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Koni Rohner zu Essstörungen«Ist meine Tochter magersüchtig?»

Frage: Meine Tochter ist in der Lehre und klagt immer wieder, sie sei zu mager. Ich dachte, das würde sich mit der Zeit von selbst geben, aber langsam habe ich selber Angst, sie könnte magersüchtig sein. Auch Bekannte machen immer wieder mal Andeutungen in diese Richtung. Carla G.

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Selbstverständlich wäre es sinnvoll, mal durch den Hausarzt überprüfen zu lassen, ob Ihre Tochter körperlich gesund und nicht unterernährt ist. Da sie sich aber selber für zu mager hält, leidet sie mit ziemlicher Sicherheit gerade nicht an Magersucht (Fachausdruck: Anorexia nervosa), denn wirklich magersüchtige Menschen erleben sich als unförmig und zu dick, selbst wenn sie nur noch aus Haut und Knochen bestehen. Also keine Panik, aber bleiben Sie dennoch aufmerksam!

Die echte Pubertätsmagersucht ist nämlich in der Tat eine schwere psychische Störung, die sogar zum Tod führen kann. Betroffen sind vor allem junge Frauen. Entweder nehmen sie fast keine Nahrung zu sich, oder sie verhindern eine Gewichtszunahme durch den Gebrauch von Abführmitteln oder durch viel Sport. Verbreitet ist auch die Bulimie oder Ess-Brech-Sucht. Betroffene entwickeln Heisshunger und verschlingen ohne Genuss Unmengen von Lebensmitteln, um gleich danach auf der Toilette zu erbrechen.

Mehr als nur das Anstreben eines Ideals
Chronische Unter- und Mangelernährung kann derart bedrohlich werden, dass medizinisches Eingreifen mit künstlicher Ernährung erforderlich wird. Anorexie ist mehr als nur das Anstreben eines Schönheitsideals. Im Kern handelt es sich, wie der deutsche Name sagt, um eine Sucht. Wie bei anderen Abhängigkeiten bedeutet dies, dass das Verhalten durch den Willen nicht mehr beeinflussbar ist. Die Betroffenen müssen hungern beziehungsweise Essen in sich hineinschaufeln und wieder erbrechen. Obwohl bereits krankhaft abgemagert, halten sie sich immer noch für zu dick. Der Verlust der Kontrolle führt zu Schamgefühlen, weshalb das Leiden oft lange verheimlicht wird.

Als Ursache wird unter anderem eine Entwicklungsstörung vermutet. Magersucht ist ein Protest gegen die sich in der Pubertät entwickelnde Fraulichkeit, gegen die weibliche Rolle, gegen Sexualität, Erwachsenenvitalität – letztlich gegen das Leben selbst.

Oft bleibt bei den betroffenen Frauen auch die Menstruation aus. Die Störung ist so hartnäckig, dass sie selten erfolgreich ambulant in Einzelgesprächen behandelt werden kann. Es braucht spezialisierte Therapeuten, einen Klinikaufenthalt und den Einbezug der ganzen Familie, um die Dynamik zu durchbrechen. Ziel ist neben der Überwindung der Essstörung eine Versöhnung mit der Frauenrolle, dem Erwachsensein und dem Leben.

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Veröffentlicht am 03. Januar 2006