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AbfallZu viel des Guten

Elektronik, Kleider, Lebensmittel: In der Schweiz wird tonnenweise Ware entsorgt, die noch brauchbar wäre. Das ist ganz im Sinne der Hersteller.

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«Wääk, das Joghurt ess ich nicht mehr, das ist schon einen Tag über dem Datum.» Der neunjährige Daniel zieht eine Schnute ob der baren Vorstellung, ein abgelaufenes Milchprodukt zu sich zu nehmen. Schwupp, landet der Becher samt Inhalt im Abfall.

So wie Daniel reagieren viele Leute, wenn es um die Haltbarkeit von Lebensmitteln geht. «Es herrscht eine absolute Datumshysterie, insbesondere bei der jüngeren Generation», stellt Samuel Sägesser, Leiter der Non-Profit-Organisation «Tischlein deck dich», fest.

Dabei wäre besagtes Joghurt mit grosser Wahrscheinlichkeit noch etliche Tage über das aufgedruckte Datum hinaus geniessbar gewesen: «Lebensmittel sind normalerweise über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus noch genusstauglich und müssen keineswegs sofort weggeworfen werden», bestätigt der St. Galler Kantonschemiker Hans Rudolf Hunziker.

Dennoch wird tüchtig entsorgt: Rund 250'000 Tonnen Lebensmittel – das entspricht einer Kolonne von 12'500 voll beladenen Migros-Lastwagen – wirft allein der Schweizer Lebensmittelhandel jährlich weg. Hinzu kommen zig Tonnen Esswaren, die in den Haushalten in den Kübel wandern, obwohl sie noch geniessbar wären.

Das Problem der Lebensmittelverschwendung kennt man im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) aus eigener Anschauung: «Bei unserer Haushaltsabfallanalyse stellten wir mit Schrecken fest, wie viele originalverpackte Lebensmittel fortgeworfen werden», sagt Hans-Peter Fahrni, Chef der Buwal-Abteilung Abfall.

Bei Bedarf flexible Haltbarkeitsdaten
Die Datumsgläubigkeit der Konsumenten wird nicht zuletzt von der Industrie geschürt, die die Mindesthaltbarkeitsdaten nach eigenem Gutdünken festlegt. Bei Bedarf ist die sonst so pünktlich verderbliche Ware denn auch länger haltbar als sonst: «An den Festtagen lässt sich die Milch plötzlich zwei, drei Tage länger datieren als unterm Jahr», sagt «Tischlein deck dich»-Leiter Sägesser, der über 35 Jahre lang in der Lebensmittelbranche tätig war.

Sogar Lebensmittel wie Honig, Essig und Zucker, die gemäss Lebensmittelverordnung gar nicht mit einem Datum versehen werden müssen, werden datiert. Mit der Folge, dass Produkte, obwohl sie quasi unbeschränkt haltbar sind, in den Kübel wandern und – zum Wohl der Industrie – frühzeitig ersetzt werden.

Der Datierwahn macht selbst vor Shampoos, Duschmitteln, Feuchtputztüchern, Gleitcreme und Kaugummi nicht Halt. «Eine Angabe des Haltbarkeitsdatums erachten wir als Dienst am Konsumenten. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, den Absatz zu erhöhen», lässt Migros verlauten. Auch bei Coop will man von unnötigem Datumsaufdruck oder absichtlicher Frühdatierung nichts hören. «Wir gehen nicht davon aus, dass die Leute die Waren wegwerfen, nur weil das Datum abgelaufen ist», wiegelt Pressesprecher Jörg Birnstiel ab. Die überflüssigen Datumsangaben will er als «Info-Mehrwert» verstanden wissen.

