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Vitamin BFrauen weben ihre eigenen Netze

Männer haben das Militär, den Sportverein oder den Rotary-Club, um sich Geschäfte zuzuschanzen. Frauen brauchen kreativere Strategien, um Beziehungen aufzubauen.

von und

Dass sie jemals für eine orientalische Tänzerin einen Werbeprospekt und ein Kursprogramm gestalten würde, hätte sich Simone Arnold nie gedacht: Weder tanzt sie, noch war sie je im Orient. Den Auftrag erhielt die selbstständige Grafikerin über eine ehemalige Arbeitskollegin, deren Bekannte die Tänzerin kennt.

Simone Arnold verfügt über ein Beziehungsnetzwerk, das ihr immer wieder neue, überraschende Aufträge verschafft. Auch sie empfiehlt ihre Bekannten weiter. Dabei liegt ihr viel daran, gezielt Frauen zu berücksichtigen: «Es freut mich, wenn ich Macherinnen kennen lerne, die mit beiden Beinen voll im Berufsleben stehen. Dass Männer beruflich erfolgreich sind, ist ja fast selbstverständlich.»

Das Netzwerk der 32-Jährigen ist nicht von heute auf morgen entstanden. Vor einigen Jahren hat Arnold bei einem Projekt für eine Berufsschule eine Fotografin getroffen, der sie heute Aufträge vermittelt. Ihre Kosmetikerin, die Simone Arnold hin und wieder zu einem Job verhilft, zählt zu ihren Kundinnen Frauen aus dem Netzwerk der Grafikerin, darunter eine Webdesignerin und eine Polygrafin.

Die Chemie muss stimmen



Und eine Treuhänderin: Mirjam Brühwiler, Mitinhaberin der Firma Ipalilos, die sich um das Backoffice von Drittfirmen kümmert. Für Brühwiler ist es zwar zweitrangig, ob sie berufliche Beziehungen zu Frauen oder Männern pflegt. Doch auch sie legt Wert auf ein funktionierendes Netzwerk. Arnold wurde ihr von einem Kunden empfohlen, dem sie vertraut. Eine Empfehlung, die sich für sie gelohnt hat: «Wenn ich meine Visitenkarte gestalten lasse, muss die Chemie zwischen mir und der Gestalterin stimmen. Bei Simone Arnold und mir hat es von Anfang an geklappt.»

Einem Netzwerk gehören üblicherweise Leute mit verschiedenen Berufen und Interessen an. Sibylle Burger Bono, Präsidentin von Alliance F, dem Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen, definiert ein Netzwerk als «Verbindung zwischen unterschiedlichen Leuten, die einem in den Sinn kommen, wenn ein Problem zu lösen ist». Für sie steht fest, dass Netzwerke zur Bewältigung des beruflichen Alltags nötig sind, gerade für Frauen. «Das kann auch etwas ganz Einfaches sein – wenn ich etwa kurz ins Büro muss und meiner Nachbarin mein Kind zwei Stunden überlassen kann.» Es sei zudem wichtig, sich nicht nur auf ein einziges Netzwerk zu beschränken.

Neben losen privaten Netzwerken wie Familie oder Nachbarn gibt es frauenspezifische Berufsverbände oder branchenübergreifende Verbände wie den Verband Wirtschaftsfrauen Schweiz. Um von diesen organisierten Beziehungsnetzen zu profitieren, braucht es laut Sibylle Burger Bono auch eine gewisse Aktivität. «Oft sehen Frauen in einem Netzwerk eher eine Belastung statt eine Erleichterung.» Doch es sei eben auch wichtig, an gesellschaftlichen Anlässen des Verbands teilzunehmen. Was für Männer selbstverständlich sei, müssten Frauen noch lernen, sagt Burger Bono. «Der Gedanke ‹Ich muss am Abend daheim sein› steht oft im Vordergrund. Das Selbstverständnis, dass auch ein Apéro wichtig für den Beruf ist, fehlt den Frauen.»

Der Verband Wirtschaftsfrauen Schweiz spricht Unternehmerinnen und Kaderfrauen an. Die Mitglieder lancieren diverse Projekte und organisieren Anlässe. «Alles steht allen offen, es gibt da keine Zwänge», sagt Präsidentin Astrid van der Haegen. Die Frauen knüpften hier nicht unbedingt enge Beziehungen, dafür aber wirtschaftliche Kontakte. «Wir sind praxisorientiert. Die Frauen sollten lernen, ungeniert eine Kollegin anzurufen, wenn sie ein berufliches Problem lösen müssen.» Den Grund dafür, dass Männer wirtschaftlich weiter sind als Frauen, sieht Astrid van der Haegen vor allem darin, dass Männer gezielter und konzentrierter an ihrer Karriere arbeiten – und dies nicht zuletzt durch Networking.

Die Leistung muss frau selber bringen



«Auch Frauen sollten Netzwerke als Karrierehelfer nutzen», so die Wirtschaftsfrauen-Präsidentin. «Dazu gehört, einander weiterzuempfehlen, sich gegenseitig zu unterstützen oder eine Tür zu öffnen. Die Leistung muss aber letztlich jede Frau selber bringen.»

«Frauen haben wenig Vorbilder», erklärt Alliance-F-Präsidentin Sibylle Burger Bono. Dies sei ebenfalls ein Grund, weshalb sich Frauen im Allgemeinen mit der Karriere schwer tun. Sie empfiehlt deshalb, dass sich Frauen nicht scheuen sollten, auch rein wirtschaftliche Beziehungen zu pflegen. «Das Internet bietet die beste Infrastruktur.»

Aber herrscht nicht auch Neid zwischen den einzelnen Netzwerkmitgliedern? Konkurrenz sei überall vorhanden – egal, ob in Frauen- oder in Männernetzwerken, sagt Sibylle Burger Bono. «Das ist auch gesund. Im Gegensatz zu den Frauen wird dies aber bei Männern eher positiv als ‹Spieltrieb› ausgelegt.»

Die Ein-Frau-Unternehmerin Arnold mag es weniger kämpferisch. Ihr Netzwerk ist informell – es gibt keine regelmässigen Treffen oder Veranstaltungen, die gemeinsam besucht werden. Einem formellen Verband wollte sie bisher nicht beitreten. «Ich habe es gern unkompliziert, und mein Netzwerk basiert auf gegenseitiger Sympathie. Ich hätte Mühe, jemanden, den ich noch gar nicht richtig kenne, weiterzuempfehlen.» Simone Arnold scheut sich nicht, an Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen Interesse zu zeigen. «Am spannendsten finde ich es dann, wenn es wuchert», sagt die Grafikerin. «Zu meinem privaten Netzwerk gehören deshalb auch die Coiffeuse und der Bäcker.»


Buchtipps



Gudrun Fey: «Kontakte knüpfen und beruflich nutzen»; Walhalla, 2005, 160 Seiten, Fr. 18.20

Christine Öttl und Gitte Härter: «Networking»; Hoffmann und Campe, 2004, 254 Seiten, Fr. 34.90

Veröffentlicht am 30. Januar 2006