Gleich mehrere verängstigte Anwohner des Frohbergparks alarmierten im letzten Juni die Winterthurer Stadtpolizei. 30 bis 50 Jugendliche, so hiess es, gingen bewaffnet aufeinander los. Tatsächlich war im Frohbergpark eine wüste Schlägerei im Gang. Doch von Waffen oder 50 Beteiligten konnte keine Rede sein. Die meisten Jugendlichen waren nur Zuschauer einer ritualisierten «Abrechnung» unter Jungen, die sich in der Schule gestritten hatten. Die vom «Tages-Anzeiger» vermeldeten «Platzwunden» mehrerer Beteiligter stellten sich als vergleichsweise harmlose Schürfungen heraus.

Die Kriminalstatistiken malen seit Jahren ein rabenschwarzes Bild unserer Jugend. Will man den Statistiken Glauben schenken, steigt die Jugendkriminalität seit Beginn der neunziger Jahre ebenso massiv wie kontinuierlich an. Auffällig: Jugendliche werden nicht generell krimineller, sondern scheinbar immer gewalttätiger. Die Kriminalstatistik des Kantons Zürich zählt heute rund viermal mehr jugendliche Tatverdächtige bei Gewaltdelikten als noch 1991. Auch andere Kantone, ja praktisch alle industrialisierten Länder melden ähnlich alarmierende Zahlen. Mit reisserischen Titeln wie «Tatort Pausenhof» wurden die Schweizer Schulhäuser von verschiedenen Medien in den letzten Jahren wiederholt als regelrechte Brutstätten der Gewalt beschrieben. Raub, Erpressung, Nötigung, sexuelle Gewalt und Mobbing, so scheint es, sind Schulalltag.

Der Ruf nach dem starken Arm des Gesetzes lässt nicht lang auf sich warten: Der Zürcher SVP-Gemeinderat Hans Marolf forderte im letzten Jahr in einem Postulat vorerst erfolglos eine nächtliche Ausgangssperre für Jugendliche. Im Waadtländer Dorf Cudrefin ist eine solche Ausgangssperre bereits in Kraft. Im November letzten Jahres kündigte der Kanton St. Gallen an, «renitente Schüler» zwangsweise in «spezielle Strafstätten» einzuweisen, und die St. Galler Gemeinde Eschenbach verkündete im Januar einen Notstandsplan gegen Jugendbanden.

Entsprechend verunsichert sind die Erwachsenen und insbesondere die Eltern schulpflichtiger Kinder. Aber ist die Situation wirklich so schlimm? Es gibt berechtigte Zweifel. Zwar machen immer wieder krasse Einzelfälle Schlagzeilen. Aber die Gesamtzahlen präsentieren sich bei genauer Prüfung weit weniger dramatisch. In der Stadt Zürich zum Beispiel schwankt die Zahl der strafrechtlich relevanten Delikte in den Schulen seit 1995 zwischen sechs und 23 Fällen pro Jahr. Ohne steigende Tendenz. Angesichts der Zahl von 20000 Volksschülern sind das nicht gerade alarmierende Werte.

Der Zürcher Soziologe Manuel Eisner stellt zwar nicht in Abrede, dass die Jugendkriminalität in den letzten Jahren aufgrund verschiedenster Faktoren tatsächlich zugenommen hat. «Aber andererseits spielt wohl auch das"Überschwappen" der Jugendgewaltdiskussion aus den USA und aus Deutschland eine Rolle.» Auffallend ist, dass in erster Linie die weniger gravierenden Delikte zugenommen haben. Bei den schwersten Formen der Gewalt bleiben die Zahlen annähernd gleich. Ein Indiz dafür, dass immer mehr Bagatelldelikte angezeigt werden.

«Auch an vielen Schulen», so Eisner, «gibt es heute klare Regeln, wann und wie man die Polizei bei Gewaltereignissen einschalten will.» Zwar ist Eisner der Ansicht, dass dies für die wenigen Schulhäuser, in denen tatsächlich ein Gewaltproblem existiert, eine sinnvolle Strategie ist. Aber: «Das dürfte auch zur Folge haben, dass es schneller zu einer Anzeige kommt oder das Opfer zu einer Anzeige ermuntert wird.»

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Repression erzeugt Kriminalität

Noch weiter geht der Hamburger Kriminologieprofessor Fritz Sack. «Heute werden Bagatelldelikte kriminalisiert, die früher allenfalls als Dummejungenstreiche wahrgenommen wurden.» Sack hält die Zunahme der Jugendkriminalität in Europa und in den USA keineswegs für erwiesen: «Die Kriminalstatistik zeigt uns nicht die Wirklichkeit, sondern nur das Verhalten der Polizei.» Der Kriminologe glaubt, dass Gesellschaften im Umbruch dazu neigen, die allgemeine Verunsicherung auf bestimmte Bedrohungsbilder und Gruppen oft eben die Jugendlichen zu fixieren. «Zusammen mit der Sensibilisierung für die Gewaltproblematik durch die feministische Bewegung entstand ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis, dem Politik und Behörden vor allem durch härtere Strafen und Repressalien gegen Jugendliche Rechnung tragen.» Der Effekt: Die Polizei verfolgt gezielter Delikte von Jugendlichen. «Es werden mehr Vergehen als kriminell eingestuft und bestraft. In der Folge steigt der Anteil jugendlicher Täter in der Kriminalstatistik, was wiederum zu Medienberichten über steigende Jugendkriminalität führt.»

Häufig nur Kleinkram

Der Aargauer Jugendanwalt Matthis Preiswerk glaubt, dass sich die wirkliche Jugenddelinquenz kaum verändert hat. «Trotzdem haben im Verlauf der letzten zehn Jahre die Verfahren im Aargau um 67 Prozent zugenommen.» Grossmehrheitlich nur Kleinkram. «Bei der Jugendanwaltschaft landen immer mehr Kinder und Jugendliche, die beim Schwarzfahren erwischt werden, im Supermarkt ein Ragusa einstecken oder ein halbes Gramm Gras aus einem Hanfshop im Sack haben. Das sind doch keine Kriminellen. Aber in der Statistik tauchen sie als Täter auf.» Bagatellen mit unerwünschten gesellschaftlichen Folgen.

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«Wenn eine Anzeige eingeht, müssen wir ein Verfahren eröffnen», sagt Preiswerk. «So kommen wir"wegen solchem Gugus" enorm unter Druck und in Zeitnot. Wir haben deshalb immer weniger Kapazität, um bei den wirklich ernsthaften Fällen gründlich und intensiv zu intervenieren.»

Auch Hansuli Gürber, Pressesprecher der Kantonalzürcher Jugendanwaltschaft, beobachtet, dass die Toleranzschwelle gegenüber Jugendlichen deutlich sinkt. «Heute werden eindeutig mehr Bagatelldelikte angezeigt oder auch von der Polizei selbstständig verfolgt.» Zwar ist auch Gürber der Ansicht, dass «die Jugend von heute» schneller und vor allem zielgerichteter Gewalt anwendet. Aber die allgemeine Tendenz zur Strafverschärfung findet er grundsätzlich falsch. «Natürlich darf man Gewalttätigkeiten nicht hinnehmen. Aber bevor man die Polizei einschaltet, sollte man erst mal das Gespräch mit den betroffenen Kindern oder Jugendlichen suchen. Wenn das nichts nützt, kann man Kontakt mit den Eltern und Lehrern aufnehmen. Die Polizei sollte man immer erst in letzter Konsequenz auf den Plan rufen.»

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