Haut sie plötzlich ab? Steht sie bei dieser Jahrhunderthitze all die Strapazen durch? Ist es überhaupt realistisch, mit Shyenne von Winterthur aus einen 700 Kilometer langen Fussmarsch über die Alpen und den Apennin in die Toskana zu wagen? Ich konnte nicht abschätzen, ob sich meine vierjährige Stute über Wochen hinweg mit mir verstehen würde und wie sie sich auf unbekannte Experimente einlässt. Dass sie trittsicher ist, stand fest. Das hatte ich mit ihr ein Jahr zuvor in den Engadiner Bergen eingeübt.

Die Expedition war für mich ein Testlauf: Würde Shyenne die Wegstrecke bis Castagneto südwestlich von Siena schaffen, wäre für das kommende Jahr ein Trekking in Kanada geplant. Würde sie hingegen durchhängen oder würde sonst etwas schief laufen, hätte ich die Übung abgebrochen. Auch dieses Szenario spielte ich durch. Ich kenne Shyenne so gut, dass ich merke, wenn sie die Nase voll hat.

Von Anfang an stand fest, dass ich kaum reiten, sondern den grössten Teil der Strecke zu Fuss mit dem Führstrick neben ihr hergehen würde. Sie hatte mit dem Sattel und dem Gepäck schon rund 40 Kilo zu tragen, ich wollte sie nicht überfordern. Zwar gelten die amerikanischen Quarter Horses als Athleten unter den Pferden. Aber meine «Madame» ist noch sehr jung. Für die 700 Kilometer setzte ich mir bei einem durchschnittlichen Tagessoll von 30 Kilometern und variablen Ruhetagen eine Zeitlimite von maximal acht Wochen.

Das Pferd wieherte leise im Schlaf


Um auf überraschende Zwischenfälle flexibel reagieren zu können, organisierte ich die Unterkunft nicht im Voraus, sondern schaute mich jeweils vor Ort nach einem geeigneten Stall um. Das bewährte sich denn auch. Bei der Tierhaltung steht es in Italien mit der Hygiene nämlich nicht immer zum Besten. Gelegentlich diente uns der freie Himmel als Dach über dem Kopf. Noch heute ist mir Shyennes leises Wiehern in der Nacht präsent, wenn sie, auf dem Boden ausgestreckt, friedlich vor sich hin träumte.

Die 37-tägige Parforcetour lief mühseliger ab, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war mir bewusst, dass Shyenne auf mich angewiesen sein würde und ich Tag für Tag Futter und Wasser würde besorgen müssen. Schon das ist kein leichtes Unterfangen, denn Pferde sind Gewohnheitstiere und fressen nur, was sie kennen und was ihnen schmeckt.

Unmissverständliche Signale des Tiers


Beim Wasser sind sie ebenso wählerisch und rümpfen schnell einmal die Nase. So musste ich rund um die Uhr kontrollieren, was sie frass. Zu viel Klee oder Luzerne beispielsweise kann unter anderem Koliken auslösen, weil sie sehr viel Eiweiss enthalten. Ich war überrascht, dass Shyenne intuitiv aufhörte, davon zu fressen, auch wenn sie sicherlich noch Hunger hatte.

Wie intensiv mich Shyenne wahrnahm, beeindruckte mich. Häufig irrten wir in der Gegend umher, weil die Landkarten ungenau waren oder Einheimische uns in eine falsche Richtung wiesen. Ich redete immerzu auf das Pferd ein, in der Hoffnung, es würde etwas verstehen – vielleicht aber auch nur aus Verlegenheit.

Als ich einmal total am Anschlag war, ging meine Begleiterin zu meinem Erstaunen voll auf mich ein. Es war unerträglich heiss, wir hatten kein Wasser mehr und mussten noch auf einen Berg steigen. Vor lauter Erschöpfung bekam ich einen Heulkrampf. Obwohl Shyenne ebenso am Limit war, liess sie mich aufsitzen und trug mich zehn Minuten lang im Eiltempo den Hügel hoch. Als ich eine Verschnaufpause für sie einlegen wollte, signalisierte sie mir mit nach hinten gestellten Ohren unmissverständlich, dass sie es auch ohne schaffe.

Ob sie mir damit einen Freundschaftsdienst erweisen wollte, weiss ich nicht. Ich wage aber zu behaupten, dass sie sich besser in mich hineinfühlen konnte als umgekehrt. Das setzt Vertrauen voraus. Und das darf nicht missbraucht werden.

Es war eine stete Gratwanderung: «Traue ich ihr zu viel zu, bringe ich sie in Gefahr», sagte ich mir oft. Langsam entwickelte sich zwischen uns ein stilles Übereinkommen, dass sie in schwierigen Situationen frei entscheiden konnte und auf mich keine Rücksicht nehmen musste. Ein Beispiel: Sie machte vor einem steilen Abhang Halt, den ich schon heruntergekraxelt war. Ich schaute zu ihr hoch und dachte: Ich weiss, du kannst es, aber ich weiss nicht wie. Das Pferd kam auf dem Hintern runtergerutscht und bremste mit den Hufen ab. Hätte es diese Mutprobe verweigert, wäre ich wieder hochgestiegen.

Die Beziehung nicht vermenschlichen


Überraschend kooperativ zeigte sich Shyenne am letzten Tag. Gemäss Karte lagen noch 18 Kilometer vor uns. Einmal mehr wurden wir irregeleitet. Der Endspurt zog sich über 60 Kilometer hin. Auch jetzt stellte sich die Frage, ob ihr meine Erklärungsversuche einleuchteten, wir würden noch am selben Tag im Haus meiner Freundin erwartet. Als wir nach mehr als zwölf Stunden völlig verschwitzt am Ziel eintrafen, rief ich ihr überglücklich zu: «Wir haben es geschafft.» Sie schien zu realisieren, wie stolz ich auf sie war.

Das Verhältnis zwischen Shyenne und mir wurde im Verlauf dieser Expedition von Tag zu Tag intensiver. Aber vermenschlichen will ich unsere Beziehung nicht. Mir widerstrebt jeder Ansatz von «Kitschtümpel». Das ist mein Lieblingswort für Gefühlsduselei.

Quelle: Stefan Kubli