Beim Baby, das Edith Schwitter (Bild) zärtlich in ihren Armen wiegt, handelt es sich um ein absolutes Wunschkind. Seit zehn Jahren haben sie und ihr Mann darauf gewartet.

Jedes Jahr sei die Sehnsucht grösser geworden, gesteht Edith Schwitter. «Und ebenso die Namensliste», ergänzt ihr Mann Hansjörg lachend. Das Baby mit dem rotgoldenen Haar heisst deshalb nicht einfach Sarah. Es heisst Sarah Aisha Noemi Aylin, und das Zusammensein mit dem Mädchen ist für seine Eltern «das Grösste, was wir je erlebten». Ungewöhnlich an dem kleinen Geschöpf ist aber nicht nur, dass es so lange dauerte, bis es bei seinen Eltern eintraf, sondern ebenso die Art und Weise, auf die es entstand.

Die Zeugung des kleinen Engels fand nämlich nicht etwa bei Kerzenlicht in einem romantischen Schlafzimmer statt, sondern in der nüchternen Atmosphäre eines Schaffhauser Kliniklabors: Der Gynäkologe Peter Fehr führte eine Nadel in die Vagina der zukünftigen Mutter ein und pflückte zehn reife Eizellen von ihren Eierstöcken, derweil der zukünftige Vater ein Becherchen in die Hand gedrückt bekam, in dem er seinen Samen deponieren sollte.

Um die Befruchtungschancen zu erhöhen, waren die Eierstöcke während zweier Wochen hormonell vorbehandelt worden, so dass anstelle von einem gleich mehrere Follikel herangereift waren. Und beim Ejakulat wurden nur die kräftigsten Spermien verwendet diejenigen, die nach dem Zentrifugieren obenauf schwammen. Zwei Stunden später dann das alles entscheidende Finale: Die auserkorenen Spermien wurden zu den Eizellen ins Glas geleert, um sich dort eine von ihnen zu schnappen.

Anzeige

Rund 600 Kinder werden in unserem Land jährlich im Reagenzglas also nach der In-vitro-Methode gezeugt. Die Tendenz steigt. Denn die Aussichten, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, sind am Sinken. Es wird geschätzt, dass rund 15 Prozent aller Paare unter Fruchtbarkeitsstörungen leiden.

Betroffene schweigen meist

Die Gründe dafür liegen etwa zu gleichen Teilen beim Mann wie bei der Frau. Hauptursache ist zum einen die abnehmende Spermienqualität, vermutlich verursacht durch Umwelteinflüsse. Zum anderen ist es durch die Erfindung der Pille möglich geworden, den Nachwuchs in der Lebensplanung so lange nach hinten zu schieben, bis eine Frau ihre Ausbildung beendet und einen gewissen beruflichen Erfolg erreicht hat. Bloss: Mit zunehmendem Alter sinkt die Fruchtbarkeit, so dass manches Paar plötzlich feststellen muss, dass es einfacher war, eine Schwangerschaft zu verhüten, als schwanger zu werden.

Anzeige

Die gewollte Kinderlosigkeit ist heutzutage durchaus eine anerkannte Lebensoption, die ungewollte hingegen kann zu existenziellen Krisen führen. Vielleicht weil sie am Privatesten des Menschen rührt: an Sexualität und Potenz, an tief verwurzelten Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit und schliesslich an der puren Biologie also am archaischen Wunsch, seine Gene weiterzugeben. «Sich nicht fortpflanzen zu können kommt für viele Betroffene einer Demütigung gleich», sagt der In-vitro-Spezialist Peter Fehr. «Sie halten sich für Versager, schämen sich für ihre Unfruchtbarkeit.»

Die meisten Paare halten ihre Probleme mit dem Kinderkriegen deshalb ebenso strikt geheim wie den Besuch in einer der vielen Fertilitätskliniken. Edith Schwitter weiss nur gerade von einer anderen Frau, die sich ebenfalls künstlich befruchten liess. Und das, obwohl sie selber aus ihrer In-vitro-Fertilisation nie ein Geheimnis machte.

Anzeige

Es habe schon immer wieder solche gegeben, die dann die Stirn runzelten und sagten, «dass es aus diesem gefrorenen Zeugs» doch kein richtiges Kind geben könne, erzählt Hansjörg Schwitter. Und die heute staunen, dass Sarah ein völlig normales, fröhliches und liebenswertes Kind ist.

Der Kinderwunsch vergeht nie

Schwitters haben zwar jahrelang probiert, sich auf ein Leben ohne Kind einzustellen. Innerlich aber sei der Wunsch doch immer wach geblieben, gesteht Edith Schwitter, denn für beide ist die Familie «das eigentliche Ziel im Leben».

