Wahnsinnig. Super. Grossartig. Unvergleichlich und unbezahlbar. Diese Obdachlosen-WM war für mich das Spiel fürs Leben. Ich werde es tief in meinem Herzen bewahren. Strassenfussball ist nun wirklich nicht meine Stärke. Mit dem Treffen habe ich etwas Mühe. An der WM in Göteborg bekam ich oft zu hören, ich sei flink. Als Frau fiel ich natürlich besonders auf. Unter den rund 200 Teilnehmern aus 26 Ländern waren insgesamt nur drei Spielerinnen zu finden. Schade.

Eine Frau kann die Stimmung in einem Männerteam positiv beeinflussen. Sie legt Wert auf das Miteinander und weniger auf den Konkurrenzkampf. Die Kollegen sind mir denn auch durchwegs mit Respekt begegnet. Ich wurde nie gefoult. Im Gegenteil: Vor dem Spiel bekam ich von unseren Gegnern oft einen Handkuss. Ein Zeichen dafür, dass der Sieg eben nicht im Vordergrund stand.

Berührende Sympathiekundgebungen


Im Vergleich zur letzten Strassenfussball-WM für Obdachlose in Graz hat sich unser Team um zwei Plätze verbessert, nämlich vom letzten auf den drittletzten, vor Japan und der Slowakei. Mit der Verlosung der Gruppen hatten wir halt Pech. Wir gaben trotzdem unser Bestes. Gegen Italien verloren wir 17:0. Die waren einfach um Welten besser. Wir begannen ja auch erst drei Monate vor der WM mit dem Training, während andere Nationen das ganze Jahr über am Ball waren.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was in zehn Tagen alles ablaufen kann. Im Nachhinein muss ich sagen: Es gibt wohl kaum ein Ereignis, wo man auf so engem Raum auf Menschen mit so unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen trifft. Wir lebten einen aktiven Austausch von Multikulti-Völkerverständigung.

Schon beim Einmarsch mit der Schweizer Fahne auf der Bretterbühne des Götaplatsen flossen ein paar Tränen. Ich spürte, dass alle Teilnehmer von der gleichen Freude und Begeisterung beseelt sind. Strassenfussball kann überall und ohne Aufwand gespielt werden, sogar mit einer Blechdose. In lateinamerikanischen oder afrikanischen Ländern ist er oft die einzig mögliche Freizeitbeschäftigung. Bei vielen Spielern merkte man, dass sie seit Kindsbeinen hinter dem Ball her sind. Mich berührte auch die Sympathiekundgebung der Obdachlosen und Punks aus Göteborg, die uns am Strassenrand mit Trommeln empfingen und uns während der ganzen Spiele begleiteten.

Eine ganz tolle Freundschaft bauten wir zu den sechs Namibiern auf, auch wenn wir im Spiel gegen sie mit 11:7 verloren. In ihrer Heimat leben sie wirklich auf der Strasse und versuchen, sich mit dem Verkauf des dortigen Strassenmagazins «Big Issue» über Wasser zu halten. Sie kamen ohne jegliches Taschengeld angereist und konnten sich weder einen Kaffee noch eine Ansichtskarte leisten. Gleich am zweiten Abend nahmen wir sie mit in den Ausgang. Wir schenkten ihnen unsere roten Käppis mit allen Unterschriften. Während der ganzen WM trugen sie das Souvenir auf dem Kopf. Für übernächstes Jahr haben sie uns zu sich eingeladen. Dann findet die WM in Südafrika statt, und wir hoffen auf einen Abstecher nach Namibia.

Outing kostet einige viel Überwindung


Grossen Respekt hatte ich vor den Japanern. Das war eine ganz heisse Mannschaft, die zu Recht den Fairplay-Pokal bekam, der letztes Mal an die Schweizer ging. Ihr Durchschnittsalter lag bei 53 Jahren. Das zeigt, dass viele dem Druck der Leistungsgesellschaft auf die Dauer nicht mehr standhalten können und sich schliesslich als Parkbankpenner durchs Leben schlagen müssen. Sich öffentlich zu outen und auf der Strasse ein Heftli zu verkaufen muss diese Menschen eine unglaubliche Überwindung kosten. Ich habe mich nie geschämt, im Basler Gundeli-Quartier das Strassenmagazin «Surprise» anzubieten. Nach der Diplommittelschule fand ich wie so viele keine Stelle. Die Jugendarbeitslosigkeit ist ja nicht mehr zu übersehen.

Besser als jede Psychotherapie


Dass ich jetzt dank meiner Teilnahme an der Obdachlosen-WM eine Arbeitsstelle finde, scheint mir nicht realistisch. Aber meine Lebenseinstellung hat sich geändert, und das ist unbezahlbar. Seit ich mit so vielen Leuten zusammengekommen bin, die wirklich auf der Strasse stehen, sehe ich meine eigenen Probleme in einem anderen Licht. Ich kann mich mehr als glücklich schätzen, in der Schweiz zu leben, in einem Sozialstaat, der mir ein Dach über dem Kopf garantiert und mich im Alltag unterstützt. Ich muss weder betteln noch stehlen und auch keine Abfallkübel nach Essensresten durchwühlen.

In diesen zehn Tagen habe ich so viel Kraft, Energie und Zuversicht getankt, dass ich mich jetzt nicht mehr so treiben lasse, sondern die Fäden wieder in die Hand nehme. Ich wusste schon vorher, dass ich aus meinem Leben etwas machen will und kann. Göteborg hat mich darin bestärkt. Weder eine Psychotherapie noch ein Motivationsprogramm hätten mich in meiner Entwicklung auch nur annähernd so weit gebracht.

Quelle: Christian Flierl