Meine Kundschaft setzt sich zu rund einem Viertel aus Frauen und zu drei Vierteln aus Männern zusammen. Der kleine Unterschied manifestiert sich meist schon beim Betreten der Buchhandlung. Die Männer steuern eher auf die Bildbände zu, die Frauen auf erotische Geschichten. Für einmal ein Klischee, das sich bestätigt: Männer suchen einen direkteren Zugang zum Sex. Sie wollen sehen, was Sache ist. Bei den Frauen spielt sich mehr über die Fantasie ab.

Allerdings gibt es auch Kundinnen, die Freude an Fotografien von schönen Männern und Paaren haben. Die bitten mich meistens um Hilfe bei der Suche, denn gerade riesig ist die Auswahl von Männerbildern für Frauen nicht. Natürlich gibts prächtige Bildbände für Schwule, aber die sprechen Frauen in der Regel nicht an. Hingegen sehen sich auch heterosexuelle Frauen gern Frauenbilder an.

Bildmaterial für Samenspender
Etwa vor Jahresfrist betrat eine diskret und geschmackvoll gekleidete Dame in den Vierzigern den Laden. So stellte ich mir eine Direktionssekretärin vergangener Zeiten vor. Sie zierte sich denn auch ein wenig, bevor sie ihr Anliegen, das eng mit ihrem Beruf zusammenhing, vorbrachte. Sie arbeitete in einem Labor, das unter anderem Sperma analysiert. Jedenfalls brauchte sie Bildmaterial, um die Samenspender auf Touren zu bringen. Wobei sie ausschliesslich Bilder mit Stil und keine Schmuddelbilder wollte. Wir haben dann gemeinsam was gefunden – ob ihr Plan Erfolg hatte, weiss ich allerdings nicht.

Selbstsicherheit ist bei Männern keine Selbstverständlichkeit. Ich denke da an all jene, die erst zweimal an der Buchhandlung vorbeigehen, die Auslage flüchtig betrachten und sich, wenn es niemand sieht, hineinschleichen. Sie meiden den Blickkontakt, verdrücken sich hinter den Bücherregalen und machen sich auf leisen Sohlen wieder davon.

Dann gibts auch die Unschlüssigen. Sie stehen etwas verschupft herum, nehmen hier ein Buch aus dem Gestell, blättern etwas, gehen zu den Magazinen über und gucken sich in Eile die Bilder an.

Ich frage sie dann, ob sie etwas Bestimmtes suchten. Die meisten schätzen das, sie tauen schnell auf. Gerade die Liebhaber von spezieller Literatur – Fetisch und S/M – äussern, ohne zu zögern, ihre Wünsche. Damit habe ich keine Probleme; die dreijährige Tätigkeit im Erotic Book Store hat mir gezeigt, dass Normalbürger auch mal Interesse an etwas ausgefallenen erotischen Praktiken haben. Nicht zuletzt fasziniert auch mich das breite Spektrum der erotischen Literatur – ein Autor beschreibt mit viel Einfühlungsvermögen intime Gefühle, ein Fotograf zeigt dagegen Intimitäten im Grossformat.

Diese Fülle überfordert auch mal einen Erstbesucher – selbst wenn ich ihn berate. Da fasst sich ein Mann ein Herz: Er will seine Freundin erotisch beschenken. Plötzlich ist er sich unschlüssig, ob er nun erotische Kurzgeschichten, einen Bildband oder ein Hörbuch schenken will.

Die ältesten Kunden sind über 80
Dann verlässt er halt unverrichteter Dinge den Laden. Ab und zu kommt es vor, dass einer später zusammen mit seiner Freundin zurückkommt. Überhaupt sind Paarbesuche keine Seltenheit mehr. Auffällig ist, dass sich viele im Fetischbereich länger aufhalten. Über die Literatur versuchen sie auszuloten, ob die Fantasien des andern in die gleiche Richtung gehen wie die eigenen. Mag sein, dass hier eine Erweiterung ihres Sexuallebens beginnt.

Die Paare sind in der Regel Mitte 20 und älter. Unter 20-jährige Kunden kommen meistens in Begleitung von Kollegen. Auch zwei Frauen unter 20 sind schon in die Buchhandlung gekommen – doch die haben wirklich Seltenheitswert. Den unter 16-Jährigen ist der Eintritt von Gesetzes wegen verwehrt – nach oben gibt es jedoch keine Altersgrenze. Die ältesten Männer sind sicher über 80.

Kein schmuddeliger Sexshop
Amüsant war der Besuch einer etwa 70-jährigen Frau, die ganz begeistert war von den Büchern und Heftli. Sie fand es richtig schade, dass es so etwas früher nicht gab. Ein Aufsteller ist auch der ältere Herr, der seit Jahren immer wieder erscheint. Zuerst hat er sich fast entschuldigt, dass er sich hierher verirrt habe. Doch nun, drei Jahre nach dem Tod seiner Frau, habe er die Erotik wieder für sich entdeckt – wenn auch nur zwischen zwei Buchdeckeln.

Manche Kunden haben spezifische Interessen: Pos, Intimschmuck, Unterwäsche. Wieder andere suchen Fachliteratur zu Themen wie «Erotik im Alter», «Behinderte und Sexualität» oder «Frauen und Pornografie». Diese Kunden werden von mir auch über Neuheiten informiert, die sie sich im Laden ansehen können.

Die Kunden merken sofort, dass sie sich in einer Buchhandlung befinden und nicht in einem schmuddeligen Sexshop. Sie verhalten sich auch entsprechend.

Hinausgeworfen hab ich in drei Jahren nur zwei Besucher. Beide vergassen ihre gute Kinderstube und schwelgten in Obszönitäten. Da gibts für mich eine klare Grenze: Wer sich nicht zu benehmen weiss, hat hier nichts zu suchen.

Anzeige