Doch nicht nur Datumsangaben verleiten Konsumenten zur vorzeitigen Entsorgung von Konsumgütern. «Gerade bei elektronischen Geräten wird tendenziell ersetzt statt repariert», stellt Karin Frick, Leiterin Forschung am Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI), fest. Gemäss dem Schweizerischen Wirtschaftsverband der Informations-, Kommunikations- und Organisationstechnik (Swico), der sich auch ums Recycling ausgedienter Geräte kümmert, hat hierzulande die Rücklaufmenge allein innert Jahresfrist um 25 Prozent zugenommen. «Im letzten Jahr wurden in der Schweiz 2,5 Kilogramm Elektronikschrott pro Einwohner gesammelt, das dürfte die weltweit grösste Menge sein», sagt Swico-Mann Peter Bornand.

Reparatur würde sich oft lohnen
Kein Wunder, setzt doch der Handel alles daran, den Absatz anzukurbeln. «Auch mir wollte man mit allen Mitteln den Kauf eines neuen Computers schmackhaft machen», ärgert sich die Grafikerin Helen James. Ihr Apple-Laptop, der zu Boden gefallen war, musste zur Reparatur – sie brachte ihn zur Abklärung einem Apple-Importeur. Der Befund: ein Sprung im Plastik des Gehäuses. Die Kosten: 1707 Franken, da laut Servicetechniker zusätzlich zum Gehäuse der Bildschirm ausgewechselt werden müsse. Der Rat: Sie solle besser für 3200 Franken ein neues Gerät kaufen, da sich die Reparatur des vor zweieinhalb Jahren für 4960 Franken erstandenen Geräts nicht lohne. Heutige Rechner seien sowieso viel schneller.

Als zusätzlichen Anreiz erlässt der Händler beim Kauf eines neuen Computers die Hälfte der Kosten für den Kostenvoranschlag, die immerhin 168 Franken betragen. «Ich habe die 168 Franken bezahlt und meinen Computer samt Sprung im Gehäuse wieder mitgenommen. Er läuft nach wie vor tadellos», sagt Helen James.

Tatsächlich lohnt sich die Reparatur eines zwei Jahre alten Computers laut Experten allemal, wenn die Reparaturkosten den Preis für ein neues Gerät nicht übersteigen. Trotzdem schrecken viele Konsumenten vor den horrenden Reparaturpauschalen der Hersteller zurück. Muss ein Gerät eingeschickt werden, kostet das beispielsweise bei Apple mindestens 460 Franken. Je nach Modell kann diese Mindestpauschale, die nur bei Schäden durch «normale Benutzung» zur Anwendung kommt, sogar bis zu 840 Franken betragen. Bei mechanischen Defekten werden zusätzliche Kosten verrechnet. Wo allerdings die normale Benutzung aufhört, ist laut Apple-Produktemanager Rolf Lehmann «Ermessensfrage».

Nebst der Tatsache, dass der Verkauf eines neuen Computers den Umsatz steigert, kommt den Händlern auch der kostenlose «Computerschrott» zugute, den die Konsumenten zurücklassen: «Der Handel schlachtet die Geräte, sofern sie noch taugen, häufig für Ersatzteile aus oder möbelt sie auf und verkauft sie als Occasionen», erklärt Lehmann freimütig.

Andere Waren des täglichen Gebrauchs sind mittlerweile so billig, dass sich ihre Reparatur – abgesehen von ökologischen Erwägungen – nicht lohnt. Kaum jemand wird sich die Mühe nehmen, eine offene Naht bei einem T-Shirt zu nähen, das gerade mal acht Franken gekostet hat.

«Schon beim Kauf praktisch Abfal

«Wir haben immense Probleme mit dem Absatz der gesammelten Kleider. Waren früher 60 Prozent der gesammelten Kleider noch tragbar, sind es heute gerade mal 40 Prozent», sagt Texaid-Sprecher Bernhard Burger. «Das liegt daran, dass die Kleidungsstücke heute so billig sind, dass sie nach zehnmaligem Waschen schon ausgelaugt sind. Was man in Billigläden ersteht, ist ja praktisch schon Abfall.»

