Beobachter: Herr Professor Brachinger,
von wie vielen Produkten kennen Sie die Preise auswendig, so dass Sie überhaupt merken, wenn sie teurer werden?
Hans Wolfgang Brachinger: Ich kenne den Preis für die japanische Kabuki-Salatsauce, die ich sehr gerne kaufe, und für rohen Sashimi-Fisch. Daneben sind es die Preise für einen Liter Benzin, fürs SBB-Generalabo und vielleicht noch für ein Döschen Kaviar. Ich bin aber gewiss nicht repräsentativ. Weil ich ein deutlich über dem Durchschnitt liegendes Einkommen erziele, ist mein Budget für alltägliche Ausgaben nicht strikt limitiert, folglich schränke ich meinen Konsum nicht gleich ein, wenn die Preise steigen. Das kann der Normalhaushalt nicht so einfach.

Beobachter: Milch und Brot sind kürzlich teurer geworden. Obwohl es nur um ein paar Rappen geht, war die Aufregung gross. Sind diese Preiserhöhungen wirklich so schlimm?
Brachinger: Ich glaube, dass dies für Konsumenten mit einem relativ knappen Budget eine spürbare Senkung ihrer Kaufkraft darstellt. Diese Leute leiden unter den Preiserhöhungen. Je knapper mein Budget ist, desto stärker bin ich von der Inflation betroffen.

Beobachter: Die offizielle Statistik weist Ende Dezember 2007 eine Teuerung von zwei Prozent aus - das ist doch nicht so schlimm, schliesslich sind auch die meisten Löhne gestiegen.
Brachinger: Es ist dann halb so schlimm, wenn Sie die Preissteigerungen bei kaufhäufigen Gütern wie Milch und Brot verrechnen können mit Preissenkungen bei Gütern wie Computern und Fernsehern. Dieses Gegenrechnen ist aber sehr abstrakt, weil man Brötchen täglich kauft, PCs aber nicht. Deshalb können klassische Preisindizes wie der Landesindex der Konsumentenpreise die unmittelbare Inflationserfahrung der Menschen nicht erfassen. Der von mir entwickelte «Index der wahrgenommenen Inflation» gewichtet Güter, die man häufig kauft, stärker als die anderen. Ausserdem berücksichtigt er, dass die Menschen Preissenkungen nur halb so stark wahrnehmen wie Preiserhöhungen. Die Wirtschaftswissenschaft hat gelernt, dass sie psychologische Phänomene nicht vernachlässigen darf.

Beobachter: Aber entscheidend ist doch, wie viel Ende Monat tatsächlich in meinem Portemonnaie übrig bleibt, und nicht, wie ich die Inflation wahrnehme.
Brachinger: Einverstanden, aber wie viel am Ende übrig bleibt, hängt davon ab, wie viel zu Beginn drin war und welche Käufe ich aus diesem Portemonnaie zahle. Je mehr drin war, desto weniger bin ich von der Inflation betroffen. Dazu kommt: Die wenigsten Leute kaufen jeden Monat ein neues Auto, und wenn sie eins kaufen, dann bezahlen sie es vermutlich nicht aus der Haushaltskasse.

Beobachter: Konsumiert wird aber kräftig: Obwohl die Leute die Teuerung als hoch empfinden, geben sie mehr Geld aus.
Brachinger: Das ist kein Widerspruch. Die Inflationswahrnehmung hat vermutlich einen direkten Einfluss auf den Konsum. Wenn ich immer wieder lese: «Telefonieren wird billiger», dann telefoniere ich ungenierter - selbst wenn ich dadurch am Ende sogar mehr bezahlen muss als vorher. Wenn ich umgekehrt erlebe, dass Restaurantbesuche signifikant teurer werden, dann schränke ich mich dort ein.

Beobachter: Also müssten jetzt die Brot- und Milchverkäufe sinken.
Brachinger: Diese Entwicklung wird kaum eintreten, denn beim Brotkonsum habe ich nur wenig Spielraum, um mich einzuschränken, ohne gleichzeitig mein Wohlfahrtsniveau zu senken. Deshalb ärgern sich die Leute auch dermassen, wenn der Brotpreis steigt. Wenn, wie jetzt, die Butter teurer wird, dann kann ich zwar der Inflation ausweichen und auf billigere Margarine umsteigen. Aber damit schränke ich gleichzeitig meinen Lebensstandard ein.