Unser Programm sollte eigentlich erst um elf Uhr beginnen, aber Jun, der TV-Reporter, wollte schon vor dem Steinstossen zu drehen anfangen. So standen wir halt bereits um acht Uhr morgens auf dem Interlakner Höheweg und schauten zu, wie die Marktstände für das Unspunnenfest aufgebaut wurden.

Jun filmte alles, was ihm vor die Kamera kam: Gemeindearbeiter, Trachtenleute, Einheimische - egal. Wenn ihm etwas interessant erschien, so sprach er die Menschen einfach an, hielt ihnen die Kamera vors Gesicht und fragte sie aus. Dabei sprach er kaum ein Wort Englisch und musste immer wieder auf meine koreanische Kollegin Jean zurückgreifen. Sie arbeitet in Südkorea für Schweiz Tourismus und spricht zum Glück hervorragend Deutsch.

120 ausländische JournalistenJun arbeitet für den nationalen südkoreanischen Sender NBC und realisierte hier eine dreiteilige Sendung über die Schweiz. Er war einer von rund 120 ausländischen Journalisten, die zum Abschluss einer fünftägigen Pressereise von Schweiz Tourismus das Unspunnenfest besuchten. Als Verkaufsleiterin bei Interlaken Tourismus betreue ich den asiatischen Markt, und so war es klar, dass ich die koreanische Gruppe übernehmen würde.

Für mich war es bereits das dritte Unspunnenfest, das ich erlebte. Mein Grossvater war ein Schwinger, und so gehörte das Fest einfach dazu. Ehrlich gesagt, sind Schwingen und Jodeln sonst nicht wirklich meine Welt. Aber das Unspunnenfest findet nur alle zwölf Jahre statt, und da finde ich das durchaus interessant. In unserem Team haben wir uns in den vergangenen Monaten recht intensiv mit dem Fest befasst. Wir lasen Bücher und Artikel und besuchten zur Vorbereitung auch Leute, die das Brauchtum pflegen; unter anderem eine Trachtenschneiderin oder den Steinstösser Peter Michel.

Das ist wie beim Sumo-Ringen
Am Fest selber brauchte ich dieses Wissen nur selten. Juns Hauptinteresse galt dem Steinstossen und dem Schwingen, Volkstänze und Jodeln interessierten ihn weniger. Mein Job war es, das Programm zu organisieren - und vor allem, Jun nicht aus den Augen zu verlieren. Er war wie ein Phantom: eben noch hier, im nächsten Moment bereits wieder 20 Meter weiter. In den Tausenden von Besuchern am Unspunnenfest war es nicht einfach, ihm auf den Fersen zu bleiben, aber wir fanden uns immer wieder.

Zu meinen Aufgaben gehörte auch, für Jun Kontakte zu knüpfen und zu vermitteln. So wollte er am Nachwuchsschwinget auf der Höhenmatte unbedingt vom Lastwagenanhänger herunter filmen, auf dem das Kampfgericht sass. Solche Dinge liessen sich erstaunlich einfach arrangieren. Die Leute waren uns gegenüber sehr offen und hatten auch keine Angst vor der Kamera. Jun konnte hautnah drehen, wie enttäuschte Jungschwinger mit den Betreuern ihre Niederlage besprachen oder Szenekenner miteinander die Zwischenrangliste diskutierten. «Das wird ja nur in Korea ausgestrahlt», sagten mehrere der Gefilmten.

Vom Wagen des Kampfgerichts durfte Jun dann wirklich drehen - und nicht nur das: Der Schwingerobmann persönlich erklärte ihm den Gabentempel; dass die Besten beim Nachwuchsschwingen eine Treichel und die weniger Guten einen Stuhl erhalten. Und dass die Preise eher symbolisch sind, weil es beim Schwingen um die Ehre und nicht um materiellen Gewinn geht. Das sei wie beim Sumo-Ringen, erklärte der Obmann weiter, aber ich bin nicht sicher, ob Jun diesen Vergleich verstanden hat. Die Regeln waren sowieso schwierig zu vermitteln. Wie erklärt man jemandem, der nicht Deutsch spricht, was ein «Brienzer», ein «Buur» oder ein «Wyberhaagge» ist?

Jun war leider nicht ganz zufrieden, weil er mehr Action und vor allem mehr Emotionen vom Publikum erwartet hatte. Die Südkoreaner sind ein ziemlich emotionales Volk, und so war es für ihn schwierig zu verstehen, dass die Zuschauer am Jugendschwingfest einfach dasassen und nur ab und zu bei einem gelungenen Angriff klatschten oder «Hopp» riefen. Ich sprach deshalb sogar drei junge Innerschweizer an und versuchte sie zu motivieren, ihren Kollegen im Sägemehlring lautstark anzufeuern. Sie sagten zwar zu, aber als Jun dann mit der Kamera kam, taten sie keinen Wank und erklärten, beim Schwingen sei das verpönt.

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Jodelnde Japaner
Schwingen ist in Südkorea übrigens nicht ganz unbekannt. Es gibt eine Sportart namens Ssireum, bei der nach ähnlichen Regeln zwei Männer miteinander ringen; allerdings mit nacktem Oberkörper, und statt Schwingerhosen tragen sie um die Beine geschlungene Bänder. Überhaupt kennt man Schweizer Brauchtum in Asien gut. In Seoul etwa gibt es einen Jodlerklub «Edelweiss», und als ich letztes Jahr in Japan zum Jubiläum einer Bergbahn eingeladen war, trat dort ebenfalls ein Jodlerchor auf. Es waren lauter Japaner, und sie sangen «Min Vatter ischt en Appezöller» - akzentfrei.