«Die Freude über unseren neuen Kanton war so gross, da grämt man sich nicht über Kleinigkeiten.» Hubert thalmann, jurassischer Kantonspolizist

Mein Gott, waren das spannende Zeiten damals. Etwas aufbauen, mitformen, von Grund auf – wo hat man diese Chance heute noch? An den 1. Januar 1979, an die Geburtsstunde des Kantons Jura, kann ich mich gut erinnern. An das Gefühl von Erfolg, von Stolz. Zuerst waren wir in der neuen Kantonspolizei nur 40 Mann. Die neue jurassische Polizei sollte ja aus der Berner Kantonspolizei hervorgehen. Aber der grösste Teil der bis 1979 im Nordjura stationierten Polizisten wechselte nach der Kantonsgründung ins Berner Hoheitsgebiet. Das waren Südjurassier, alle für Bern und gegen den Jura, die wollten nicht bei uns bleiben.

Aber wir wuchsen schnell, jeden Monat kamen drei bis fünf Männer hinzu aus den Kantonen Genf, Neuenburg oder Waadt. Alles Nordjurassier wie ich, die in anderen Kantonen ihren Dienst taten, weil sie nicht für die Berner Kantonspolizei arbeiten wollten. Alle kehrten sie 1979 zu uns zurück, wollten mithelfen, unserem Kanton dienen. Die erste Zeit war ziemlich chaotisch. Und kompliziert. Bilden Sie mal aus einem Polizisten, der in Genf ausgebildet wurde, und einem, der im Nordjura stationiert war, ein Team. Der aus Genf denkt in strengen Hierarchien. Der aus dem Nordjura ist ein Dickschädel und arbeitet viel selbständiger. Untereinander ist man lockerer. Aber es ging gut, wir waren enthusiastisch.

Mit zwei Schrottkisten fingen wir an

Den Enthusiasmus hatten wir auch dringend nötig bei dem, was uns die Berner Kantonspolizei aus ihrem Bestand überliess. Die gaben uns nur das weiter, was sie selbst nicht mehr brauchen konnten. Irgendwie verstehe ich das auch, ich würde ja auch nur den alten Krempel abtreten, wenn ich einen Teil meines Büromaterials verteilen müsste.

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Zwei Dienstautos gaben uns die Berner. Einen uralten BMW, der schon über 200'000 Kilometer gefahren war und am ersten Tag ein Rad verlor. Das andere Auto war auch nicht besser, hielt aber einige Wochen länger. Mit zwei Schrottkisten – so fingen wir an. Na ja, so tat halt jeder mit seinem eigenen Auto Dienst. Und erst die Funkgeräte! Die handlichen, leichten Walkie-Talkies, die neusten Modelle, behielten die Berner natürlich für sich. Wir bekamen die alten, die man sich noch um die Brust schnallen musste. Monatelang liefen wir mit sechs Kilo an der Brust herum. Warnschilder, die man bei Verkehrsunfällen aufstellt, hatten wir auch nicht. Auch keine Zentrale für einkommende Anrufe. Am Feierabend kamen die Anrufe einfach zu einem nach Hause. Es gab Zeiten, da läutete das Telefon am Feierabend jede halbe Stunde. Sass ich mal zufällig am Stammtisch, nahm meine Frau zu Hause ab und kam dann in die Beiz, um mich zu holen.

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Alles war improvisiert. Die Verbrecher dachten sich: «Bern ist abgezogen, die Jurassier haben ihr Gebiet noch nicht so richtig im Griff.» Die hatten damals wirklich das Gefühl, hier herrsche ein gesetzliches Vakuum, ein rechtsfreier Ort. Im ersten Jahr gab es viele Post- und Banküberfälle bei uns. Aber wir haben immer schnell reagiert, sauber gearbeitet. Nur selten entwischten uns die Täter.

Wissen Sie, wir Polizisten führen Befehle aus, wir mucken nicht auf. Das wusste die neue Kantonsverwaltung, und deshalb bekamen wir auch eines der ältesten Gebäude hier in Delémont zugesprochen. Die Büros wurden noch mit alten Dieselöfen beheizt. Im Winter betrug die Raumtemperatur morgens manchmal nur drei Grad. Aber es war eine tolle Zeit, mein Gott. Die Freude über unseren neuen Kanton war so gross, da grämt man sich nicht über solche Kleinigkeiten. Dass es zum Beispiel in den alten Büros keine Schreibmaschinen für uns gab, das war uns egal. Wir kauften uns die Schreibmaschine bei Dienstantritt halt selbst. Eine Hermes 3000 war damals teuer, rund 750 Franken. Das war viel für uns junge Männer. Aber der Kanton borgte uns Geld dafür. Später, als wir mehr verdienten, mussten wir das Geld dann zurückzahlen.

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Lieber harte Stühle als gar keine

Heute, als Chef der Gendarmerie der Kantonspolizei Jura, kann ich nur lachen, wenn ich an die alten Büros zurückdenke. Alte Holzstühle standen dort, völlig unbequem, das kann ich Ihnen sagen. Aber wir Polizisten beklagten uns nicht, wir waren froh, dass wir überhaupt einen Stuhl hatten.

Wir beklagten uns auch nicht, als wir die alten Berner Uniformen erhielten. Wir selbst oder unsere Ehefrauen trennten die Berner Wappen ab und nähten – sobald wir unsere eigenen Abzeichen hatten – die neuen dran. Alles in Handarbeit. Erst etwa ein Jahr nach der Gründung der jurassischen Kantonspolizei bekamen wir unsere Uniform. Monsieur Vauclair, ein berühmter Schneider aus Paris, der schon die Uniform für General de Gaulle geschneidert hatte, war es ein Anliegen, uns mit eigenen Uniformen auszustatten. Monsieur Vauclair, ursprünglich auch Jurassier, wollte uns unterstützen. Für ihn war es ein Akt der Solidarität, uns neue Uniformen zu schneidern. Die hatten Stil, sage ich Ihnen. Die strahlten einen gewissen Pariser Schick aus. Das Blau des Stoffs gefiel mir so gut, ein spezielles Blau, strahlend irgendwie.

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Ich möchte noch etwas sagen, was mir sehr wichtig ist: Auch wenn sich die Berner und die jurassischen Politiker damals die Köpfe einschlugen – ich verstand mich immer gut mit meinen Berner Kollegen. Wir Polizisten sind nicht politisch. Deshalb.