideale Zukunft.

BeobachterNatur: Eine Ihrer wichtigsten Aussagen betrifft das Bevölkerungswachstum. Sie erwarten, dass die Weltbevölkerung Anfang der 2040er Jahre mit 8,1 Milliarden Menschen das Maximum erreichen wird. Diese Zahl liegt ein bis zwei Milliar­den unter der Prognose der Uno. Warum rechnen Sie mit weniger Bevölkerungswachsum?
Randers: Die durchschnittliche Zahl der Geburten pro Frau wird etwas stärker sinken, als die Uno annimmt. Der Trend zu sinkender Fertilität hat mit den Lebensumständen in den Städten zu tun. Dort ergeben grosse ­Familien keinen Sinn. Und die Frauen in den Städten sind besser ausgebildet, was eine tiefere Kinderzahl zur Folge hat.

BeobachterNatur: Das wiederum klingt optimistisch.
Randers: Ja, weniger Menschen bedeutet weniger Belastung für die Erde.

BeobachterNatur: Ein zweiter Kernpunkt der Prognose ­betrifft die Wirtschaft. Auch in diesem Fall sind Sie vorsichtig und rechnen bis 2052 mit einer Verdoppelung der Wirtschaftskraft gegenüber heute. Die meisten Ökonomen schätzen die künftige Wirtschaftsentwicklung deutlich höher ein.
Randers: Die Produktivität wird wachsen, aber nicht so stark, wie das manche Ökonomen ­voraussagen, vor allem nicht in den Industrieländern. In diesen Regionen wird sich die Entwicklung der vergangenen 40 Jahre nicht wiederholen. Den grössten Teil des Wachstums werden die Schwellen- und Entwicklungsländer beitragen.

BeobachterNatur: Was bedeutet ein geringeres ­Wirtschaftswachstum?
Randers: Aus einer ökologischen Perspektive ­bedeutet weniger Wachstum weniger Verbrauch von Ressourcen. Das ist für die Erde vorteilhaft; die ökologische Krise wird nicht so gross sein wie angenommen. Für die Gesellschaft hat diese Entwicklung ­dagegen einen riesigen Nachteil: Die Menschen in reichen Ländern wie der Schweiz oder Norwegen werden in 40 Jahren ärmer sein als heute. Und in den Entwicklungsländern werden viele Menschen arm bleiben. Ich rechne damit, dass 2052 zwei Milliarden Menschen in Armut leben werden. Die ökologische Bilanz ist besser, aber es gibt mehr Armut.

BeobachterNatur: Welche Folgen hat der Wohlstands­verlust in den reichen Ländern?
Randers: Ich rechne mit sozialen Konflikten. Manche Leute werden weniger glücklich sein als heute. Ich hoffe, dass die Menschen versuchen werden, ihre Bedürfnisse vermehrt mit anderen Aktivitäten als Konsum zu befriedigen. Auch mit einem stagnierenden oder leicht sinkenden Einkommen kann man glücklich sein. Es wird zunehmend wichtig, das persönliche Glücksgefühl vom Konsum abzukoppeln. Das ist ein zentrales Thema meines Buches.

BeobachterNatur: Sie sprechen von der Notwendigkeit ­einer Nachhaltigkeitsrevolution. Was meinen Sie damit?
Randers: Es bedeutet den Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien. Die Gesellschaft muss diesen Schritt tun.

BeobachterNatur: Es wird Gewinner und Verlierer geben. Sie schreiben, die heutige Supermacht USA werde ihre Führungsrolle verlieren, China werde ­aufsteigen. Warum?
Randers: Der durchschnittliche Chinese kann für die kommenden Jahrzehnte mit einem besseren Leben rechnen. Ein Hauptgrund ist der starke chinesische Staatsapparat, der Entscheidungen rasch fällt und durchsetzt und die Mehrheit der Bevöl­kerung am Fortschritt teilhaben lässt. In den USA geschieht das Gegenteil: Der durchschnittliche Amerikaner wird etwas weniger verdienen. Der Grund dafür ist, dass es die amerikanische Gesellschaft nicht schafft, die Gewinne gerecht zu ­verteilen. Obwohl die US-Wirtschaft während der vergangenen Jahrzehnte gewachsen ist, hat nur eine verschwindend kleine Minderheit davon profitiert. Die grosse Mehrheit ist gleich reich wie zuvor oder sogar ärmer. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen.

