Beobachter: Ist das Gesundheitssystem ­korrupt?
Heinz Locher: So würde ich das nicht sagen. Definiert man aber Korruption als Ausnutzung von Intransparenz, muss man sagen: Ja, das Gesundheitssystem ist in höherem Masse korruptionsgefährdet als andere Bereiche der Politik und der Wirtschaft.

Beobachter: Bin ich als Patient naiv, wenn ich glaube, mein Arzt verschreibe mir ein Medikament und ­denke dabei nur an das Wohl des Patienten?
Locher: Wenn Ärzte mit der Abgabe von Medikamenten einen erheblichen Teil ihres Einkommens erzielen, wie das bei der Selbstdispensation der Fall ist, löst das ein schlechtes Gefühl aus.

Beobachter: Was meinen Sie damit konkret?
Locher: Wenn ein Arzt an der Abgabe von Medikamenten pro Jahr 50'000 oder 70'000 Franken verdient, muss man sich schon fragen, ob wirklich nur patientenbezogene Aspekte eine Rolle spielen. Ich begreife nicht, dass die Ärzteschaft diese Medikamentenabgabe dermassen verteidigt.

Beobachter: Warum tut sie es trotzdem?
Locher: Die Selbstdispensation wird immer als Dienstleistung an den Patienten bezeichnet. Das stimmt schon. Aber das Problem ist, dass der Medikamentenverkauf einen wichtigen Anteil des Einkommens eines Arztes ausmacht. Die Ärzteschaft spricht immer von hoher Berufsethik – hat hier aber klar ein Glaubwürdigkeitsdefizit.

Beobachter: Sollen Ärzte an der Abgabe von Medikamenten nichts verdienen?
Locher: Die Medikamentenabgabe sollte für einen Arzt selbsttragend sein. Mehr nicht. Alles andere ist nicht glaubwürdig.

Beobachter: Und im Spital: Sollte ein Patient nicht auch ­wissen, ob ein Arzt, der ein neues Kniegelenk einsetzt, gleichzeitig für die Prothesenfirma als Berater tätig ist?
Locher: Mich stört es nicht grundsätzlich, dass ein Arzt eine enge Beziehung zu einem Produkt hat. Unter Umständen kennt er es seit Jahren und erzielt damit nachweisbare ­Erfolge. Das ist durchaus im Interesse der Patienten. Die Frage ist, ob der Patient die jeweils beste Behandlung erhält oder nicht. Es darf keine unmittelbaren finanziellen Anreize geben. Eine Umsatzprovision liegt beispielsweise nicht drin.

Beobachter: Eine enge Beziehung zur Industrie besteht auch, weil die Fortbildung der Ärzteschaft meist gesponsert ist.
Locher: Das halte ich für sehr problematisch. Das hat sich aber einfach so eingebürgert.

Beobachter: Immerhin haben die Industrie und die Akademie der Medizinischen Wissenschaften dazu ­Richt­linien erlassen.
Locher: Aber mit diesen Richtlinien wird es einfach als gegeben betrachtet, dass die Industrie die Fortbildung der Ärzte sponsert. Die Richtlinien der Ärzteschaft sind viel zu zahm, und der Kodex der Pharma sieht nicht einmal Sanktionen vor. Auch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft müsste geächtet werden, wer gegen Standesregeln oder Branchenrichtlinien verstösst.

Beobachter: Das ist nicht der Fall.
Locher: Ja, viele Ärzte halten Interessenkonflikte nicht für problematisch.

Beobachter: Mehr noch: Sponsoring wird breit akzeptiert.
Locher: Ich bin grundsätzlich gegen Sponsoring in der ärztlichen Fortbildung. Auch wenn ein Geldgeber nicht aktiv auf das Programm einer Veranstaltung einwirkt, entstehen trotzdem psychologische Abhängigkeiten.

Beobachter: Ist mehr Transparenz nötig?
Locher: Eine Kultur der Transparenz, der Offen­legung, ist wichtig. Hier haben wir viel Nachholbedarf. Denn: Jede Form von Intransparenz erhöht die Korruptionsgefahr.

Beobachter: Aber viele Ärzte stören sich nicht an der ­mangelnden Transparenz.
Locher: Genau das ist ja das Problem. Viele Ärzte haben kein schlechtes Gewissen, es herrscht überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Sponsoring in der Ärztefortbildung ist einfach normal. Und normal ist, was alle tun – nicht was einer ethischen Norm entspricht. Kann denn «Unrecht» sein, was ­alle praktizieren?

Beobachter: Warum ist das so?
Locher: Ärzte werden zu dieser Haltung «sozialisiert», sie wurden schon in ihrer Assistentenzeit so «erzogen». Es war einfach immer so und wurde nie hinterfragt. Auch die ­Ärzteschaft hätte – im Sinn ihrer eigenen Glaubwürdigkeit – selber ein grosses Inte­resse daran, für mehr Transparenz zu ­sorgen.

Beobachter: Weshalb werden nicht einfach die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen, damit Interessenbindungen und finanzielle ­Zuwendungen ­offengelegt werden müssen?
Locher: Es ist doch ein bisschen wie mit den De­visengeschäften des Nationalbank-Direktoriums. Wenn es dafür überhaupt ein Re­glement braucht, dann stimmt etwas nicht. Dasselbe gilt bei den Interessenkonflikten von Ärzten. Es muss ein berufsethisches Bewusstsein entstehen. Auch Ärzte sollten sich bei allem überlegen: Liegt das drin? Es braucht mehr Sensibilität.

Beobachter: Bis heute sind es Einzelpersonen, die die problematischen Interessenkonflikte thematisieren.
Locher: Ja, aber es ist ein Branchenproblem. Wer Karriere machen will, darf sich nicht mit dem Establishment anlegen. Interessenkonflikte sind noch immer ein Tabuthema. Aber das wird sich ändern. Alle Zahlungen und Zuwendungen von der Industrie an Ärzte und medizinische Institutionen sollten veröffentlicht werden. Das wäre ein Beitrag zur Schaffung von Transparenz, würde Misstrauen abbauen und die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems erhöhen.

Heinz Locher, 68, ist Gesundheitsökonom und war jahrelang als unabhängiger Berater in verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens tätig. Heute ist er Präsident des Vorstands der Allianz Schweizer ­Krankenversicherer.

Veröffentlicht am 27. März 2012