Haben Sie angenommen, Ihre Tochter will Sport treiben, wenn sie sich mit dem Board oder Bike fürs Wochenende verabschiedet? Nicht unbedingt. Vor allem nicht, wenn ihr Ziel das Hotel Riders Palace in Laax ist.

Im Retortendorf Murschetg steht es, unweit der Strasse nach Laax und zwei Minuten von der Gondelbahn auf den Crap Sogn Gion entfernt. Riesige Fenster wechseln sich an der Fassade mit hellen, quaderförmigen Lattenrosten ab. Hinter den Fenstern in den unteren Etagen sieht man kleine Zimmer mit mehreren Kajütenbetten. Junge Menschen dösen auf den Matratzen. Durch die Fenster der oberen Stockwerke erkennt man Kylie Minogue auf MTV gross auf die weisse Zimmerwand projiziert und im Zimmer nebenan eine Kampfszene aus einem Play-Station-2-Spiel.

Samstag, 19 Uhr

Die Plätze an der Bar in der Lobby sind um diese Zeit nur spärlich besetzt. Die Einrichtung ist karg und modern gehalten. Eröffnet wurde das Hotel diesen Winter, es nennt sich «das erste High-Tech-Hotel der Alpen». Realisiert wurde es von der Bergbahngesellschaft Weisse Arena AG, und die Pressesprecherin der Region «Alpenarena», Ariane Ehrat, wundert sich nicht über die wenigen Leute am Tresen: «Viele gehen nach dem Boarden erst einmal ein bis zwei Stunden schlafen», erklärt sie. Klar, die Gäste müssen Energie tanken für die nächtliche Party.

Und die ist bereits ein Begriff: Ministry of Sound. Das englische Label steht für vieles: boomender Klub in London, Plattenfirma, Englands auflagestärkstes Dance-Magazin, Bekleidungsunternehmen, Internetfirma, Star-DJs. Neben dem Klub in London hat Ministry of Sound seine Sommerresidenz mit Partys auf Ibiza und Zypern und seit dem 15. Dezember 2001 nun die erste Winterresidenz: jeden Samstag im «Riders Palace», Laax. Mit den Ministry-of-Sound-Partys und dem prominenten DJ Nick Bridges hat die Alpenarena ihren wöchentlichen Event, der vor allem die städtischen Youngsters nach Laax locken soll.

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Mit Erfolg: Die zwei teuersten Zimmerkategorien, «Suite» und «Multimedia», sind im Winter für die Wochenenden auf lange Frist ausgebucht. Nur in der günstigsten Kategorie, «Back to Basic», mit Kajütenbetten ausgestattet und mit Platz für bis zu sieben Personen, findet man noch Platz. Das Publikum ist zwischen 16 und 45 Jahren alt, der Durchschnitt liegt bei 25 Jahren. «Das Riders Palace ist ideal für Junge», sagt Ehrat. Bundesrätin Ruth Metzler soll heute auch wieder mal auftauchen, munkeln einige Stammgäste an der Bar. «Und Junggebliebene», ergänzt Ehrat.

Samstag, 22.45 Uhr

Rotes Licht beleuchtet die hohe Betondecke der Lobby, hinten in der Lounge legt ein DJ seine Platten auf. Die Bar hat sich mittlerweile gefüllt. Rund 20 Jugendliche lümmeln in den Sofas der Lounge rum, gucken sich auf ihren Videokameras soeben gedrehte Szenen an, nippen an Red-Bull-Dosen und stossen mit Alco-Pops-Flaschen an. An einer High-Speed-Internetstation zwischen Lounge und Bar sitzen zwei 20-jährige Jungs, Einheimische aus dem benachbarten Flims. Heute werden sie nicht an die Party gehen: «Jedes Wochenende können wir uns das nicht leisten.» Der Eintritt kostet 20 Franken.

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Anders Oli und Thomy, keine Frage: Die beiden 17-Jährigen aus dem zürcherischen Seuzach haben mit Freunden eine Wohnung in Flims gemietet. Weil sie von Kollegen nur Gutes über die Party gehört haben, sind sie jetzt hier. Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda sind für Jugendliche zwei Quellen, die für den Entscheid der Feriendestination eine wichtige Rolle spielen. Wobei für Ariane Ehrat klar ist, was den Ausschlag gibt: «Jugendliche kommen nur in die Berge, wenn das Angebot vor Ort einen gewissen Sex-Appeal ausstrahlt.»

