Der Sieg der B-Junioren des FC Muri AG im wichtigen Meisterschaftsspiel ist ganz nach dem Gusto des Trainers. Alle taktischen Ratschläge wurden befolgt, auch kämpferisch haben die Jungs alles gegeben. Zur Feier des Sieges spendiert er seinen 14- bis 15-jährigen Zöglingen einen Harass Bier. Na dann Prost!

Alkohol zur Belohnung nach dem Juniorenmatch? «So etwas ist bei uns leider einmal vorgefallen», sagt Thomas Fässler, der heute in Muri die B-Junioren trainiert. Mit 320 Junioren hat der Verein eine der grössten Nachwuchsabteilungen der Region. Der spendable Coach ist längst nicht mehr im Amt. Dennoch ist Fässler überzeugt, dass in vielen Juniorenteams nicht nur Pausentee geschlürft wird: «Alkohol im Sportverein ist ein wichtiges Thema, besonders bei den Jungen.»

Auch beim SC Schöftland, bestätigt Juniorenobmann Peter Lüthy: «Leider gehören Tschutten und Bier für viele zusammen.» Der Verkauf von alkoholischen Getränken gehöre zu jeder Festwirtschaft.

Sport und Alkohol – ein merkwürdiges Gespann: Wer Sport treibt, lebt gesund, heisst es im Volksmund. Wer Sport treibt, tut etwas Sinnvolles, sitzt nicht rum und wird nicht drogensüchtig, weiss der Stammtisch. Gut also, dass rund 70 Prozent aller männlichen und die Hälfte aller weiblichen Jugendlichen in der Schweiz Mitglied eines Sportvereins sind.

Wer Sport treibt, trinkt mehr

Doch das zur Zier zahlloser Sporthallen in Stein gehauene Bildnis vom gesunden Geist im gesunden Körper bekommt Risse. Die Analyse «Fakten zur Bedeutung des Sports zur Suchtprävention», die das Bundesamt für Sport (Baspo) veröffentlicht hat, zeigt ein düsteres Resultat für im Verein organisierte Sportsfreunde. Co-Autor Roland Seiler, Experte für Sportpsychologie und Sozialwissenschaften an der Sporthochschule Magglingen, hat unter anderem deutsche Befragungen von 12- bis 19-Jährigen ausgewertet. Einige Ergebnisse lassen sich auf die Schweiz übertragen. Fazit: «Sowohl männliche als auch weibliche Mitglieder eines Sportvereins konsumieren häufiger Alkohol als Jugendliche, die nie Mitglied eines Sportvereins waren.»

Eine andere Erhebung zeigt: 43 Prozent der 16-Jährigen, die im Sportklub sind, trinken wöchentlich Bier – bei den Vereinslosen nur 34 Prozent. Jeder vierte Vereinssportler trinkt wöchentlich Wein, bei der unsportlichen Vergleichsgruppe ist es bloss jeder zehnte. Jeder fünfte Sportler greift zu starkem Alkohol wie Schnaps oder Branntwein, bei den Nichtsportlern sind es nur sieben Prozent. Und wenn nach dem «Rauschtrinken» gefragt wird, waren die 16-jährigen Vereinssportler mehr als doppelt so oft sternhagelvoll wie Sportmuffel.

Am meisten gefährdet sind junge Männer bis 16, die Mannschaftssport (wie Fussball, Handball, Basketball) treiben und Bier mögen. Sie weisen im Vergleich zu Mädchen und Individualsportlern (wie Turner oder Leichtathleten) «einen signifikant höheren Bierkonsum» aus.

In Muri hat Thomas Fässler darauf reagiert: Zusammen mit lokalen Suchtberatungsstellen hatte er ein Forumstheater zum Thema Alkohol organisiert, an dem Junioren, Trainer und Eltern teilnahmen. Reagiert hat auch der SC Schöftland: Steigt dort heute das Fussballfest, erhalten Minderjährige einen roten Eintrittsbändel, der dem Barpersonal zeigt: Alkoholausschank verboten. «Man kann vor dem Alkohol nicht einfach die Augen verschliessen», sagt Peter Lüthy. «Der Sport soll ja die Gesundheit fördern, nicht schädigen.»

Unterstützung erhält Lüthy von der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. Diese hat eine Studie zum Suchtverhalten der Vereinssportler durchgeführt. Obwohl der Schlussbericht erst im Sommer vorliegen wird, steht für Studienleiter Holger Schmid schon heute fest: «Sport ist nicht das Allheilmittel, als das er lange galt. Viele Jugendliche nehmen Suchtmittel, obwohl sie Sport treiben. Diese Realität muss man anerkennen – und etwas dagegen tun.»

Allmählich erkennen die Funktionäre, dass die Vereinsfahne allzu oft von einer Alkoholfahne umweht wird. Das aktuelle Uno-Jahr des Sports soll dazu dienen, die Vorbildfunktion der Vereine aufzupolieren. Baspo und Swiss Olympic helfen dabei – mit der Kampagne «cool and clean». Diese verfolge eine eigentliche «Commitment-Politik», sagt Hanspeter Brigger von Swiss Olympic. Trainer und Funktionäre müssten sich verpflichten, ihre Vereine gesundheitsbewusster zu führen: «Wer Sport treibt, trinkt nicht – dies muss zur neuen Grundhaltung werden.»

Dass die Biermarke Carlsberg die Schweizer Fussballnati und die U21-Auswahl sponsert, ist laut Luca Balduzzi, Leiter Breitensport beim Schweizerischen Fussballverband, kein Problem: «Bei Carlsberg wird für alkoholfreies Bier geworben, und die Sponsorengelder fliessen je zur Hälfte in die Nationalmannschaft und den Nachwuchsfussball.» Zwar gibt Balduzzi zu, dass beim Bierkonsum viele Fussballklubs «nicht sehr gut dastehen» und Bierwerbung im Sport «ein zweischneidiges Schwert» sei. Aber: «Wenn ein Verein im Klubhaus Alkohol verkauft, um damit seine Kasse aufzubessern, liegt das in seiner Entscheidungsbefugnis.»

Roland Seiler vom Baspo dagegen wünscht sich, dass Trainer und Funktionäre Vorbilder werden: «Das beginnt bereits beim Präsidenten, der bei Juniorenspielen mit der Bierflasche in der Hand und dem Stumpen im Mund an der Linie steht.»

Informationen für Sportvereine:

Cool and clean, c/o Swiss Olympic, Postfach 606, 3000 Bern 22, Telefon 031 359 71 11, www.coolandclean.ch

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