«Der Papst in Rio: So viele Fans wie die Stones». Diese Überschrift wählte eine grosse Schweizer Tageszeitung, als sie Ende Juli über den 28. Weltjugendtag in Rio de Janeiro berichtete.

Auf den ersten Blick würde man bei Papst Franziskus und Rolling-Stones-Frontmann Mick Jagger wesentlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten vermuten. Spontan fällt einem etwa die unterschiedliche Auffassung von Lifestyle und Sexualmoral ein.

Doch nicht nur altersmässig sind sich der 70-jährige Mick Jagger und der nur sechs Jahre ältere Jorge Mario Bergoglio mit dem Künstlernamen Franziskus näher, als man denkt: Ähnlich wie die Rolling Stones mit ihrem legendären Konzert im Jahr 2006 an der Copacabana die Massen in quasireligiöse Verzückung versetzten, vermochte auch der Pontifex beim Welt­jugendtag 2013 zu ekstatischen Begeisterungsstürmen hinzureissen.

Der Andrang von rund drei Millionen Teilnehmern beim katholischen Open Air lässt sich vermutlich nicht nur damit erklären, dass der Bussgerichtshof des Vatikans im Vorfeld bekanntgegeben hatte, die Kirche gewähre jedem einen vollständigen Ablass, der die Feierlichkeiten in Rio live verfolge.

Twittern statt zittern

Um einen Ablass zu erhalten, hätten die Gläubigen nämlich nicht extra nach Brasilien reisen müssen. Der Vatikan weitete den Gnadenakt ausdrücklich auch auf all jene aus, die den Grossanlass über den päpstlichen Twitter-Account mitverfolgen, was der Weltpresse ein erstauntes Raunen entlockte. So generiert man Follower.

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Ein Ablass verkürzt nach katholischer Glaubenslehre die Zeitspanne, die der Gläubige nach seinem Tod zwecks Läuterung im Fegefeuer verbringen muss. Diese Praktik sorgte schon im Mittelalter für ­Aufregung, als die Kirche Ablässe für Geld zu verkaufen begann. Das verärgerte einige Gottesfürchtige so nachhaltig, dass es zur Spaltung des westlichen Christentums kam. Daraufhin wurde der Ablasshandel Mitte des 16. Jahrhunderts streng verboten.

Statt für Geld gibts den Ablass nun also per Twitter. Bislang hat diese Massenbegnadigung noch keine erneute Kirchenspaltung provoziert. Jedoch gewinnt der Songtitel «Sympathy for the Devil» («Mitleid mit dem Teufel») der Rolling Stones angesichts schwindender Fegefeuer-Kunden ganz neue Aktualität.

Dass der Vatikan mit seiner modernen Ablasspolitik die sozialen Netzwerke offi­ziell in direkte Verbindung mit der Aufenthaltsdauer im Fegefeuer bringt, verblüfft nur kurz. So manch ein social-media-mürber Internetnutzer wird vielmehr wissend nicken.

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Ob nun Promis und Sternchen permanent jede Nichtigkeit ihres Alltags über Twitter und Facebook verkünden, Politiker versehentlich intime Abbildungen ihrer Körperteile an die ganze Welt verschicken oder Susi Müller der Menschheit täglich gewissenhaft mitteilt, was sie zu Mittag gegessen hat: Dieses globale Rund-um-die-Uhr-Geplapper wurde einst als Segen der kommunikativen Vernetzung miss­verstanden. Nun ist es höchstinstanzlich als Vorhölle auf Erden entlarvt.