Im Juni 2008 korrigierte die KOF, die Konjunkturforschungsstelle der ETH, ihre Prognose zur aktuellen Entwicklung des Bruttosozialprodukts (BSP) um ein Zehntelprozent auf 2,0 Prozent nach unten.

Die Revision war kompletter Unsinn, denn Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung bis auf eine Stelle hinter dem Komma suggerieren eine Genauigkeit, die faktisch nicht gegeben ist. Aurelio Mattei, emeritierter Wirtschaftsprofessor an der Universität Lausanne, prüfte, wie gut die Prognosen der Konjunkturforschungsstellen sind. Die Ergebnisse seiner Studie sind ernüchternd. Die Institute lagen mit ihren Wachstumsvoraussagen über den Zeitraum von 1997 bis 2006 im Schnitt um rund einen Prozentpunkt daneben. Ein immenser Fehler, wenn man bedenkt, dass das durchschnittliche Wachstum in dieser Zeit bei 1,9 Prozent lag.

«Die Institute scheinen aus ihren Fehlern nicht genügend zu lernen.»: Gebhard Kirchgässner, Volkswirtschaftsprofessor

Quelle: Hannes Thalmann / «St. Galler Tagblatt»

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Quellen: Bundesamt für Statistik sowie Studie «La qualité des prévisions économiques suisses» von Aurelio Mattei, Universität Lausanne

Quelle: Hannes Thalmann / «St. Galler Tagblatt»

Mattei untersuchte vier Konjunkturforschungsstellen: BAK Basel Economics, die Experten beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und bei der UBS sowie die KOF. Sein Fazit: Kein Institut sticht heraus, die Qualität der Prognosen unterscheidet sich kaum. Sie ist überall gleich schlecht. BAK Basel Economics sah für 2003 ein Wachstum von einem Prozent voraus. In Wirklichkeit schrumpfte die Schweizer Wirtschaft in diesem Jahr um 0,2 Prozent. Für 2006 tippten die Seco-Experten auf 1,8 Prozent. Tatsächlich war das Wachstum 3,4 Prozent.

Das Problem aber geht tiefer. Denn einer solchen Punktprognose fehlt nicht nur die Genauigkeit, sondern auch – ein grundsätzlicher Vorbehalt – die methodische Berechtigung. Mattei: «Die Prognostiker sollten bei ihren Voraussagen eine Bandbreite angeben, beispielsweise ‹Das BSP wächst zwischen 1,3 und 1,8 Prozent›. Das wäre korrekt.»

Auch Gebhard Kirchgässner, Volkswirtschaftsprofessor in St. Gallen, stört sich an den kommastellengenauen Prognosen: «Wirtschaftsprognosen sind keine Punktprognosen. Die Institute sollten einen Streubereich angeben.» Zudem bemängelt er die fehlende Selbstkritik: «Die Institute scheinen aus ihren Fehlern nicht genügend zu lernen beziehungsweise zurückhaltend bei der Korrektur von Fehlern zu sein.»

«Qualitätskontrollen sind sehr aufwendig»

Das Seco ist die einzige der vier genannten Stellen, die regelmässig die Qualität ihrer Prognosen analysiert. «Bei der Analyse der Prognosefehler geht es, neben der Ermittlung der Grössenordnung dieser Fehler, in erster Linie darum, festzustellen, ob die berechneten Prognosefehler zufälliger oder systematischer Natur sind», sagt Antje Baertschi vom Seco.

Weniger interessiert an der Qualität ihrer Prognosen scheint man bei der BAK und der KOF zu sein. Kürzlich habe «ein Student die Daten systematisch verglichen», so BAK-Direktor Urs Müller, und Willy Roth von der KOF sagt: «Wir haben das im Jahr 2000 einmal gemacht. Aber es ist sehr aufwendig.»

Die Konjunkturforschungsstellen sind sich bewusst, dass sie mit ihren Punktprognosen mehr versprechen, als sie halten können. «Auf eine Art ist das richtig», so Müller von der BAK, und auch der UBS-Konjunkturforscher Felix Brill sagt: «Die Beobachtung ist gerechtfertigt.» Warum tun sie es dann? Als Begründung müssen die Gewohnheit oder die angeblichen Bedürfnisse der Prognosennutzer herhalten: «In der Konjunkturforschung ist es üblich, auf eine Stelle hinter dem Komma zu prognostizieren», sagt Brill. «Die Prognosennutzer wollen genaue Zahlen. Sie brauchen diese für ihre Planungen, und da müssen sie genaue Zahlen eintragen», sagt Müller.

Lieber eine genaue als eine richtige Zahl: So also angeblich der Wunsch der Unternehmer. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Im «Sonntag» ereiferte sich jüngst Vorzeige-Unternehmer Otto Ineichen über die schlechte Qualität der Prognosen und sagte: «Ich denke, dass 90 Prozent aller Unternehmer diese Prognosen sowieso nicht ernst nehmen.»