Bei den Schuhen sieht es ähnlich aus. Kaum jemand lässt ein Paar Sandalen, das er für 39 Franken gekauft hat, für 30 Franken neu besohlen. Mit gravierenden Folgen fürs Gewerbe, wie das Beispiel Berner Oberland zeigt: «1950 waren dort rund fünfzig Schuhmacher tätig, heute sind es noch etwa zehn», sagt Hermann Wiedmer, Vorstandsmitglied des Fachverbands für Orthopädie-Schuhtechnik OSM. «Vielen Schuhmachern bleibt nur die Spezialisierung, vor allem auf die Orthopädie.»

«Besonders ärgerlich sind Produkte, die sich gar nicht reparieren lassen, etwa Geräte, deren Gehäuse zugeschweisst oder genietet sind», sagt Hans-Peter Fahrni vom Buwal. Neben billigen Elektronik- und Elektrogeräten gehören vor allem Spielwaren zu den Produktegruppen, die Sollbruchstellen mit Reparaturunfähigkeit elegant vereinen. «Ein klassischer Fall sind Kassettengeräte für Kinder», sagt Tobias Egger, Werkstattleiter der Berner Reparaturwerkstatt Gumpesel, die insbesondere Spielzeug repariert und rezykliert: «Bei vielen Produkten sind die Tasten zu schwach konstruiert.»

Ersatzteile vom Hersteller gibt es aber entweder gar nicht, oder sie können nur in Serien à hundert Stück eingekauft werden. Ein Geschäft lässt sich mit solchen Reparaturen kaum machen: «Angesichts der Qualität der Produkte rechnet sich eine Reparatur häufig nicht», stellt Egger ernüchtert fest.

«Selbstverständlich hat die Industrie das grösste Interesse, uns zum Wegwerfen zu verführen, um Neues absetzen zu können. Das ist die Logik unseres Systems», sagt Karin Frick vom GDI. «Sie macht sich sowohl unsere Unersättlichkeit als auch unsere Bequemlichkeit zunutze.»

Riesige Müllberge dank Kaffeegenuss

Besonders offenkundig wird dies bei Produkten, die per Definition eine kurze Lebensdauer haben, etwa Einweg-Bodenputzlappen und Slipeinlagen für jeden Tag. Nespresso-Kapseln beispielsweise, von denen 2003 weltweit rund eine Milliarde Stück hergestellt wurden, tragen mit 1700 Tonnen Aluminium zum Müllberg bei. Mit dem nach Gebrauch feuchten Kaffee sind es gar 14'200 Tonnen. Zwar soll laut Nespresso die Rücklaufquote in der Schweiz 40 Prozent betragen. Weltweit dürfte sie aber ungleich niedriger sein, da sich in allen andern Vertriebsländern das Rücknahmesystem bestenfalls im Aufbau befindet, wie eine Nespresso-Sprecherin erklärt.

Den Einweggedanken bis aufs Letzte ausgereizt hat der amerikanische Kontaktlinsenhersteller Johnson & Johnson. Er verkaufte Tageskontaktlinsen, die praktisch identisch waren mit den Monatslinsen aus demselben Sortiment – allerdings für rund zehnmal weniger Geld und mit dem Vermerk auf der Packung, die Linsen seien ausschliesslich für den täglichen Gebrauch bestimmt. Das sollte verhindern, dass Linsenträger, die ihre Sehhilfen nicht jeden Tag fortwerfen mochten, die billigen statt der teuren Linsen benutzten. Doch die Schlaumeierei des Linsenfabrikanten flog auf: Der zuständige Gerichtshof in New Jersey entschied in einer von Konsumenten angestrengten Sammelklage, dass der Vermerk irreführend sei, und verknurrte das Unternehmen dazu, den getäuschten Kunden in den USA Geld zurückzuzahlen.

Veröffentlicht am 15. März 2004