Samstag, 23.50 Uhr

Auf der Tanzfläche des «Palace»-Klubs im Keller lassen Teens und Twens ihre Hüften schwingen. Die Party läuft. Glitzerkonfetti rieselt auf die Köpfe, und Rauchmaschinen vernebeln die von Stroboskop-Blitzen erleuchtete Tanzfläche. Heute drängen sich rund 500 Partygänger im Klub. Die Tanzfläche und die darüber liegende Galerie sind etwa zu zwei Dritteln gefüllt. Kommunikation ist nur schreiend möglich.

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Christine in einer blauen Trainerjacke à la Sixties und Fabienne im roten Pendant verraten in einer kurzen Tanzpause, dass sie wegen der Party in Laax sind. «Auf der Piste sind wir frühestens am Mittag», vermutet Fabienne. Die beiden Girls sind 17, aus Bern und schon wieder im Getümmel auf der Tanzfläche verschwunden.

Das Gerücht hat inzwischen das Herren-WC erreicht: Vor dem Pissoir stehend fragt einer seinen Freund, ob dieser auch schon gehört habe, dass die Metzler, ja, genau: die Bundesrätin, hier sei. Nein, hat er nicht.

Claudio, Thomas, Nick und Antonio sitzen auf der Treppe. Die vier Kollegen, alle zwischen 20 und 25, sind gänzlich ohne Sportgeräte, dafür mit eigenen Play-Station-2-Spielen im Gepäck angereist.

Je zu zweit bewohnen sie eine Suite im «Riders Palace». «Ein solches Zimmer wollten wir uns einfach mal gönnen», erklärt Claudio. Eine Suite kostet ab 392 Franken die Nacht. Ausgestattet mit dem hippsten High-Tech-Zauber: Plasmafernseher, Play-Station-2, Videorecorder und Dolby-Digital-Soundsystem.

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Sonntag, 3.10 Uhr

Die Tanzfläche ist nicht mehr so gut gefüllt wie noch vor drei Stunden, dafür sind die Hüftbewegungen umso ausgeprägter und der wummernde Bass penetranter geworden. Oben in der Lobby-Bar lehnen zwei Teenager an eine Betonwand, mit verquollenen Augen leicht schwankend. Drei der vier Internetstationen sind besetzt, und in den Lounge-Sofas hängen fünf, sechs Teenies und schauen Viva auf dem Grossbildschirm. Oli und Thomy, die zwei 17-Jährigen aus Seuzach, sind immer noch fit. «Hammermässig», urteilt Oli über die Ministry-of-Sound-Party. Das nächste Jahr kämen sie wieder, definitiv.

Sonntag, 9.30 Uhr

Die meisten roten, gelben und grünen Vorhänge vor den Zimmerfenstern des «Riders Palace» sind noch zugezogen. In der Lobby-Bar, die jetzt als Frühstücksraum dient, ertönen leise Eros Ramazzotti und die Tears. Eine Vierergruppe sitzt bereits in Sportbekleidung bei Kaffee und Gipfeli, alle um die dreissig. Gekommen seien sie zum Skifahren, aber eigentlich auch wegen der Party. Doch nur Liliana war kurz im Klub. «Uns war es dann doch zu laut», entschuldigen sich die andern.

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Heute morgen sei es relativ ruhig gewesen, erzählt die 23-jährige Ines. Seit sieben Uhr arbeitet sie hinter der Bar, die rund um die Uhr geöffnet ist. Sechs Betrunkene habe es gehabt, mehr nicht. Und um halb acht sei eine grössere Gruppe zum Morgenessen gekommen, «aber alles eher ältere». Sie blinzelt: Die Sonne brennt durch die Fenster beim Eingang. Eine gestylte Blondine bestellt sich einen Kaffee: Svesta, 22-jährig, mit Sonnenbrille, Jeans, brauner Lederjacke über kurzem Top, Kopfhörer in den Ohren und nicht gerade gesprächig. Um fünf sei sie ins Bett gekommen, gibt sie gequält Auskunft, und: «Nein, boarden gehe ich heute nicht.»

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