Beobachter: Novartis hat wie andere Firmen Patente auf menschliche Gensequenzen angemeldet und Teile des Menschen monopolisiert. Das ist doch unglaublich.

Konrad Becker: Isolierte Gensequenzen sind nicht Teile des Menschen. Betroffen sind nur Konkurrenzfirmen, die nicht kommerziell mit diesen Genen arbeiten dürfen.

Beobachter: Aber ein Gen ist doch keine Erfindung.

Becker: Wenn Sie ein Gen isolieren, charakterisieren und ermöglichen, dass es für ein spezielles Ziel eingesetzt wird, haben Sie meiner Meinung nach etwas erfunden.

Beobachter: Vom Novartis-Patent auf ein Asthma-Gen sind Asthma-Patienten wesentlich betroffen. Sie müssen für künftige Medikamente unter Umständen mehr bezahlen. Das zeigen auch andere Beispiele.

Becker: Die Entwicklung der Technik unserer westlichen Welt hängt nun mal stark vom Patentsystem ab. Das hat im Einzelfall unangenehme Folgen, aber gesamtwirtschaftlich bringt es Vorteile, weil es die Investitionen in die Weiterentwicklungen fördert. Konkret stellt niemand ein Medikament her ohne Patent. Die Investitionen in die Entwicklung machen die pharmazeutischen Firmen nur, wenn sie eine Chance haben, dieses Geld irgendwann wieder zurückzubekommen. Patente ermöglichen die Forschung.

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Beobachter: Kommt aus den Novartis-Labors bald ein Schwensch, ein Schweine-Mensch?

Becker: Nein, ein solches Wesen ist ganz sicher nicht die Absicht einer pharmazeutischen Firma. Das sind Hirngespinste. Wir brauchen Tiere, denen menschliche Gene eingepflanzt worden sind, nur als Hilfsmittel, um zielgerichtet neue Medikamente zu finden.

Beobachter: Aber Novartis lässt gleichwohl Tiere mit menschlichen Genen patentieren.

Becker: Ja, zum Beispiel die Alzheimer-Maus. Alzheimer tritt bei Tieren nicht auf. Deshalb haben Forscher die menschlichen Alzheimer-Gene in die Maus gepflanzt. So taucht im Mausmodell die menschliche Krankheit auf, und damit können Wissenschaftler weiterforschen. Auch das gentechnisch veränderte Schwein für die Xenotransplantation ist meiner Meinung nach ethisch vertretbar. Menschliche Organe sind Mangelware, und es ist sinnvoll, nach Alternativen zu suchen. Vielleicht gibt es einmal Menschen, die mit Schweineherzen am Leben erhalten werden. Lebewesen mit artfremden Genen gibt es schon sehr lange. Früher waren es Mikroorganismen, heute sind es Säugetiere da sehe ich keinen Unterschied.

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Beobachter: Für viele Menschen wird mit solchen Patenten auf Tiere die Grenze überschritten. Sie fordern strengere ethische Richtlinien im Gesetz.

Becker: Diese Ansicht teile ich nicht. Man muss doch sehen, welche positiven Resultate damit erzielt werden. Wir erhalten neue Erkenntnisse über Krankheiten. Es ist ein grundsätzliches Problem der Forschung, dass sie neue Dinge erfindet, die sich Laien gar noch nicht vorstellen können. Die Gesetzgebung kommt immer fünf Jahre zu spät.

Beobachter: Gibt es denn keine ethischen Grenzen mehr?

Becker: Für mich muss nicht das Patentamt die ethischen Grenzen setzen. Die Patentbehörde kann die Experimente nicht ethisch beurteilen, dazu fehlt ihren Mitarbeitern die Ausbildung. Diese Grenze müssen andere ziehen, zum Beispiel die Beamten, die die Tierversuche bewilligen müssen.

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Beobachter: Wie erklären Sie es sich, dass viele Forscher die Patentierung von menschlichen Gensequenzen kritisieren?

Becker: Diese Forscher haben tendenziell das Patentrecht nicht verstanden. Mehr noch: Sie haben sich mit der Thematik gar nicht richtig auseinander gesetzt.

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