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Waldkindergärten: Beeren statt Kaugummi

Seit rund einem Jahr gibt es zwei Waldkindergärten in der Schweiz. Die Erfahrungen sind positiv: Die Kinder lernen die Natur schätzen und sind viel weniger oft krank.

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«Wem ist noch irgendetwas müde?», fragt der 23-jährige Leiter Marius Tschirky. Anna-Lena streckt auf: «Die Beine.» Sie wird in die Mitte gesetzt, 22 Kinderhände ringsum klopfen ihr die Beine wach, bis auch sie bis in die Zehenspitzen den Morgen fühlen kann. Dann wird das Begrüssungslied gesungen.

«Und jetzt alle kleinen und grossen Zauberer auf den Wagen!» Ein grosser Leiterwagen steht bereit. Es ist ein buntes, in allen Regenbogenfarben leuchtendes Bild, das die Kinder in ihren wetterfesten Kleidern gegen den grauen Himmel zeichnen. Mit «Hallo» und «Juhu» geht es jetzt zum Hagenbuchwald. «Heute Mittag gibt es Brombeeren zum Dessert», kündigt Marius Tschirky an.

«Mit den Blättern, die alles gelb machen», sagt Ann-Flurina und klatscht in die Hände. Um den Kindern die dornigen Ranken näher zu bringen, an denen sie immer hängen blieben, hatte Marius Tschirky mit ihnen Brombeerblätter gesammelt, getrocknet und eingekocht. Im Sud hatten sie darauf ungesponnene Wolle zitronengelb gefärbt und daraus eine Sonne gemacht, zur Erinnerung an die Sonnenfinsternis.

Der Wald als Werkstatt
Für die zwölf St. Galler Kindergartenkinder, die allmorgendlich um Viertel vor neun mit Marius Tschirky losziehen, ist der Wald mitsamt dem unaufhörlichen Wechsel von Jahreszeiten und Witterungen eine Selbstverständlichkeit geworden.

Bei Marius Tschirky sind die «Grossen»: Sie sind zwischen fünf und sieben Jahre alt. Remo Gugolz leitet die Spielgruppe der Kleinen. Alle Kinder kennen sich und freuen sich, wenn sie die anderen im Wald treffen. «Der Wald ist für uns eine riesige Werkstatt», sagt Marius Tschirky, «und wir sind mit dabei als eine Art Werkzeug für die Kinder.»

Seit August 1998 ist der Traum vom Waldkindergarten Wirklichkeit geworden. Mehr als drei Jahre hatte der ostschweizerische Verein «Mehr Raum für Kinder» einen Wald-Chindsgi vorbereitet und konzipiert; in dieser Zeit hatten sich die Vorstellungen der acht Elternpaare von dem, was ein «Waldleben» für ihre Kinder heissen könnte, konkretisiert.

Im Wald geht es steil bergauf und bergab. In Windeseile bringen die Kinder die Distanzen hinter sich. Heute geht es durch das «grüne Tor». «Der Wald ist wie ein grosses Zimmer, in dem die Dinge nach und nach eingerichtet werden und die Plätze Namen erhalten», erklärt Tschirky. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum «grossen Waldsofa». Der Wind fegt durch die Bäume und bewegt die Stecken, die die Kinder dort aufgehängt haben, damit der Herbst den Weg findet.

Linus und Amando laufen vor: Das Waldsofa, das die Kinder zusammen mit den Eltern aufgebaut haben, ist der Mittelpunkt von ihrem Wald-Zuhause geworden. Aus Baumstämmen und Ästen sind mehrere «Sofas» um einen Steintisch in der Mitte gestellt, den die Kinder mit Blumen geschmückt haben. 25 Leute haben auf den Baumstämmen Platz. Bevor sie ihr Vesper auspacken, wird das Brombeerendessert gerichtet.

«Der Wald gibt alles her, was wir brauchen.» In dieser Uberzeugung sind die beiden Leiter des St. Galler Chindsgi radikal. Kein zusätzliches Spielzeug, kein pädagogisches Material: «Kinder holen sich genau die Entwicklungsschritte, die sie brauchen», ist Tschirky überzeugt, «und hier haben sie die Gelegenheit, sich dazu mit der Natur zu verbünden, die ihnen alles bereitstellt.» Nach dem Essen schwärmen sie aus in den Wald. «Freispiel» nennt sich diese Periode: «Dass die Kinder an all das herankommen, was sie wirklich machen wollen, ist das Wichtigste», so Tschirky. Die Erwachsenen sollen bloss helfen, wo es nötig ist, aber nicht immer da sein wie etwas, was man konsumieren kann. Der Unterschied ist den Kindergärtnern wichtig: «Später kommt die Schule und dann ihr eigenes Leben – das nimmt ihnen ja auch keiner ab.»

Soweit der Mut reicht
Rechtzeitig zum Rückweg sind alle Spielgruppen- und Kindergartenkinder wieder am Waldsofa angekommen. Eine ganze Stunde waren sie unsichtbar gewesen. Marius Tschirky: «Sie wissen, dass sie so weit gehen können, wie sie keine Angst haben. Diese Grenze halten sie ein. Und sie holen sich Hilfe, wenn sie Hilfe brauchen.» Manche legen sich einfach mit einer Isomatte unter einen Baum und hören den Vögeln zu, die sie inzwischen fast alle zu bestimmen vermögen.

Noch sind im St. Galler Chindsgi die Mädchen unterrepräsentiert. Wenn sich aber herumspricht, dass die Kinder gar nicht mehr krank werden, seit sie täglich draussen sind, und dass die meisten von ihnen sogar nachmittags und am Wochenende die Eltern in «ihren» Wald zu locken versuchen, wird sich dies vielleicht ändern.

Die Kinder versammeln sich am Bach zum Schlusskreis. Noch planschen sie begeistert im Wasser. Dreck, Nässe, Wind: Sie haben gelernt, damit umzugehen. Bald wird es wieder eine Eiskruste zu knacken geben. Schnell das Schlusslied, ein Dank an den Wald und das Versprechen, morgen wiederzukommen.

Eine Bewegung aus Dänemark

Die Waldkindergärten-Bewegung stammt aus Dänemark und hat sich in Deutschland bereits weit verbreitet. In der Schweiz steckt sie noch in den Kinderschuhen. Gleichzeitig mit den St. Gallern wurde in Brütten ZH der erste staatliche Wald-Chindsgi der Schweiz eröffnet. Dort dürfen die Kinder umsonst den Wald erobern, während die Eltern der St. Galler Kinder monatlich 400 Franken pro Kind zahlen müssen.

Die Waldkindergärten erfüllen dasselbe pädagogische Konzept wie der Regelkindergarten. Ramon, das erste St. Galler Waldkind, das schon den Übergang in die Schule hinter sich hat, hat keinerlei Probleme oder Defizite – ausser dass er sich nach dem Wald sehnt.

Veröffentlicht am 10. August 2000