Beobachter: Thomas Zeltner, haben Sie, bevor Sie 16 waren, auch Zigaretten gekauft?

Thomas Zeltner: Gute Frage ich muss kurz nachdenken. Nein, soviel ich weiss, habe ich nie Zigaretten gekauft. Als Student habe ich zwar ab und zu geraucht, ich bekam die Zigaretten aber immer angeboten.

Beobachter: Im Beobachter-Test konnten Kinder in 21 von 27 Versuchen problemlos Zigaretten kaufen. Überrascht?

Zeltner: Überhaupt nicht. Beim Alkohol gibt es sogar ein formelles Verkaufsverbot und auch das wird nicht eingehalten. Der freiwillige Verkaufsverzicht muss scheitern, denn mancher Kiosk macht gegen 40 Prozent des Umsatzes mit dem Tabakwarenverkauf.

Beobachter: Die Kampagne der Tabaklobby bringt also nichts?

Zeltner: Vielleicht wird das Resultat besser, wenn das Verkaufspersonal noch mehr sensibilisiert wird. Dennoch glaube ich nicht, dass die Kampagne viel bewirken kann. Die Jugendlichen werden auf Automaten ausweichen, wenn sie im Laden scheitern. Ich erachte die Aktion als Bestreben von Industrie und Handel, ihr schlechtes Image zu korrigieren.

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Beobachter: Ist das der Grund, warum Ihr Bundesamt eine Mitarbeit an der Kampagne abgelehnt hat?

Zeltner: Es ist einer der Gründe. Zudem ist es für uns undenkbar, gemeinsam mit der Tabakindustrie irgendeine Präventionskampagne durchzuführen.

Beobachter: Weshalb?

Zeltner: Die Interessen sind zu weit auseinander. Wir sagen klar: Rauchen ist ungesund unabhängig vom Alter. Die Tabakindustrie aber versucht die Botschaft durchzubringen: Rauchen ist nur für Jugendliche schlecht bei Erwachsenen aber ist es nicht nur akzeptabel, sondern sogar gut.

Beobachter: Die Zahl der ganz jungen Raucher steigt laufend. Offenbar war auch Ihre Strategie bisher nicht erfolgreich.

Zeltner: Da steht die Schweiz nicht allein da. Auch andere Länder haben trotz vielfältigen Präventionsansätzen das gleiche Problem.

Beobachter: Warum lancieren Sie nicht ein gesetzliches Verkaufsverbot für unter 16-Jährige?

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Zeltner: Nach dem schlecht beachteten Verkaufsverbot für Alkohol und den wenig ermunternden Erfahrungen im Ausland bin ich skeptisch. Ein Feigenblatt nützt niemandem etwas. Zudem könnte die Tabakindustrie die ganze Verantwortung auf das Verkaufspersonal abwälzen. Da sind für mich noch viele Fragen offen. Entschieden ist aber gar nichts.

Beobachter: Wie lautet Ihr Rezept?

Zeltner: Ich glaube nicht an Hauruckübungen. Wir müssen eine langfristige Trendwende anstreben. Dazu braucht es eine ganze Serie von Massnahmen etwa besser ausgebaute Präventionsprogramme für Schulen und Familien. Tatsache ist zudem, dass weniger geraucht wird, wenn der Zigarettenpreis steigt. Sehr problematisch ist aber auch, dass Jugendliche immer wieder mit der Botschaft konfrontiert sind, Rauchen bringe den Erwachsenen Glück und Freude.

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Beobachter: Das heisst, Sie wünschen ein Werbeverbot für Tabak?

Zeltner: Ich bin überzeugt, dass in den USA und in Europa längerfristig ein derart giftiges Produkt nicht mehr so frei beworben werden darf. Die Schweiz wird aber kaum ein Pionierland sein. Die Akzeptanz für ein Werbeverbot war bisher eher gering. Wir haben ein neues Präventionsprogramm in Arbeit, das zum Beispiel eine Beschränkung der Tabakwerbung auf die Verkaufsstellen vorschlägt. Ob so etwas angestrebt werden soll, muss aber letztlich der Bundesrat entscheiden.

Beobachter: Tabakindustriepräsident Edgar Oehler aber sagt: In Grönland rauchen mehr Jugendliche als in der Schweiz trotz weniger Werbung.

Zeltner: Bedaure, ich kenne die Raucherzahlen in Grönland nicht.

Beobachter: Herr Oehler meint, es gebe keinen direkten Zusammenhang zwischen Werbung und rauchenden Jugendlichen.

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Zeltner: Das ist falsch. Dazu gibt es gute Studien. Sonst müsste man sich fragen, warum die Tabakindustrie so viel Geld ausgibt. In den USA etwa ist Joe Camel bei vielen Kindern bekannter als die Mickymaus. Mit der Werbung wird das Markenbewusstsein bei Kindern enorm geprägt.

Beobachter: Auch bei Erwachsenen hats die Prävention schwer. Die Hälfte der Menschen wird am Arbeitsplatz durch Rauch belästigt. Warum?

Zeltner: Die Rechtslage ist bei den Arbeitgebern zu wenig bekannt. Deshalb starten wir eine neue Kampagne. Zudem beklage ich, dass sich die Angestellten zu wenig für ihr Recht einsetzen, vor allem die organisierte Arbeiterschaft.

Beobachter: Das heisst, «Rauchen am Arbeitsplatz» müsste ein Thema für die Gewerkschaften sein?

Zeltner: Ja, ganz klar.

Beobachter: Was haben Sie als Chef im Bundesamt für Gesundheit unternommen?

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Zeltner: Wir richteten neben der Kantine einen Raucherraum ein. Sehr starke Raucher erhielten zudem ein Einzelbüro, damit niemand belästigt wird. Mit diesem Konzept haben wir gute Erfahrungen gemacht.