Und doch gab es einen Moment im Verlauf des ganzen Befruchtungsprozedere, wo beide zögerten: dann nämlich, als ihnen der Arzt beim Orientierungsgespräch erklärte, dass nur diejenigen Embryos in die Gebärmutter eingesetzt würden, die sich in gutem Zustand befänden. «Dürfen wir ein befruchtetes Ei wegwerfen?», fragte sich das Ehepaar Schwitter darauf voller Gewissensbisse. «Käme das nicht einer Abtreibung gleich?» Ein Gespräch mit Peter Fehr brachte Klärung: Ein beschädigter Embryo würde eh nicht überleben, so erklärte der Arzt. Es passiere also nur das, was in der Natur ohnehin geschehen würde.

Anzeige

Als 1978 das erste «Retortenbaby» geboren wurde, handelte es sich für viele keineswegs um ein Wunschkind. Die kleine Louise machte Angst. Sie sei ein «Experiment zwischen Hoffnung und Horror», schrieb etwa das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Und es kursierte das Wort vom «biologischen Hiroshima».

Laborkinder sind sehr teuer

Heute ist Louise eine junge Frau und längst keine Sensation mehr. Niemand vermag die im Reagenzglas Gezeugten noch zu zählen: Es sollen mindestens 500000 sein, andere Schätzungen gehen von zwei Millionen aus. Die kleine Nachhilfe im Labor ist mehrheitsfähig geworden.

Und sorgt dennoch immer wieder für Sprengstoff. Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, die sich aus ethischen Gründen dagegen wehren, dass Embryos vernichtet werden und auf der anderen Seite diejenigen, die aus ebenso ethischen Gründen gegen deren Aufbewahrung im Gefrierbehälter protestieren: weil das die natürliche Generationenabfolge gefährde.

Anzeige

Wer sich für die künstliche Befruchtung entscheidet, hat in aller Regel bereits einen langen Leidensweg hinter sich meist aber auch noch einiges an seelischem Marathon vor sich. In den Chat-Foren der Selbsthilfegruppen im Internet weisen Betroffene deshalb immer wieder darauf hin, wie wichtig es sei, bei der Auswahl der Ärztin oder des Arztes darauf zu achten, dass auch der menschliche Draht stimme. Die Chancen für eine Befruchtung stehen beim ersten Versuch nämlich nur gerade bei einem Viertel, und es müssen meist mehrere Versuche unternommen werden, bis es zu einem Erfolg und zu einer Schwangerschaft kommt. Wenn überhaupt.

Wenn ein Paar seine Kinderhoffnungen begräbt, dann ist das einerseits eine Energiefrage, denn jeder Befruchtungsversuch ist nicht nur seelisch, sondern auch körperlich ziemlich anstrengend. Anderseits ist es aber auch ganz trivial eine Frage des Budgets.

Anzeige

Das Ehepaar Schwitter ist beim dritten Mal und bei insgesamt 15000 Franken an seine persönlichen Grenzen gestossen. Als sie diesmal von der Fertilitätsklinik nach Hause zurückkehrten, beschlossen sie deshalb, nun definitiv auf ihre letzte Option zu setzen: Sie schrieben 20 Briefe an verschiedene Adoptionshäuser der ganzen Schweiz. «Und dann», erzählt Edith Schwitter mit ungläubigem Kopfschütteln, «erhielten wir exakt am selben Tag die ersten Antwortschreiben wegen möglicher Adoptionen, an dem auch die frohe Botschaft aus dem Labor eintraf: Diesmal habe es geklappt.» Sie habe es gar nicht fassen können, sagt Edith Schwitter. «Ich sass fast eine Viertelstunde sprachlos auf dem Stuhl. Und fragte dann den Arzt, ob er wirklich sicher sei. Ob es sich nicht etwa um eine Verwechslung der Blutwerte handeln könne.»

Anzeige

Ein dermassen sehnsüchtig erwartetes Kind wird von seinen Eltern verständlicherweise behütet wie das berühmte goldene Ei. Kaum jemandem vertrauen Schwitters deshalb ihre Kleine an, behalten sie lieber selber den ganzen Tag im Auge. Und für die Sicherheit nachts sorgt eine spezielle Unterlage namens «Angel Care», die Alarm gibt, sobald der Atem des Babys 20 Sekunden aussetzt. «Ich weiss, dass meine Angst etwas übertrieben ist», sagt Edith Schwitter, «aber ich kann nicht anders.» Hier sei sie wohl doppelt geschädigt. Einerseits, weil sie so lange auf diesen Schatz gewartet habe, und anderseits, weil sie als Kinderkrankenschwester gesehen habe, was alles passieren könne.

«Ein Geschwisterchen würde nicht nur ihr, sondern auch uns gut tun», meint Hansjörg Schwitter mit Blick auf sein Töchterchen, «dann würde sich alles etwas weniger auf sie konzentrieren.» Edith Schwitter nickt: «Sobald wir genug Geld beisammenhaben, melden wir uns an für ein zweites Kind.»

Anzeige

Links

__________________________________________

Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und schweizer Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Monika Zinnenlauf

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.