Eine pflegerische Ader hatte ich schon immer. Als ich vor 18 Jahren ein Inserat sah, in dem Leute für Sterbebegleitung gesucht wurden, war das ein Zeichen für mich. Ich glaube nicht an Zufälle, im Leben hat alles einen Sinn. In der Familie hatte ich schon einige Todesfälle und Schicksalsschläge erlebt; ich wollte mich anderen Menschen zuwenden, die sich in solch schwierigen Lebenssituationen befinden. Der Ausbildungskurs im Krankenhaus war sehr lehrreich, im praktischen Teil wurde der Betrieb des Spitals vorgestellt, im theoretischen hinterfragten wir unsere Motivation und unsere eigene Lebenssituation. Kann ich das? Kann ich alles hinter mir lassen und mich ganz einem anderen Menschen öffnen? Mich auf seine Situation einlassen?

Hilfreiche Wesen begleiten uns

Seit Mitte Januar bin ich Präsidentin des neu gegründeten Vereins Freiwillige Sitzwache des Spitals Männedorf. Wir haben 25 Mitglieder. Unser Ziel ist, dass niemand allein sterben muss. Wir arbeiten eng mit der Seelsorge und dem Pflegepersonal zusammen. Unsere Hilfe leisten wir nur in Absprache mit den Pflegefachleuten, den Patienten und ihren Angehörigen.

In meinem Leben habe ich den Tod nie verdrängt oder ausgeklammert. Manchmal stelle ich mir vor, wie das für meine beiden Töchter sein wird, wenn ich einmal nicht mehr hier bin. Ich glaube fest an ein Weiterleben nach dem Tod. Ich bin mir sicher, dass wir nicht allein sind, dass uns hilfreiche Wesen auf dem Weg ins neue Leben nach dem physischen Tod begleiten. Meine Lebenserfahrung hat mich in dieser Überzeugung bestärkt. Dies gebe ich auch den Sterbenden weiter, wenn sie denn noch ansprechbar sind und danach fragen. Andernfalls versuche ich, ihnen das innerlich mitzuteilen, damit sie keine Angst haben müssen.

Jeder Mensch stirbt anders, jeder hat seinen ganz individuellen Weg in den Tod. Es ist schön, wenn jemand friedlich einschlafen kann. Dank guter Beruhigungsmedikamente müssen die Patienten heute nicht mehr so leiden, manch einer kann quasi wie im Schlaf hinübergleiten. Andere wehren sich aber gegen den Tod, oftmals werden sie von ungelösten Problemen oder Streitigkeiten gequält.

Manche wollen lieber allein sterben

Mozart sagte einmal, er gehe nie am Abend ins Bett, ohne daran zu denken, dass er vielleicht am nächsten Morgen nicht mehr aufstehen werde. Mir geht es ähnlich. Ich denke häufig, wenn ich aus dem Haus gehe, dass ich vielleicht nicht mehr zurückkehren könnte. Mir ist es deshalb sehr wichtig, möglichst nichts aufzuschieben, jetzt und heute zu leben und belastende Dinge schnell zu bereinigen. Momentan habe ich das Gefühl, ich könne gut gehen. Aber wer weiss, wie es sein wird, wenn es denn so weit ist.

Einmal habe ich eine Amerikanerin während ihrer letzten Lebenszeit begleitet. Sie war hier in der Schweiz in den Ferien und stand mit Mitte 60 noch voll im Leben. Doch nach einer Operation verlief die Wundheilung schlecht, sie fragte oft, weshalb es ausgerechnet sie treffe und so früh. Für sie war diese Situation sehr schwierig, und sie hatte grosse Angst. Erst als ihr Sohn aus den USA kommen konnte, ist sie gestorben.

Manchmal wollen Todkranke aber lieber allein sterben. Ein Mann wurde von seiner Frau ganz liebevoll gepflegt, die beiden hatten eine sehr innige Beziehung. Nach einiger Zeit war die Frau aber so erschöpft, dass die Pflegerinnen sie zur Erholung nach Hause schickten und mich aufboten. Die Frau gab mir die Lieblingsmusik ihres Mannes auf einer CD und verabschiedete sich lange von ihrem Mann. Sie war kaum zu Hause, als ihr Mann friedlich einschlief – zu den Klängen seiner Musik. Ich habe danach länger mit ihr geredet, sie wollte alle Details wissen, konnte sich dann aber damit abfinden, bei seinem Einschlafen nicht dabei gewesen zu sein. Sie verstand, dass der Abschied von den Allerliebsten oft auch für den Sterbenden sehr schwierig ist und er manchmal einfacher gehen kann, wenn er allein ist.

Normalerweise haben wir etwa zwei Einsätze pro Monat, die Nachtschwestern müssen oft allein eine ganze Station betreuen. Wir unterstützen sie in ihrer Arbeit und kümmern uns um die Schwerkranken. Wir sitzen bei ihnen, schweigen, reden, halten die Hände, singen oder beten – je nachdem, was die Patienten wünschen.

Es entsteht immer eine grosse Ruhe

Ich habe meine eigenen kleinen Rituale im Zusammenhang mit dem Sterben. Zum Beispiel bleibe ich meist länger am Bett sitzen, wenn ein Mensch verstorben ist. Es entsteht dann immer eine grosse Ruhe, ich mache das Fenster auf, damit die Seele hinauskann, rein symbolisch, denn sie kann das natürlich ohne Öffnung. Daheim zünde ich eine Kerze an und meditiere. Als mein Mann vor zweieinhalb Jahren starb, konnte ich ihn bis zum Schluss begleiten. Da durfte ich sogar in seinem Sterbezimmer im Spital eine Kerze anzünden, obwohl das sonst verboten ist.

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