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EnergieGegenwind für die Wasserkraft

Möglicher Standort für ein Wasserkraftwerk: der Rhein bei Haag/Eschen in Liechtenstein. Bild: Peter Rey/Hydra Institut

Neue Flusskraftwerke am Rhein sollen einen Beitrag zur Energiewende leisten. Doch die Planung stockt. Typisch fürs Stromdilemma, in dem die Schweiz steckt.

von Bernhard Raos

Vor drei Jahren liessen die Energiekonzerne Axpo, Alpiq und die Liechtensteinischen Kraftwerke (LKW) einen Versuchsballon steigen. Eine in ihrem Auftrag erstellte Studie der Hochschule Rapperswil kam zum erwünschten Resultat: Zwei oder drei neue Flusskraftwerke am Rhein sollen nicht nur Strom liefern, sondern auch das Grundwasser verbessern. Alles ­naturschonend und fischtauglich.

Die Regierungen von St. Gallen und Liechtenstein sprachen von «vielen ­offenen Fragen». Dagegen war die Position der Umweltplattform Lebendiger Alpenrhein klar: «Neue Staustufen lehnen wir ab.» Sie würden die Fisch­wanderung unterbrechen, Verschlammung auslösen und das Grundwasser gefährden. Zudem: Die an den geplanten Staustufen bei Eschen/Schaan und Sargans produzierte Elektrizität würde den aktuellen Schweizer Verbrauchs­zuwachs nur für 56 Tage decken.

Wie sieht es heute aus? Die Initianten Axpo und LKW – Alpiq hat sich ausgeklinkt – antworten ausweichend: «Die anstehenden Abklärungen zur Machbarkeit sind sehr umfangreich und zeitlich nicht abzuschätzen.» Es gebe keine konkrete Planung.

25 Prozent Chance auf Verwirklichung

Doch es passiert nicht nichts: Die Anrainer St. Gallen, Graubünden, Liechtenstein und Vorarlberg kooperieren in der Internationalen Regierungskommission Alpenrhein (Irka). Derzeit befasst sich dieses Gremium mit den Auswirkungen der Staustufen aufs Grundwasser. Zudem soll bis Ende 2016 im Modell untersucht werden, wie die Rheinsohle auf eine mögliche Wasserkraftnutzung reagiert. Die angedachten Rheinkraftwerke figurieren auf der «Projektliste Grosswasserkraft», die der Bund im Rahmen der Energiestrategie 2050 erstellt hat. Allerdings schätzt das Bundesamt für Energie die Realisierungswahrscheinlichkeit gegenwärtig auf bloss 25 Prozent.

Geothermie: «Brunnenvergifter»

Neue Pläne, lauter Protest, lauer Support – und dann zur Sicherheit wieder schubladisiert: Das ist exemplarisch für das Stromdilemma landesweit. ­Eine Mehrheit bekennt sich zur Energiewende, doch neue Kraftwerksprojekte provozieren reihum Widerstand. Wie beim Geothermiekraftwerk in Etzwilen TG, wo eine Gruppe besorgter Bürger die Experten des Bundes «Brunnenvergifter» schimpft (Beobachter 04/2014). Wie beim Windpark in Triengen LU, wo Gegner die «Mär von genug Wind» als Killerargument ins Feld führen. Oder wie beim geplanten Kraftwerk am Rheinfall, wo Gewässerschützer sich für das «absolut unantastbare Naturdenkmal» wehren. Die Liste liesse sich fortsetzen.

Die Kraftwerksgegner argumentieren auch, dass man mit mehr Energieeffizienz rund 40 Prozent des heutigen Energieverbrauchs einsparen könne – ohne Komfortverlust. Über die Konsequenzen sind sich die Experten allerdings nicht einig. So hält ETH-Rektor Lino Guzzella eine Energiewende für möglich, doch sie werde so viel kosten, dass es uns allen weh tue.

Am Alpenrhein halten die LKW und Axpo vorerst an ihren Plänen fest. Allerdings zurückhaltend – schon wegen des programmierten Widerstands. Dazu kommt, dass die Strommarktpreise so stark gefallen sind, dass vielfach die Produktionskosten für Wasserkraft nicht mehr gedeckt sind. «Wir investieren nur da, wo die Rentabilität sichergestellt ist», heisst es bei Axpo.Das ist bei Rheinkraftwerken aktuell nicht der Fall. Denn hohe Subventionen für Wind- und Solarenergie und tiefe Preise für Braunkohle drücken die europäischen Stromhandelspreise immer weiter nach unten und machen Schweizer Wasserkraft zu teuer. Der Markt spielt dem Widerstand gegen neue Kraftwerke in die Hände.

Veröffentlicht am 2015 M03 03