Dieser Satz ist ein Fels: «Das Jahr 2009 ist ein Gemeinjahr von 365 Tagen.» Steht in meiner Lieblingslektüre, dem «Appenzeller Kalender auf das Jahr 2009». So einfach, so beruhigend. Dank diesem Bauernkalender weiss ich auch, dass am 24. Januar der Tag 9 Stunden und 15 Minuten dauert, am 6. Mai hingegen bereits 14 Stunden und 42 Minuten. So wird Zukunft berechenbar. Das gibt Hoffnung.

Verstehen Sie mich richtig: Ich mache mich nicht lustig über dieses Jahrbuch. Ich staune, nehme neue Welten wahr und ernst. Was liest man nicht alles über die Zukunft in den übrigen Medien: «Nanomaterialien gehört die Zukunft» oder «Sonnige Aussichten für die Solarbranche» oder «In vier Jahren wird Gendoping die Olympischen Spiele dominieren».

In der besten Zeitschrift der Schweiz hingegen erfahre ich, dass das Haushuhn 21 Tage braucht, um Junge auszubrüten, die Katze rund 56 Tage trächtig ist und die Sau rund 120 Tage. Das war vor 288 Jahren so, als der Appenzeller Kalender von Johs. Tobler, Mathematicus, gegründet wurde. Und das wird auch 2009 so sein. Das sind handfeste Tatsachen, nicht Visionen, Ängste oder wirtschaftliche Orakel wie die Prognosen des Konjunkturforschungszentrums. Und nehme ich die Ausgabe von 1933 zur Hand, weht mich der zeitlose Hauch dieses Traditionsblattes frontal an: «Der Zusammenbruch deutscher und österreichischer Banken und Konzerne führte zu einem Massenrückzug geliehener Gelder, welcher die Sperrung des Geldverkehrs zur Folge hatte.» Der Appenzeller Kalender hat alles schon mal gesehen.

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Die «Verkehrsplage Veloziped»

Natürlich bleibt auch er nicht immer so abgeklärt: Er glaubt an den Mond und seine Phasen. Und so empfiehlt er «Warzen vertreiben bei abnehmendem Mond im Krebs», «Haare schneiden. Für schnelleres Wachstum im Löwen, Widder oder Stier bei wachsendem Mond» und «Kaufen bei wachsendem Mond; Verkaufen bei abnehmendem Mond». Vielleicht sollten die Börsianer es mal damit probieren.

Der Appenzeller Kalender will nichts wissen von all den neumödigen Sachen, die sich so schnell verändern. Hier bleibt alles beim Alten. Das Zeitlose prägt auch die redaktionellen Beiträge der aktuellen Nummer. So beschäftigt sich Thomas Fuchs mit der «Verkehrsplage Fahrrad» – um 1900. Er zeigt, wie sich in Herisau die Leute bedroht fühlten «vom Veloziped-Fahren», das überhandnehme, öfters den Strassenverkehr gefährde und den Leuten wegen des Lärms der Signalhörner den Schlaf raube. Zwei Veloklubs wurden gegründet: Der Freie Radler-Klub der Kantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden warb mit grossen Inseraten für ein Velorennen. Der Veloklub Herisau distanzierte sich mit einem Leserbrief auf der Frontseite der «Appenzeller Zeitung» von der «unnützen Raserei» dieser Veranstaltung. Darauf entgegnete der Freie Radler-Klub gleichenorts: Die wichtigste Renndisziplin sei nicht das Schnell-, sondern das Langsamfahren, bei dem es darum gehe, 200 Meter möglichst langsam zurückzulegen. Der Sieger schaffte es in 17 Minuten.

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Doch Beständigkeit und Tradition in Ehren – etwas lässt mich stutzen. Da steht auf Seite vier: «Der Appenzeller Kalender basiert auf der alten Betrachtungsweise: Die Erde ist Zentrum, alle Planeten samt Sonne drehen sich um sie.» Das ist mir dann doch des Beständigen etwas zu viel.