Donnerstagmittag im Zürcher Kreis 5. Eine Frau, Mitte 40, im dezenten Hosenanzug, isst auf einer Parkbank. Ihre Abfälle verstaut sie in einem kleinen Plastiksack: Styroporteller, Plastikgabel, PET-Flasche und Serviette. Pflichtbewusst ein Knoten obendrauf – ein doppelter, versteht sich. Die Frau schaut kurz um sich, greift nach ihrer Handtasche und marschiert davon. Auf der Bank bleibt ein ordentlich verschnürter Sack zurück. Ganz eindeutig eine «Vergesserin» (siehe «Welcher Mülltyp sind Sie?»). Wie auch der junge Mann, der «aus Versehen» die Folie seines Sandwich fallen lässt. Darauf aufmerksam gemacht, meint er betreten: «Das mache ich sonst nie.»

Viele sehen im so genannten Littering ein Phänomen der Jugendkultur. So nannten in einer Umfrage bei 51 Schweizer Städten die meisten schlechte Erziehung, Achtlosigkeit oder mangelnde Verantwortung als Ursachen. Der Tenor: Unsere Gesellschaft verwahrlost immer mehr. Für Pio Marzolini vom Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Stadt Zürich ist dieser Kulturpessimismus aber fehl am Platz: «Der öffentliche Raum wird heute viel mehr genutzt als früher. Diese Belebung haben wir bewusst gefördert. Die Kehrseite ist die Zunahme der Abfallmenge.»

Das «Wischgut» – alles, was im öffentlichen Raum entsorgt wird, sei es korrekt in den Papierkorb geworfen oder auf den Boden gelittert – hat in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen, in Zürich zum Beispiel um rund 50 Prozent.

Aber nimmt das Littering stärker zu als die Abfallmenge insgesamt? Zahlen gibt es keine. «Es ist auf jeden Fall schlimmer geworden», sagt Martin Bischofberger, Leiter der Stadtreinigung Basel. «Jede Meisterfeier des FCB ist inzwischen ein Littering-Event.»

«Littering nach Veranstaltungen ist kein neues Phänomen», sagt Pio Marzolini. «Bei Fussballspielen kann eine einzelne Fangruppe eine grosse Sauerei anrichten. Wenn solche Gruppen fehlen, ist es nicht dramatisch.» Bei Grossereignissen wie der Street-Parade wird die Stadtreinigung zudem von privaten Firmen unterstützt.

Bald wie in Singapur?

Littering ist eine Kettenreaktion. Wenn einer etwas fallen oder liegen lässt, sinkt die Hemmschwelle für den Zweiten, den Dritten und jeden weiteren rapide. Auf einer mit Abfall gespickten Wiese wird kaum jemand einsehen, weshalb er seinen Unrat noch zum Papierkorb tragen soll.

Eine der wichtigsten Massnahmen ist deshalb – darin sind sich alle befragten Fachleute einig –, den öffentlichen Raum so sauber wie möglich zu halten. In Basel rücken die Teams der Stadtreinigung mehrmals täglich aus, was gemäss Martin Bischofberger gleich zwei Vorteile hat: «Es bleibt sauber, was die Hemmschwelle erhöht. Und man sieht unsere Teams. So wissen jene, die sich vom Abfall gestört fühlen, dass wir aktiv etwas dagegen tun.» Ähnliches gilt für Zürich: «Wir haben flexible Einsatzpläne und gehen jeweils dorthin, wo die Arbeit ist», erklärt Pio Marzolini.

Trotz der ganzen Putzerei – gelittert wird weiterhin. Was tun also? In Zürich setzt man auf Prävention. Plakate und Aktionstage zeigen Wirkung – aber nicht dauerhaft. Ähnliche Erfahrungen hat man auch in Zug gemacht. Die Rössliwiese, wo man im Rahmen einer Aktionswoche den Müll liegen liess, ist derzeit deutlich sauberer als vorher. Fragt sich nur, wie lange.

Da präventive Massnahmen bisher keine nachhaltigen Erfolge gebracht haben, denken einige Städte laut über Bussen nach. In Bern sind sie im neuen Abfallreglement vorgesehen, über das aber noch abgestimmt wird. Für Martin Bischofberger ist auch in Basel «die Schmerzgrenze erreicht». «Bussen als zusätzliches Mittel sind die einzig richtige Entscheidung.»

Drakonische Strafen für ein fallen gelassenes Stück Papier – zumindest in Singapur hat man damit Erfolg. Wer einmal littert, zahlt umgerechnet 750 Franken Busse. Wiederholungstäter werden zu Geldstrafen von bis zu 4000 Franken und zu gemeinnütziger Reinigungsarbeit verurteilt. Die Medien prangern Abfallsünder zudem wie Schwerverbrecher an.

«Ein Polizeistaat à la Singapur, das geht bei uns nicht», ist der Zuger Stadtrat Andreas Bossard überzeugt. Zudem, so der Zürcher Beamte Marzolini, seien Littering-Bussen schwer umsetzbar: «Theoretisch können Sie eine Dose hinter sich fallen lassen und dann, wenn man Sie büssen will, behaupten, Sie hätten sie nur hingelegt, um sich die Schuhe zu binden.»

Ob repressiv oder präventiv – ein Patentrezept gegen Littering gibt es nicht. «Wir müssen einfach weiter dranbleiben, bis die Leute ihr Verhalten ändern», sagt Marzolini. Und das kann dauern. Auf die Frage, warum er zu später Stunde seine Serviette auf den Asphalt fallen lasse, meint ein älterer Herr: «Was geht Sie das an? Es ist schliesslich meine Serviette.»

Quelle: Martin Stollenwerk
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