BeobachterNatur: Sie loben in ihrem Buch mehrmals das chinesische System. Das wirkt ­angesichts der Menschenrechtslage in China etwas seltsam. Warum sind Sie von dem Land so eingenommen?
Randers: Ich befürworte starke Regierungen. Aus einem einfachen Grund: Die meisten Po­litiker denken derart kurzfristig, dass sie nicht bereit sind, kurzfristige Ziele zugunsten des langfristigen Ziels eines unversehrten Planeten einzuschränken. Kapitalismus und Demokratien verkörpern dieses kurzfristige Denken. Das zeigen die erfolglosen Klimaverhandlungen der letzten 20 Jahre. Gesetze zur Beschränkung von Klimagasen sind nur schwer durchsetzbar, weil sie den ­unmittelbaren Interessen der Menschen widersprechen. Keine Stimmbevölkerung wird sich für eine Erhöhung der Ölpreise aussprechen. Der einzige Ausweg ist eine Instanz, die solche langfristigen Ziele durchsetzen kann. Das kann die EU-Kommission sein oder ein autoritäres Regime, das im Interesse der Menschen handelt.

BeobachterNatur: Sie schreiben sogar von «gutartigen ­autoritären Systemen». Haben Sie keine Angst, missverstanden und als Freund von Diktatoren abgestempelt zu werden?
Randers: Ich werde in der Tat missverstanden, obwohl ich lieber von «starken Regierungen» als von Diktatoren spreche. Aber die Botschaft ist mir wirklich wichtig: Die Leute müssen handeln. Sie müssen starke Politiker wählen, die im langfristigen Interesse der Gesellschaft handeln. Es braucht langfristige Investitionen in neue Energie­quellen, die eben erst nach einer gewissen Zeit Gewinne abwerfen.

BeobachterNatur: Überraschend sind die Empfehlungen, die Sie in Ihrem Buch abgeben. Sie raten etwa zu ­Inves­titionen in Unterhaltungs­elektronik, mit deren Hilfe man Natur virtuell statt real er­leben könne.
Randers: Wenn es nur noch wenige Naturgebiete gibt, ist ein striktes Besuchsverbot der beste Schutz. Mein Statement betreffend virtueller Realität und Unterhaltungs­elektronik drückt nur aus, dass es heute Möglichkeiten gibt, Naturschönheiten elektronisch zu erleben. Wenn in 40 Jahren manche dieser Orte zerstört sind, wird dies sogar der einzige gangbare Weg sein. Und manche Leute schauen Naturgebiete lieber ­zu Hause an, als die Strapazen einer Reise, Mückenstiche und harte Nächte im Schlafsack auf sich zu nehmen.

BeobachterNatur: Sie lachen. Ganz ernst meinen Sie das also nicht?
Randers: Ich gebe alle Ratschläge mit einem ­Lächeln auf den Lippen.

BeobachterNatur: Auch den Tipp, keine Vorliebe für Dinge zu entwickeln, die verschwinden werden? Zum Beispiel für ein Haus mit Garten in der ­Vorstadt?
Randers: Man sollte sich möglichst früh an das gewöhnen, was bald zur Norm wird. Denn Menschen mögen das am meisten, was sie schon immer hatten. Da Vorstadthäuser in den Megastädten der Zukunft verschwinden werden, gewöhnt man sich am besten schon vorher an das Leben in einer Wohnung.

BeobachterNatur: Was müssten Gesellschaften und ­Individuen tun, damit sich Ihre ­Prognose nicht bewahrheitet?
Randers: Es geht mir um vier Dinge: Die Leute ­sollten mit ihren Aktivitäten weniger Treibhausgase verursachen. Zweitens sollten sie ihre Kinderzahl begrenzen. Wichtig ist drittens eine effiziente Energieversorgung, vor allem in den Entwicklungsländern. Schliesslich sollten die Gesellschaften starke Regierungen akzeptieren. Dann werden sich meine Prognosen nicht erfüllen.

BeobachterNatur: Werden die Menschen glücklicher sein, wenn sie sich an die künftige Welt anpassen?
Randers: Die Arbeit an diesem Buchprojekt hat mich gelehrt, dass die Menschen extrem flexibel sind. Sie passen sich neuen Umständen an. Das Glücksgefühl bleibt einigermassen konstant. Wichtig ist, dass man sich psychisch auf die neuen ­Bedingungen vorbereitet. Dann kann man besser damit umgehen.

Buchtipp

«2052. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre»; Oekom-Verlag, 2012, 432 S., CHF 38.90

Jørgen Randers, 67, lebt in Oslo und lehrt als Professor für Klimastrategie an der BI Norwegian Business School. Einen ­Namen machte er sich 1972 als Koautor des Berichts «Die Grenzen des Wachstums» an den Club of Rome. Später ­arbeitete er als stellvertretender Generaldirektor des WWF in der Schweiz.

Quelle: private Aufnahme